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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Eine Volksmenge scharte sich um den blutenden Schmied.

»Nicht genug, daß du alle Leute ausgeraubt und ihnen das letzte Hemd vom Leib gezogen hast«, wandte sich eine Stimme an den Wirt, »nun hast du auch noch einen totgeschlagen! Du Schuft!«

Der lange Bursche stand an der Treppe und ließ seine trüben Augen bald über den Wirt, bald über den Schmied hinschweifen, als überlege er, mit wem er sich nun herumschlagen müsse.

»Mörder!« schrie er plötzlich dem Wirt zu. »Bindet ihn, Kinder!«

»Untersteht euch nur, einen wie mich zu binden!« schrie der Wirt, stieß die auf ihn losstürzenden Leute zurück, riß die Mütze vom Kopf und warf sie auf die Erde.

Es war, als habe diese Handlung irgendeine geheimnisvoll drohende Bedeutung: die Fabrikarbeiter traten von dem Wirt zurück und blieben unschlüssig stehen.

»Was Ordnung ist, Freundchen, das weiß ich ganz genau. Und wenn ich bis auf die Polizei gehe! Du denkst wohl, ich gehe nicht hin? Wie die Räuber über andere herzufallen ist auch heute keinem erlaubt!« schrie der Wirt und hob die Mütze wieder auf.

»Gut, gehen wir hin! Gut, gehen wir hin!« wiederholten der Wirt und der lange Bursche abwechselnd immer wieder und gingen zusammen die Straße entlang.

Der blutende Schmied ging neben ihnen her. Die Fabrikarbeiter und fremdes Volk folgten ihnen unter Schreien und Schwatzen.

An der Ecke der Maroseika standen vor einem großen Haus mit geschlossenen Fensterläden und dem Schild eines Schuhmachermeisters gegen zwanzig Schuhmacher mit niedergeschlagenen Gesichtern, magere, abgemattete Gestalten in langen, zerrissenen Röcken.

»Er muß die Leute auszahlen, wie es sich gehört!« sagte ein hagerer Meister mit dünnem Bart und finster zusammengezogenen Augenbrauen. »Das Blut hat er uns ausgesogen, und nun denkt er, wir sind quitt. An der Nase hat er uns herumgeführt, an der Nase – acht Tage lang. Und nachdem es nun bis zum Äußersten gekommen ist, hat er sich aus dem Staube gemacht.«

Als der Meister den blutüberströmten Menschen sah, schwieg er still, und alle Schuhmacher gesellten sich mit hastiger Neugier der vordrängenden Menge bei.

»Wohin gehen denn die Leute?«

»Wohin sollen sie gehen? Zur Obrigkeit gehen sie.«

»Wie denn, haben denn die Genossen nicht mit Recht Gewalt gebraucht?«

»Was du dir denkst? Hör doch, was die Leute sagen!«

Man hörte fragen und antworten. Der Wirt benutzte das Anschwellen der Menge, trat von den Leuten zurück und kehrte in seine Schenke zurück.

Der lange Bursche, der das Verschwinden seines Feindes, des Wirtes, gar nicht bemerkt hatte, hielt ununterbrochen Reden, indem er mit dem nackten Arm hin und her fuchtelte, und zog dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. So drängten sich denn die Leute vorzugsweise um ihn in der Annahme, daß nur er all die Fragen, die sie beschäftigten, aufklären könne.

»Dem werde ich zeigen, was Ordnung, was Gesetz ist! Dazu ist doch die Polizei da. Habe ich es euch nicht gesagt, Rechtgläubige?« rief der lange Bursche mit kaum merklichem Lächeln. »Er denkt wohl, es gibt keine Polizei mehr? Kann man denn ohne Polizei sein? Da würde es nicht wenige geben, die plündern wollten.«

»Was für leeres Gewäsch!« hieß es in der Menge. »Wie denn, soll Moskau wirklich übergeben werden? … Das hat man dir im Spaß gesagt, und du glaubst es nun … Sind unsere Truppen etwa zu schwach, die da kommen … Soweit haben sie ihn nun kommen lassen … Dazu ist die Polizei da … Hört, was die Leute sagen …« klang es durcheinander, und alles zeigte auf den langen Burschen.

An der Mauer von Kitaigorod[198] umringte ein anderer, kleinerer Volkshaufe einen Mann im Friesmantel, der ein Blatt Papier in der Hand hielt.

»Eine Bekanntmachung wird verlesen, eine Bekanntmachung!« hörte man in der Menge, und das Volk drängte zu dem Vorleser hin.

Der Mann im Friesmantel las das Flugblatt vom 31. August vor. Als ihn die Menge umringte, schien er verlegen zu werden, begann aber auf das Begehren des langen Burschen hin, der sich bis zu ihm vorgedrängt hatte, mit leichtem Zittern in der Stimme das Flugblatt von Anfang an vorzulesen.

»Morgen früh fahre ich zum durchlauchtigen Fürsten«, las er – »durchlauchtigen« wiederholte der lange Bursche feierlich mit lächelndem Mund und finster zusammengezogenen Augenbrauen –, »um mit ihm zu beraten, zusammenzuwirken und den Truppen zu helfen, die bösen Feinde zu vernichten. Auch wir werden …« fuhr der Vorleser fort und hielt inne – »Habt ihr’s gehört?« schrie der lange Bursche triumphierend. »Der wird sie schon Mores lehren!« – »ihnen die Seelen aus dem Leib ziehen und diese ungebetenen Gäste zum Teufel jagen. Mittags komme ich zurück, und dann gehen wir an die Arbeit. Wir machen uns dran, machen ein Ende und machen den Bösewichtern den Garaus.«

Als der Mann im Friesmantel die letzten Worte vorlas, war es vollkommen still. Der lange Bursche ließ schwermütig den Kopf hängen. Es war klar, daß das letzte bei niemand Verständnis fand. Hauptsächlich die Worte: »Mittags komme ich zurück« ärgerten den Vorleser sowie seine Hörer sichtlich. Das Volk hatte nur für etwas Höheres Verständnis, dies war zu schlicht und unnötig faßlich, es waren dieselben Worte, die jeder von ihnen hätte im Munde führen können und die deshalb nicht in einer Bekanntmachung, die von der höchsten Behörde ausging, gesagt werden durften. Alle standen stumm und niedergeschlagen da. Der lange Bursche kaute an den Lippen und wand sich hin und her.

»Sollen wir ihn fragen? … Da ist er ja selber! … Ach was, der wird sich durch unsere Fragen bewegen lassen! … Aber warum denn nicht? … Er soll uns beweisen …« ließ sich plötzlich einer aus den hinteren Reihen der Menge vernehmen, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem Wagen des Polizeimeisters zu, der, von zwei berittenen Dragonern begleitet, über den Platz fuhr.

Der Polizeimeister war an diesem Morgen auf Befehl des Grafen ausgefahren, um die Barken in Brand zu setzen, und hatte für diesen Auftrag eine große Summe Geldes ausgezahlt bekommen, das er augenblicklich in seiner Tasche bei sich trug. Als er die auf ihn zudrängende Volksmenge sah, befahl er dem Kutscher zu halten.

»Was ist das für Volk?« schrie er den Leuten zu, die einzeln und schüchtern auf den Wagen zukamen.

»Was ist das für Volk? Ich frage Sie«, wiederholte der Polizeimeister, da er keine Antwort erhielt.

»Sie wollen, Euer Wohlgeboren …« sagte der Beamte im Friesmantel, »sie wollen, Euer Wohlgeboren, auf die Erklärung des erlauchtigsten Grafen hin, ohne ihr Leben zu schonen, der guten Sache dienen, nicht daß es irgendein Aufruhr wäre, wie von dem erlauchtigen Grafen gesagt worden ist …«

»Der Graf ist nicht fortgefahren; er ist hier, und über euch wird schon noch verfügt werden«, sagte der Polizeimeister. »Weiter!« rief er dem Kutscher zu.

Die Menge blieb stehen, drängte sich um diejenigen, die gehört hatten, was die Obrigkeit gesagt hatte, und blickten dem fortfahrenden Wagen nach.

Währenddessen sah sich der Polizeimeister ängstlich um, rief dem Kutscher etwas zu, und seine Pferde schlugen ein rascheres Tempo an.

»Das ist Betrug, Kinder! Kommt, gehen wir zu ihm selber!« schrie die Stimme des langen Burschen.

»Laßt ihn nicht fort, Kinder! Mag er uns Rechenschaft geben! Haltet ihn!« riefen einige, und das Volk lief stürmisch dem Wagen nach.

Unter Lärmen und Schreien rannte die Menge hinter dem Polizeimeister her nach der Lubjanka zu.

»Was soll das heißen? Die Herrschaften und die Kaufleute sind weggefahren, dafür können wir wohl zugrunde gehen? Sind wir etwa Hunde? Was?« hörte man immer häufiger und häufiger aus der Menge.

24

Am 1. September abends kehrte Graf Rastoptschin nach seiner Unterredung mit Kutusow nach Moskau zurück. Er war verärgert und beleidigt, daß man ihn nicht zum Kriegsrat mit herangezogen hatte, daß Kutusow seinem Vorschlag, an der Verteidigung der Hauptstadt teilzunehmen, gar keine Beachtung schenkte, und fühlte sich befremdet durch den neuen Gesichtspunkt, der ihm hier im Lager offenbar geworden war, wonach die Ruhe in der Hauptstadt und die patriotische Gesinnung ihrer Bewohner nicht nur in den Hintergrund gerückt, sondern als etwas völlig Zweckloses und Nebensächliches angesehen wurde.

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198

Kitaigorod: »Chinastadt«, das alte Moskauer Handelsviertel, älteste Vorstadt östlich des Kreml, war früher von einer Mauer umgeben, die angeblich an die große chinesische Mauer erinnerte.

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