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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als er auf der Höhe von Semjonowskoje gewesen war, hatte ihm der Chef der Artillerie daselbst vorgeschlagen, noch ein paar Batterien dort aufzustellen, um das Feuer auf die sich vor Kujaskowo stauenden russischen Truppenmassen zu verstärken. Napoleon hatte eingewilligt und befohlen, ihm Nachricht zu geben, was für eine Wirkung diese Batterien erzielen würden.

Nun kam der Adjutant und meldete, daß dem Befehl des Kaisers zufolge jetzt zweihundert Geschütze auf den Feind gerichtet seien, daß die Russen aber trotzdem standhielten.

»Unser Feuer mäht sie reihenweise nieder, aber trotzdem wanken und weichen sie nicht«, sagte der Adjutant.

»Ils en veulent encore!…« erwiderte Napoleon mit heiserer Stimme.

»Sire?« fragte der Adjutant zurück, der ihn nicht verstanden hatte.

»Ils en veulent encore«, wiederholte Napoleon finster und mit krächzender Stimme. »Donnez-leur en.«

Auch ohne seinen Befehl wäre dies getan worden, weil es gar nicht seinem Willen unterlag, und er ordnete es nur deshalb an, weil er dachte, man erwarte einen solchen Befehl von ihm. Und wieder versetzte er sich in seine frühere Welt jenes künstlichen Trugbildes von vermeintlicher Größe, und wieder begann er gehorsam die grausame, traurige, schwere und unmenschliche Rolle zu spielen, für die er im voraus bestimmt war.

Und nicht nur zu dieser Stunde und an diesem Tag waren Geist und Gewissen dieses Mannes in Finsternis gehüllt, der schwerer als alle anderen Teilnehmer an der ganzen Bürde dessen, was geschah, zu tragen hatte. Er hat während seines ganzen Lebens weder das Gute, Schöne und Wahre, noch die Bedeutung seiner Handlungen zu begreifen vermocht, die dem Guten und Wahren entgegengesetzt und von allem Menschlichen zu weit entfernt waren, als daß er ihren Sinn hätte erfassen können.

Nicht nur an diesem Tag berechnete er bei seinem Ritt über das Schlachtfeld, das – wie er glaubte, seinem Willen zufolge – mit Gefallenen und Verstümmelten bedeckt war, beim Anblick dieser Menschen, wie viele tote Russen auf einen gefallenen Franzosen kamen, und fand, sich selbst betrügend, einen Grund zur Freude darin, daß auf einen Franzosen fünf Russen kamen. Nicht nur an diesem Tag schrieb er in einem Brief nach Paris: »Le champ de bataille à été superbe …«, weil über fünfzigtausend Leichen dort lagen, sondern sogar noch auf der Insel St. Helena, in der Stille der Einsamkeit, wo er, wie er selbst geäußert hat, seine Muße der Erörterung der großen, von ihm vollbrachten Taten weihen wollte, schrieb er:

»Der Krieg gegen Rußland hätte der volkstümlichste Krieg der Neuzeit sein müssen: er war ein Krieg der gesunden Vernunft und der wahren Interessen, ein Krieg für die Ruhe und Sicherheit aller, aus rein friedlichen und konservativen Beweggründen.

Es ging um ein großes Zieclass="underline" das Ende aller Zufälligkeiten und den Anfang der Sicherheit. Ein neuer Horizont, neue Arbeiten waren daran, sich zu entrollen, die das Glück und die Wohlfahrt aller in sich trugen. Das europäische System war gegründet, es handelte sich nur noch darum, es zu organisieren.

Wäre ich hinsichtlich dieser großen Punkte befriedigt und der Ruhe sicher gewesen, so hätte ich meinen Kongreß und meine Heilige Allianz[180] gehabt. Das sind Ideen, die man mir gestohlen hat. In einem solchen Bündnis großer Herrscher hätten wir unsere Interessen wie in der Familie behandelt und mit unseren Völkern dann abgerechnet wie ein Verwalter mit seinem Herrn.

So wäre Europa bald in Wirklichkeit nur ein einziges Volk geworden, und jeder hätte sich, wohin er auch reisen mochte, immer im gemeinsamen Vaterland befunden. Ich hätte alle schiffbaren Flüsse für jedermann freigegeben, den Gemeinbesitz der Meere gesichert, und die großen ständigen Armeen wären von nun an zu bloßen Leibwachen der Herrscher reduziert worden.

Nach Frankreich, ins Herz unseres großen, starken, herrlichen, friedlichen und glorreichen Vaterlandes, zurückgekehrt, hätte ich seine Grenzen unverrückbar festgesetzt, jeder fernere Krieg wäre ein reiner Verteidigungskrieg und jede weitere Ausdehnung antinational gewesen. Ich hätte meinen Sohn an der Herrschaft teilnehmen lassen, meine Diktatur wäre zu Ende gewesen, und eine konstitutionelle Regierung hätte begonnen …

Paris wäre die Hauptstadt der Welt und die Franzosen der Neid aller Nationen geworden!

Meine Mußestunden und meine alten Tage hätte ich dann während der königlichen Lehrjahre meines Sohnes in Gesellschaft der Kaiserin verbracht, hätte mit ihr zusammen wie ein echtes Ehepaar vom Lande mit unseren eignen Pferden nach und nach alle Ecken und Enden meines Reiches besucht, hätte Klagen entgegengenommen, Unrecht wieder gutgemacht und allüberall Zeichen zum Andenken und Wohltaten ausgestreut.«

Er, den die Vorsehung zu der traurigen, unfreiwilligen Rolle eines Henkers der Völker auserwählt hatte, redete sich die Überzeugung ein, das Ziel seiner Taten sei das Wohl der Völker gewesen, er habe das Schicksal von Millionen leiten und ihnen auf dem Wege der Macht Wohltaten erweisen können.

»Von den viermalhunderttausend Mann, die die Weichsel überschritten«, schrieb er weiter über den russischen Feldzug, »waren die Hälfte Österreicher, Preußen, Sachsen, Polen, Bayern, Württemberger, Mecklenburger, Spanier, Italiener und Neapolitaner. Die eigentliche kaiserliche Armee bestand zu einem Drittel aus Holländern, Belgiern, Rheinländern, Piemontesen, Schweizern, Genfern, Toskanern, Römern, Bewohnern der zweiunddreißigsten Militärdivision (Bremen, Hamburg) und so weiter. Sie zählte kaum hundertvierzigtausend Mann, die Französisch sprachen. Der russische Feldzug hat das eigentliche Frankreich kaum fünfzigtausend Mann gekostet. Die russische Armee hat auf ihrem Rückzug von Wilna nach Moskau in den verschiedenen Gefechten viermal soviel Verluste gehabt wie das französische Heer. Der Brand von Moskau hat über hunderttausend Russen das Leben gekostet, die in den Wäldern vor Kälte und Elend gestorben sind. Und schließlich hat die russische Armee auf ihrem Marsch von Moskau bis zur Oder ebenfalls durch die Rauheit der Jahreszeit zu leiden gehabt: bei ihrer Ankunft in Wilna zählte sie nur noch fünfzigtausend und in Kaiisch kaum noch achtzehntausend Mann.«

Napoleon bildete sich ein, der Krieg mit Rußland habe nach seinem Willen stattgefunden, aber ein Grauen über das, was dort geschehen war, erfüllte seine Seele nicht. Kühn nahm er die ganze Verantwortung des Ereignisses auf sich, und sein getrübter Geist erblickte eine Rechtfertigung darin, daß unter der Zahl von hunderttausend umgekommener Menschen sich weniger Franzosen befanden als Hessen und Bayern.

39

Zehntausende von Menschen lagen in den verschiedensten Stellungen und Uniformen tot auf den Feldern und Wiesen, die der Familie Dawydow und Kronbauern[181] gehörten, auf jenen Feldern und Wiesen, wo die Bauern der Dörfer Borodino, Gorki, Schewardino und Semjonowskoje jahrhundertelang ihr Getreide eingesammelt und ihr Vieh geweidet hatten. An den Verbandplätzen waren Gras und Erde im Umkreis einer Deßjatine mit Blut getränkt. Scharen von Verwundeten und Unverwundeten verschiedener Truppenteile strömten mit entsetzten Gesichtern auf der einen Seite nach Moshaisk, auf der anderen nach Walujewo zurück. Andere erschöpfte und hungrige Massen rückten, von ihren Vorgesetzten geführt, vor. Und wieder andere standen fest in ihren Stellungen und schossen und schossen.

Über dem ganzen Gelände, das zuerst in der Morgensonne mit seinen blitzenden Bajonetten und Rauchwölkchen so heiter und schön gewesen war, lagerte jetzt feuchter Nebel und Rauch, und es roch eigentümlich säuerlich nach Salpeter und Blut. Ein paar Wölkchen zogen sich zusammen, und ein leichter Regen fiel auf die Toten, die Verwundeten, die Verstörten, die Erschöpften und Verzweifelten nieder, wie um ihnen zu sagen: Genug, genug, ihr Menschen! Hört auf! Kommt zur Besinnung! Was tut ihr?

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180

meinen Kongreß und meine Heilige Allianz: hier spielt Napoleon auf den Wiener Kongreß 1814/15 an, auf dem nach seinem Sturz Frankreich in seine vorrevolutionären Grenzen zurückgeführt und Europa (zugunsten der Großmachte England, Rußland und Österreich) neu aufgeteilt wurde; außerdem auf die Heilige Allianz 1815, ursprünglich als ein Aufruf der Monarchen Europas zur religiösen Umkehr gedacht – der Einigung Europas nicht durch das Schwert Napoleons, sondern durch die Liebeskräfte des Evangeliums — letztlich eine Art Beistandspakt mit restaurativ-konservativen Tendenzen. Auch Napoleon wollte die Neuordnung Europas — jedoch unter der Vorherrschaft Frankreichs.

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181

Kronbauern: die ursprünglich zum Klosterbesitz gehörenden Bauern fielen mit der Säkularisierung der Kirchengüter und schließlich per Ukas von Kaiser Peter III. 1762 an den Staat.

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