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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Obwohl er nicht den mindesten Laut von sich gegeben hatte, legte Angela plötzlich die Hand auf seine Schulter und zischte: »Still!«

Sekunden vergingen. Bremer lauschte auf zahllose eingebildete Geräusche, aber dann hörte er tatsächlich, wie der Aufzug im Stockwerk unter ihnen anhielt und jemand aus der Kabine trat. Er ging aber nur zwei oder drei Schritte weit und blieb dann stehen. Es verging beinahe eine Minute, bis er auch das Geräusch der Treppenhaustür hörte und dann die Schritte eines zweiten Mannes. Ihm war nie zuvor aufgefallen, wie hellhörig das Haus war, in dem er immerhin seit über zehn Jahren lebte. Aber seine Sinne arbeiteten im Moment wahrscheinlich auch mit fünfhundert Prozent Leistung. Gut genug jedenfalls, um ihn erkennen zu lassen, daß sich die beiden Männer nun seiner Wohnung näherten und sich vermutlich an der Tür zu schaffen machten. Dann war ein leises schabendes Geräusch zu hören und ein kaum hörbares, doch nicht zu verkennendes Klicken: Das mußte seine Wohnungstür sein, die vorsichtig ins Schloß gezogen wurde.

»Los jetzt«, sagte Angela. »Bis sie merken, daß wir weg sind, sind wir über alle Berge.« Sie zog ihn fast gewaltsam mit sich und begann die Treppe hinunterzustürmen. Bremer folgte ihr beinahe willenlos. Seine Gedanken waren noch immer in hellem Aufruhr. Er hatte Mühe, sich darauf zu konzentrieren, in der Dunkelheit keinen Fehltritt zu tun.

Angela legte ein Tempo vor, als hätte sie Katzenaugen, und gab sich jetzt auch keine Mühe mehr, leise zu sein. Erst als sie das Erdgeschoß erreicht hatten, blieb sie wieder stehen und machte eine Geste zu Bremer, wieder voraus zu gehen. Jedenfalls nahm er es an. Es war so dunkel, daß er sie nur als Schemen sah.

Vorsichtig öffnete er die Tür und sah genau das, was er insgeheim erwartet hatte: eine verschwommene Silhouette die sich auf der anderen Seite der verglasten Haustür abzeichnete. Den Hinterausgang konnte er von seiner Position aus nicht sehen, aber er war sehr sicher, daß er dort dasselbe gesehen hätte.

»Mit wem zum Teufel haben Sie sich angelegt?« flüsterte Angela. »Mit der Russen-Mafia?«

Bremer drückte die Tür lautlos wieder ins Schloß. Seine Gedanken rasten, aber diese neuerliche, ganz greifbare Gefahr bewirkte etwas vollkommen Unerwartetes: Die Panik verging, und er beruhigte sich zusehends. Ihre Lage war kritisch, aber die Gegner, mit denen sie es jetzt zu tun hatten, waren wenigstens greifbar.

»Der Keller. Wir verstecken uns dort unten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie das ganze Haus durchsuchen.« Er beschloß, das Risiko einzugehen und schaltete die Treppenhausbeleuchtung ein. Angela blinzelte. Im grellen Neonlicht sah ihr Gesicht blasser aus, als er erwartet hatte. Und er sah sehr deutliche Spuren von Furcht darin. Er war nicht sehr überrascht. Angela West war nicht die erste seiner Kolleginnen, die am eigenen Leib erfuhr, wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis manchmal war.

»Kommen Sie«, sagte er aufmunternd. »Spielen wir ein bißchen Verstecken.«

9

Der Raum war objektiv gesehen groß, aber so hoffnungslos vollgestopft, daß er winzig wirkte, und Mecklenburg sich manchmal fragte, wie er und seine Kollegen eigentlich das Kunststück fertigbrachten, sich darin zu bewegen und zu arbeiten, ohne sich ununterbrochen gegenseitig auf die Füße zu treten oder sich die Ellbogen in Rippen oder Gesichter zu stoßen. Manchmal wurde das Gefühl von Enge so schlimm, daß er sich fast einbildete, nicht mehr richtig atmen zu können - was natürlich Unsinn war. Die Klimaanlage sorgte nicht nur für gleichmäßige einundzwanzig Grad Celsius, sondern auch für einen beständigen Zustrom frischer, sauerstoffreicher Luft. Diese Fürsorge galt zwar sehr viel mehr den sündhaft teuren elektronischen Geräten, mit denen das Labor ausgestattet war als seinem lebenden Inventar, wurde aber vielleicht gerade deshalb peinlich genau eingehalten.

Was nichts daran änderte, daß es Mecklenburg manchmal schwerfiel, seine Klaustrophobie weit genug im Zaum zu halten, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Es gab Tage, an denen glaubte er, das Gewicht der ungezählten Tonnen Erdreich und Stein direkt körperlich zu fühlen, die auf der Gewölbedecke lasteten, und unabhängig von allem, was er sah und wußte, spürte er ganz deutlich, daß die Luft mit jedem Atemzug wärmer und sauerstoffärmer wurde.

Heute war einer dieser Tage. Seine Hände zitterten ganz leicht, während er die Feinjustierung eines der zahlreichen Kontrollgeräte überprüfte, die seinen Arbeitsplatz einrahmten und ihm manchmal das Gefühl gaben, sich in der Kulisse eines aufwendigen Science-fiction-Films zu befinden, nicht in einem geheimen Forschungslabor dreißig Meter unter den Straßen Berlins! Seine Augen brannten, und er hatte Mühe, frei zu atmen, Klimaanlage und computerüberwachter Sauerstoffgehalt hin oder her. Einer der Gründe dafür war zweifellos, daß Professor Dr. Hermann Mecklenburg tatsächlich unter einer milden Form von Klaustrophobie litt, der andere war höchst profan: Er war vollkommen übermüdet und am Ende seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Es war sechsunddreißig Stunden her, daß er das letztemal geschlafen hatte, und er wagte nicht einmal darüber nachzudenken, wie lange es noch dauern würde.

»Es geht wieder los.«

Mecklenburg benötigte eine geschlagene Sekunde, um zu begreifen, daß die Worte seines Assistenten ihm galten, und eine zweite, um darauf zu reagieren. Es gab allerdings nicht allzu viel, was er tun konnte, abgesehen vielleicht von einem fast resignierenden Blick über die vielfältige Anordnung von Monitoren und Überwachungsinstrumenten vor sich. Er seufzte. Computer waren ja eine wunderschöne Sache, eine Erfindung, die sein und die Leben all seiner Kollegen um so vieles leichter gemacht hatte. Aber selbst diese Wundermaschinen hatten ihre Grenzen. Und die hatten sie offensichtlich erreicht.

Er ließ seinen Blick zum zweitenmal über die Computermonitore und Skalen schweifen, kam zu dem gleichen Ergebnis wie beim erstenmal, nämlich, daß nichts von dem, was er sah, auch nur die Spur von Sinn zu ergeben schien, und stand auf. Sein Rücken tat weh. Obwohl sich die Gewölbedecke gute zwei Meter über seinem Kopf befand, hatte er das Gefühl, sich nicht ganz aufrichten zu können, und die Luft, die er einatmete, war wärmer geworden, ganz egal, was das Thermometer behauptete. Außerdem hatte er leichte Kopfschmerzen.

Mecklenburg reckte sich ausgiebig, massierte einige Sekunden lang mit Fingerspitzen und Daumen seine verspannten Nackenmuskeln und schlängelte sich dann aus dem Kommandopult heraus. Der schmale Gang, auf den er trat, bot kaum mehr Bewegungsfreiheit. Er warf seinem Assistenten - einem von vieren, die momentan zusammen mit ihm hier unten arbeiteten - einen fragenden Blick zu, erntete ein ebenso wort- wie hilfloses Achselzucken und drehte sich dann in die entgegengesetzte Richtung. Die Wand, auf die er nun blickte, bestand als einzige hier unten nicht aus einem überladenen Durcheinander aus Monitoren, Aufzeichnungs- und Überwachungsgeräten, Schalttafeln und Skalen, sondern einer fast deckenhohen Glasscheibe.

Der Raum dahinter war das genaue Gegenteil des vollgestopften Labors, in dem Mecklenburg und seine vier Assistenten arbeiteten. Die Beleuchtung war auf ein Minimum reduziert, so daß sich die Scheibe aus drei Zentimeter dickem Panzerglas in einen schwarzen, halb durchsichtigen Spiegel verwandelt hatte, aus dem Mecklenburg sein eigenes Konterfei entgegenblickte. Er sah so aus, wie er sich fühlte: bleich und hohlwangig, mit dunklen Ringen unter den Augen und strähnigem Haar. Mecklenburg kannte den Raum hinter der Scheibe jedoch so gut, daß er kein Licht brauchte, um jedes noch so winzige Detail zu sehen Der Raum war fast so groß wie das Labor, aber nahezu leer. Die Wände bestanden aus einem glatten weißen Kunststoffmaterial, das um etliches widerstandsfähiger als Stahl war, und die einzige Tür, die in die Isolationskammer hineinführte, hätte dem Beschuß eines Schiffgeschützes standgehalten. Der Raum konnte auf Knopfdruck wahlweise mit Giftgas geflutet, binnen zehn Sekunden auf achthundert Grad Celsius erhitzt oder luftleer gepumpt werden, und Mecklenburg war ziemlich sicher, daß dasselbe auch für das Labor galt, in dem er und seine Mitarbeiter sich aufhielten - auch wenn die Leute, für die sie arbeiteten, das nicht zugaben. Niemand konnte ihnen vorwerfen, daß sie nicht alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen hätten.

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Главный герой
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