Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Bremer empfand ein absurdes Gefühl von Erleichterung, daß Angela offenbar doch nicht alles wußte. »Wenn wir nicht selber die Polizei wären, dann wäre das jetzt der richtige Moment, sie zu rufen«, knurrte Bremer. »Obwohl es wahrscheinlich nichts nutzen würde. Los, weg hier.« Er drehte sich herum und streckte die Hand nach dem Computer aus, um ihn abzuschalten, aber Angela hielt ihn mit einer raschen Bewegung zurück.
»Dreißig Sekunden«, sagte sie. »Soviel Zeit muß sein.«
Bremer war in diesem Punkt entschieden anderer Meinung - aber er kannte Angela mittlerweile gut genug, um zu wissen, daß er die dreißig Sekunden so oder so verlieren würde, entweder in dem er sie gewähren ließ, oder in dem er genau diese Zeit sinnlos mit ihr diskutierte, um ihr dann doch ihren Willen zu lassen. Also ließ er sie in Ruhe und nutzte die Zeit, um seine Jacke zu holen. Dann eilte er zum Schreibtisch zurück, kramte seinen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die linke untere Schublade; die, in der seine Dienstwaffe lag. Zwei Sekunden später schloß er sie wieder, ohne das Schulterhalfter mit der 9-mm-Pistole auch nur angerührt zu haben.
»Fertig.« Angela schaltete den Computer ab. »Wenn sie jetzt versuchen, herauszubekommen, welche Dateien wir uns angesehen haben, erleben sie eine bittere Überraschung.«
»Es sei denn, sie sehen im Drucker nach«, sagte Bremer. Angela machte ein betroffenes Gesicht, griff aber sehr hastig nach dem Papierstapel im Ausgabeschacht des Druckers und stopfte ihn in ihre Handtasche, während Bremer noch einmal zum Fenster eilte und hinaussah. Die beiden Männer hatten die Straße überquert und verschwanden gerade im toten Winkel unter dem Fenster. Sie hatten nicht mehr sehr viel Zeit.
»Ich wiederhole meine Frage«, sagte Angela, als sie das Zimmer verließen und auf die Tür zusteuerten. »Wer sind diese Kerle?«
»Wenn ich das wüßte, wären wir ein gutes Stück weiter«, antwortete Bremer. »Ich habe es nie herausgefunden. Ich weiß nur, daß mit ihnen nicht zu spaßen ist.« Er schaltete das Flurlicht aus, bevor er den letzten Schritt zur Tür zurücklegte. Eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme, angesichts der Situation, in der sie sich befanden, aber trotzdem ein Fehler, denn in der Dunkelheit lauerte die Erinnerung.
Sein Herz begann augenblicklich zu rasen. Sein Puls erreichte eine Frequenz, die kaum noch zu messen war, und er konnte riechen, wie ihm kalter Angstschweiß ausbrach. Seine tastenden Finger stießen gegen das Holz seiner eigenen Wohnungstür. Dahinter, im Hausflur, schien kein Licht zu brennen; es war jedenfalls kein verdächtiger Lichtschein unter der Tür zu entdecken. Seine Hand glitt lautlos an der Tür hinab und legte sich auf die Klinke.
Es gelang ihm nicht, sie herunterzudrücken. Sie war weder abgeschlossen, noch klemmte sie, und doch war es ihm nicht möglich, sie auch nur einen Millimeter zu bewegen. Weder durch das Schlüsselloch noch unter der Tür hindurch drang Licht. Auf der anderen Seite wartete die Dunkelheit auf sie, und die Dunkelheit war seine Heimat, seine ureigenste Welt, das Element, aus dem er erschaffen war. Er konnte diese Tür nicht öffnen, selbst wenn es um sein Leben ging.
Angela nahm ihm die Entscheidung ab, in dem sie ihre Hand auf seine legte und die Türklinke auf diese Weise herunterdrückte. Die Tür schwang nahezu lautlos auf, und die Dunkelheit dahinter explodierte für einen Moment zu reiner Panik.
Azrael war nicht da. Der Hausflur hinter der Tür war nichts als ein dunkler Hausflur, in dem Angela ihn mit schon deutlich mehr als sanfter Gewalt hineinschob.
Zum Glück war der Hausflur nicht stockdunkel. Durch das Milchglasfenster am anderen Ende des langen, schlauchförmigen Raumes drang ein mattgrauer Schimmer, der Umrisse, aber keine Farben in der Dunkelheit erweckte, und zumindest hinter einer Wohnungstür brannte noch Licht. Unter dem dumpfen Hämmern seines eigenen Herzens konnte er das Murmeln eines Fernsehers hören. Und als hätte seine Fantasie im Moment nichts Besonderes zu tun, identifizierte er sogar die Stimme des Nachrichtensprechers und sah das passende Gesicht vor seinem inneren Auge.
Er ging mit schnellen Schritten zum Fahrstuhl, überlegte es sich dann aber anders. Der Aufzug konnte sie zwar auf dem schnellsten Weg in die Freiheit bringen, sie andererseits aber auch geradewegs in die Arme ihrer Verfolger ausspucken. Wenn sie ihn mieden, waren sie flexibler.
»Wir bleiben besser im Treppenhaus«, flüsterte er. »Das ist sicherer.«
Angela schien ihn sofort zu verstehen. »Nach oben?« fragte sie.
»Vorerst«, antwortete Bremer. Er versuchte abzuschätzen, wieviel Zeit verstrichen war, seit sie die Wohnung verlassen hatten. Nicht mehr als ein paar Sekunden, aber vielleicht trotzdem genug, um die beiden das Haus erreichen zu lassen. Aber das Risiko mußten sie eingehen. Ohne zu zögern, machte er sich auf den Weg nach oben.
Unten im Treppenhaus wurde eine Tür geöffnet, und dieses Geräusch, zusammen mit Angelas scharfem Einatmen, riß ihn für einen Moment noch einmal in die Wirklichkeit zurück. Wahrscheinlich nicht auf Dauer. Vielleicht nicht einmal für lange. Der Schwarze Engel faltete seine Schwingen wieder zusammen und trat lautlos in die Schatten zurück, aus denen er gekommen war, aber die Tür in sein finsteres Schattenreich blieb geöffnet.
Die Tür, die sie gehört hatten, fiel nicht wieder ins Schloß, und sie hörten auch keine Schritte, und es wurde auch kein Licht gemacht. Trotzdem war Bremer sicher, daß unter ihnen jemand war. Er wäre so vorgegangen, wäre er an der Stelle der beiden gewesen, und er zweifelte nicht daran, daß die beiden ihren Job verstanden.
Angela war so dicht hinter ihm, daß er ihre Nähe körperlich spüren konnte, und er hörte nun deutlich das Geräusch des Aufzugs, der sich aus dem Parterre in Bewegung setzte. Ein kalter Schauer lief ihm bei dem Gedanken über den Rücken, was passiert wäre, wären sie ohne nachzudenken in die Kabine getreten und nach unten gefahren: Sie hätten nach dem Aufgleiten der Aufzugstür wahrscheinlich in die Mündungen zweier Pistolen geblickt.
Aber da war noch eine andere Frage, auf die er sich konzentrieren mußte, und die ihm dennoch immer aus dem Zipfel seines Bewußtseins zu rutschen drohte: War vielleicht einer auf dem Weg über die Treppe auf dem Weg nach oben, während nur der andere den Aufzug benutzte? Er zumindest hätte es so gemacht. Aber obwohl es wichtig war, bekam er den Gedanken nicht richtig zu fassen. Dafür hatte die Vergangenheit die Klauen wieder nach ihm ausgestreckt. Seine Beine, die sich Schritt für Schritt nach unten tasteten, kamen ihm meilenweit entfernt und wie aus Watte vor. Sein Denken und Fühlen glitt aus der Realität in die Vergangenheit. Er war gleichzeitig wieder in einem anderen, vor Jahren für ihn zum Alptraum gewordenen Treppenhaus, in dem er vor einem riesigen, geflügelten Schatten geflohen war, einem Schatten, der zwar nur in seiner Fantasie und sonst nirgendwo existiert hatte, und der ihm trotzdem bedrohlicher als jede andere nur vorstellbare Gefahr erschienen war.
Sie hatten das nächste Stockwerk fast erreicht. Noch vier, vielleicht fünf Stufen, schätzte Bremer. Es war zu dunkel, um es zu erkennen, aber sehr viel mehr konnten es nicht sein. Er griff vorsichtig nach hinten, tastete nach Angelas Hand und versuchte gleichzeitig, den rechten Fuß so lautlos wie möglich auf die nächste Stufe zu setzen. Seine Jacke raschelte. Das Geräusch war unter Garantie nicht weiter als zwei oder drei Meter zu hören, aber in Bremers Ohren klang es, als schlügen Fäuste auf Tafeln aus dünnem Blech. Die nächste Stufe. Sein Herz hämmerte mittlerweile so laut, daß man es auf der anderen Straßenseite hören mußte, und die Luft, die er atmete, schmeckte scharf nach Angst. Sie waren nicht mehr allein. Der schwarze Engel hatte sein Versteck in den Schatten wieder verlassen. Und war eins mit der Dunkelheit geworden, die sie umgab. Er war da, so, wie er immer dagewesen war, seit jenem schrecklichen Tag in einem Keller am Ende eines anderen Treppenschachtes, an dem er ihm das erste Mal ins Antlitz geblickt hatte. Unter ihnen war ein Geräusch. Bremer konnte nicht sagen, ob es das Flattern gewaltiger krallenbewehrter Schwingen oder das unvorsichtige Scharren eines Fußes war, aber es mußte sich wohl um ein Geräusch aus der normalen, faßbaren Welt der Realität handeln, denn Angela zuckte ein ganz kleines bißchen zusammen. Sie blieben beide für zwei oder drei Sekunden stehen und lauschten mit gehaltenem Atem, aber das Geräusch wiederholte sich nicht. Nach einem Augenblick gingen sie weiter und erreichten den nächsten Treppenabsatz.