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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Die Erforschung der Gesetze historischer Bewegungen vollzieht sich ganz in der gleichen Weise.

Die Bewegung der Menschheit, die unzähligen menschlichen Willensäußerungen entspringt, ist eine stetige Bewegung.

Die Gesetze dieser Bewegung zu begreifen, ist das Ziel der Geschichtswissenschaft. Doch um die Gesetze dieser fortdauernden Bewegung der Summe aller menschlichen Willensäußerungen zu verstehen, greift der menschliche Verstand willkürlich abgerissene Einzelphasen heraus. Der eine Weg der Geschichtsforschung besteht darin, willkürliche Reihen fortdauernder Ereignisse herauszugreifen und sie, gesondert von allen anderen, zu betrachten, während es doch für einzelne Ereignisse keinen Anfang gibt und geben kann, da ja ununterbrochen ein Ereignis aus dem anderen entspringt. Der zweite Weg besteht darin, die Taten eines einzelnen Menschen, eines Kaisers oder Feldherrn, als die Summe aller menschlichen Willensäußerungen zu betrachten, während diese Summe doch niemals durch die Wirksamkeit einer einzelnen geschichtlichen Persönlichkeit zum Ausdruck kommt.

Zwar unterzieht die Geschichtswissenschaft in ihrer fortschreitenden Entwicklung jetzt immer kleinere und kleinere Einzelphasen der Betrachtung und ist bemüht, sich auf diesem Weg der Wahrheit zu nähern. Aber so klein diese Einzelphasen, die die Geschichtsforschung herausgreift, auch immer sein mögen, fühlen wir doch, daß die Betrachtung von Einzelereignissen, abgesondert von anderen, ebenso wie die Annahme eines Anfanges einer Erscheinung und die Behauptung, daß die Willensäußerungen aller Menschen in den Taten einzelner geschichtlicher Persönlichkeiten zum Ausdruck kämen, an und für sich falsch sind.

Jede Schlußfolgerung der Geschichte fällt ohne die geringste Anstrengung von Seiten der Kritik immer schon aus dem Grund wie Staub in sich zusammen und läßt keine Spur zurück, weil man sich zum Gegenstand der Betrachtung immer eine größere oder kleinere abgerissene Einzelphase auswählt, wozu man auch stets das Recht hat, weil ja die historischen Ereignisse von seiten der Geschichtsforschung ebenfalls willkürlich herausgegriffen worden sind.

Nur wenn wir einen unendlich kleinen Teil – das Differential der Geschichte, das heißt den gleichartigen Trieb der Menschen – der Betrachtung unterwerfen und bis zur Kunst der Integralrechnung – die Summe dieser unendlich kleinen Einzelteile zu ziehen – vorgedrungen sind, erst dann dürfen wir hoffen, die Gesetze der Geschichte zu verstehen.

Die ersten fünfzehn Jahre des neunzehnten Jahrhunderts stellen uns in Europa eine ungewöhnliche Bewegung von Millionen von Menschen vor Augen. Die Menschen verlassen ihre gewohnte Beschäftigung, streben vom einen Ende Europas zum anderen, berauben und töten sich gegenseitig, frohlocken und verzweifeln, und der ganze Gang ihres Lebens nimmt für Jahre einen anderen Verlauf und zeigt eine verstärkte Bewegung, die anfangs wächst, dann aber wieder abflaut. Was war der Grund für diese Bewegung, und nach welchen Gesetzen vollzog sie sich? fragt sich der menschliche Verstand.

Die Geschichtsschreiber beantworten die Frage, indem sie uns die Reden und Taten von ein paar Dutzend Leuten in einem Gebäude von Paris auslegen, und nennen diese Reden und Taten Revolution. Dann geben sie uns eine ausführliche Lebensbeschreibung Napoleons und einiger Persönlichkeiten, die ihm teils freundlich, teils feindlich gesinnt waren, erzählen von dem Einfluß, den der auf den und dieser auf jenen ausgeübt habe, und behaupten: daher kam diese Bewegung, das waren ihre Gesetze.

Doch der menschliche Verstand weigert sich nicht nur, an diese Erklärung zu glauben, sondern sagt uns geradezu, daß der Weg zu einer solchen Lösung der Frage falsch ist, weil dabei eine schwächere Erscheinung als Grund einer stärkeren angenommen wird. Die Summe aller menschlichen Willensäußerungen war es, die sowohl die Revolution als auch Napoleon geschaffen hat, und nur die Summe dieser Willensäußerungen schuf und vernichtete dann auch beide.

Jedesmal, wenn Eroberungen gemacht wurden, hat es Eroberer gegeben, sagt die Geschichtsforschung, und jedesmal, wenn im Staat Umwälzungen vorgenommen wurden, große Männer.

Gewiß hat es jedesmal, so antwortet der menschliche Verstand, wenn Eroberer sich zeigten, auch Kriege gegeben, aber das beweist noch nicht, daß die Eroberer der Grund zu diesen Kriegen gewesen seien oder daß es möglich wäre, die Gesetze des Krieges in der persönlichen Wirksamkeit eines einzelnen Menschen zu finden. Jedesmal, wenn ich auf meine Uhr blicke und sehe, daß der Zeiger sich der Zehn nähert, höre ich, daß in der Kirche nebenan das Läuten beginnt; doch aus dem Umstand, daß der Zeiger jedesmal auf der Zehn steht, wenn das Glockenläuten anfängt, darf ich nicht schließen, daß der Stand meines Zeigers die Ursache für die Bewegung der Glocke ist. Jedesmal, wenn ich die Bewegung eines Dampfwagens sehe, höre ich den Ton der Pfeife und sehe, wie die Klappen sich öffnen und die Räder sich drehen, aber ich habe nicht das Recht, daraus zu schließen, daß das Pfeifen und Drehen der Räder die Ursache für die Bewegung des Dampfwagens ist.

Die russischen Bauern sagen, im späten Frühling wehe stets noch einmal ein kalter Wind, weil die Knospen der Eichen aufspringen, und wirklich wehen immer im Frühling zu der Zeit, wenn sich die Eiche entfaltet, noch einmal kalte Winde. Doch wenn mir auch die Ursache des beim Knospen der Eiche wehenden kalten Windes unbekannt ist, so kann ich mich trotzdem mit der Annahme der Bauern, daß das Aufblühen der Eiche die Ursache der kalten Winde sei, schon allein aus dem Grund nicht einverstanden erklären, weil die Kraft des Windes nicht unter dem Einfluß der Knospen steht. Ich erblicke darin nur ein Zusammentreffen von Umständen, wie sie bei jeder Lebenserscheinung vorkommen, und sehe, daß ich, wie eingehend ich auch den Zeiger der Uhr, die Klappen und Räder des Dampfwagens und die Knospen der Eiche betrachten mag, den Grund des Glockenläutens, der Bewegung des Dampfwagens und des Frühlingswindes daraus doch nicht erkennen kann. Um das zu erreichen, muß ich den Standpunkt für meine Beobachtung vollkommen ändern: ich muß die Gesetze der Bewegung des Dampfes, der Glocke und des Windes studieren. Dasselbe muß man auch in der Geschichte tun. Und solche Versuche sind bereits unternommen worden.

Um die Gesetze der Geschichte kennenzulernen, müssen wir den Gegenstand unserer Betrachtung vollkommen ändern, müssen Kaiser, Minister, Generäle gänzlich beiseite lassen und dafür die unendlich kleinen, gleichartigen Elemente studieren, welche die Massen leiten. Niemand vermag vorauszusagen, inwieweit es uns beschieden sein wird, auf diesem Weg zu einem Verständnis der Gesetze der Geschichte zu gelangen, aber es ist klar, daß nur auf diesem Weg die Möglichkeit gegeben ist, den Gesetzen der Geschichte auf die Spur zu kommen, auf diesem Weg allein, auf den der menschliche Geist noch nicht ein Millionstel all jener Anstrengungen verwandt hat, die die Historiker zur Schilderung der Taten verschiedener Könige, Feldherren und Minister und zur Auseinandersetzung ihrer Betrachtungen darüber verschwendet haben.

2

Streitkräfte zwölf verschiedener Zungen brechen in Rußland ein. Die russischen Truppen und die Einwohnerschaft ziehen sich zurück und weichen einem Zusammenstoß bis Smolensk und von Smolensk bis Borodino aus. Die französischen Truppen treibt eine immer stärker werdende ungestüme Kraft nach Moskau, an das Ziel ihrer Bewegung. Diese Kraft nimmt, je mehr sie sich ihrem Ziel nähert, an Ungestüm zu, ebenso wie die Schnelligkeit eines fallenden Körpers im gleichen Verhältnis mit seiner Annäherung zur Erde wächst. Hinter ihnen liegen Tausende von Werst durch Hungersnot verödetes Feindesland, vor ihnen nur noch hundert Werst, die sie vom Ziel trennen. Das fühlt jeder Soldat der Napoleonischen Armee, und so bewegt sich das eindringende Heer infolge dieser ungestümen Kraft ganz von selbst.

Je weiter sich die russischen Truppen zurückziehen müssen, um so heftiger entbrennt in ihnen die Erbitterung gegen den Feind: sie konzentriert sich und wächst, während sie zurückweichen. Da kommt es bei Borodino zum Zusammenstoß. Weder das eine noch das andere Heer wird vernichtet, aber die russischen Truppen müssen unmittelbar nach dem Zusammenprall mit derselben Notwendigkeit zurückweichen, wie eine Kugel unfehlbar zurückrollen muß, die mit einer anderen, ihr mit großem Ungestüm entgegenfliegenden Kugel zusammenprallt. Und mit derselben Notwendigkeit muß – obgleich sie beim Anprall ihre Hauptkraft verloren hat – die ungestüm ansausende Kugel der Invasion noch eine Strecke weiterrollen.

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