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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Im Zelt befanden sich drei Tische. Zwei davon waren besetzt, und auf den dritten legte man nun den Fürsten Andrej. Man überließ ihn ein paar Augenblicke sich selbst, und unwillkürlich sah er zu, was auf den beiden anderen Tischen vorging. Auf dem am nächsten stehenden saß ein Tatar, wahrscheinlich ein Kosak, nach der Uniform zu urteilen, die man neben ihm hingeworfen hatte. Vier Soldaten hielten ihn fest. Ein Arzt mit einer Brille schnitt etwas an seinem braunen, muskulösen Rücken.

»Uch! Uch! Uch!« grunzte der Tatar, plötzlich aber hob er das breitknochige, schwarze Gesicht mit der Stulpnase empor, fletschte die weißen Zähne, fing an zu zucken und suchte sich loszureißen und schrie in langgezogenem, durchdringendem Wimmern auf.

Auf dem andern Tisch, der von vielen umdrängt wurde, lag ein großer, kräftiger Mann auf dem Rücken, den Kopf zurückgeworfen, dessen lockiges Haar und dessen Form dem Fürsten Andrej merkwürdig bekannt vorkamen. Ein paar Feldscherer beugten sich über die Brust dieses Mannes und hielten ihn. Sein eines großes, volles, weißes Bein bewegte sich unaufhörlich rasch und schnell in fieberhaften Zuckungen. Der Mann schluckte und und schluchzte krampfhaft. Zwei Ärzte, von denen der eine sehr bleich aussah und zitterte, nahmen schweigend irgend etwas an seinem anderen geröteten Bein vor.

Nachdem der Arzt mit der Brille den Tataren, dem man schnell einen Mantel überwarf, fertig behandelt hatte, wischte er sich die Hände ab und trat auf den Fürsten Andrej zu.

Er sah ihm ins Gesicht und wandte sich dann eilig um.

»Zieht ihn aus! Was steht ihr da?« rief er ärgerlich den Feldscherern zu.

Eine Erinnerung an seine erste, fernste Kindheit trat dem Fürsten Andrej vor die Seele, als ihm der Feldscherer mit eilig aufgestreiften Ärmeln den Rock aufknöpfte und die Uniform auszog. Der Arzt beugte sich tief über die Wunde, sondierte sie und seufzte schwer. Dann machte er jemandem ein Zeichen. Ein quälender Schmerz im Leib raubte dem Fürsten Andrej das Bewußtsein.

Als er wieder zu sich kam, waren die zersplitterten Knochen aus der Hüfte herausgenommen, die Fleischfetzen abgeschnitten und die Wunde verbunden. Man spritzte ihm Wasser ins Gesicht. Kaum hatte er die Augen aufgeschlagen, so beugte sich der Arzt zu ihm herab, küßte ihn schweigend auf die Lippen und entfernte sich eilig.

Nach all den überstandenen Leiden durchströmte den Fürsten Andrej jetzt ein Gefühl der Seligkeit, wie er es lange nicht empfunden hatte. Die schönsten, glücklichsten Augenblicke seines Lebens, besonders seine allerfernste Kindheit, wo die Kindermuhme ihn ausgezogen und ins Bettchen gelegt, eingewiegt und eingesungen hatte, und er den Kopf in das Kissen gedrückt und sich nur durch das Bewußtsein, zu leben, glücklich gefühlt hatte – diese Augenblicke traten ihm jetzt wieder vor die Seele, und zwar nicht wie etwas Vergangenes, sondern als augenblickliches Erleben.

Um jenen Verwundeten, dessen Kopfform dem Fürsten Andrej so bekannt vorgekommen war, bemühten sich die Ärzte immer noch eifrig; sie hoben ihn auf und beruhigten ihn.

»Zeigen Sie mir … Oooooh! Oh! Oooooh!« hörte man sein vom Schluchzen unterbrochenes, entsetztes und qualdurchdrungenes Stöhnen.

Als Fürst Andrej dieses Stöhnen hörte, hätte er am liebsten geweint. War es, weil er so ruhmlos den Tod fand? Oder weil es ihm schmerzlich war, sich vom Leben zu trennen? Waren es die Erinnerungen an eine Kindheit, die nie wiederkehrte? War es, weil er litt, weil andere um ihn herum litten, weil dieser Mensch neben ihm so kläglich stöhnte? Er wußte es nicht, aber die Tränen kamen ihm, kindlich gute, fast freudige Tränen.

Man zeigte dem Verwundeten sein abgenommenes Bein, das noch im Stiefel steckte und mit geronnenem Blut bedeckt war.

»Oh! Ooooh!« schluchzte er wie ein Weib.

Der Arzt, der vor dem Verwundeten gestanden und dem Fürsten Andrej dessen Gesicht verdeckt hatte, entfernte sich.

Mein Gott! Was ist das? Warum ist der hier? fragte sich Fürst Andrej.

Er hatte in dem unglücklichen, schluchzenden, kraftlosen Mann, dem soeben das Bein abgenommen worden war, Anatol Kuragin erkannt.

Man stützte Anatol unter den Armen und bot ihm ein Glas Wasser an, dessen Rand er mit seinen zitternden, geschwollenen Lippen nicht fassen konnte. Anatol schluchzte krampfhaft.

Ja, das ist er; und dieser Mensch ist durch irgend etwas nah und schmerzlich mit mir verbunden, dachte Fürst Andrej, der sich noch keine klare Vorstellung davon machen konnte, was sich vor seinen Augen abspielte. Aber was war es nur, das diesen Menschen mit meiner Kindheit, mit meinem Leben verknüpfte? fragte er sich, ohne eine Antwort darauf zu finden. Da trat plötzlich eine neue, unerwartete Erinnerung aus einer reinen, lieben, kindlichen Welt vor seine Seele: Er sah Natascha so, wie er sie zum erstenmal auf jenem Ball im Jahre 1810 gesehen hatte, mit ihrem mageren Hals und den dünnen Armen und ihrem immer zur Begeisterung bereiten, erschrockenen, glücklichen Gesichtchen, und eine Liebe und Zärtlichkeit für sie, noch lebhafter und stärker, als er sie je empfunden hatte, wachte in seinem Herzen auf. Und da fiel ihm auch das wieder ein, was ihn mit diesem Menschen verknüpfte, der durch die Tränen, die seine geschwollenen Augen füllten, trübe zu ihm herübersah. Fürst Andrej erinnerte sich an alles, und ein hochgestimmtes Mitleiden und eine schmerzliche Liebe zu diesem Menschen erfüllten sein glückliches Herz.

Fürst Andrej konnte sich nicht länger beherrschen und weinte sanfte, liebevolle Tränen über die Menschen und über sich selbst und über ihre und seine Verirrungen.

Mitleid, Liebe zu unsern Brüdern, zu denen, so uns lieben, wie zu denen, so uns hassen, Liebe zu unsern Feinden … ja, jene Liebe, die Gott auf Erden gepredigt hat, die Prinzessin Marja mich lehren wollte und die ich niemals begriff … das ist es, warum es mir leid tut, aus dem Leben zu scheiden … das ist es, was ich noch vor mir gehabt hätte, wenn ich am Leben geblieben wäre … Aber jetzt ist es zu spät … das weiß ich.

38

Der entsetzliche Anblick des mit Leichen und Verwundeten bedeckten Schlachtfeldes und dazu die Kopfschmerzen und die Nachricht, daß zwanzig berühmte Generäle gefallen oder verwundet waren, und das Bewußtsein der Kraftlosigkeit seines früher so starken Armes – dies alles übte eine unerwartete Wirkung auf Napoleon aus, der sonst so gern die Verwundeten und Gefallenen zu betrachten pflegte, weil er bei ihrem Anblick, wie er meinte, seine seelischen Kräfte erprobte.

An diesem Tag aber unterlagen seine seelischen Kräfte, die er für sein eignes Verdienst und seine Größe hielt, dem furchtbaren Anblick des Schlachtfeldes. Eilig hatte er es wieder verlassen und war nach dem Hügel von Schewardino zurückgekehrt. Gelb, aufgedunsen, schwerfällig, mit trüben Augen, roter Nase und heiserer Stimme saß er auf seinem Feldstuhl und lauschte, ohne die Augen aufzuheben, unwillkürlich dem Donnern der Geschütze.

Ein persönliches menschliches Gefühl gewann in ihm für einen kurzen Augenblick die Oberhand über jenes künstliche Trugbild des Lebens, dem er so lange gehuldigt hatte. Er fühlte die Leiden und den Tod, die ihm auf dem Schlachtfeld so nahegetreten waren, nun am eignen Leib. Seine Schmerzen im Kopf und in der Brust legten ihm die Möglichkeit nahe, daß es auch für ihn Leid und Tod geben könne. In diesem Augenblick strebte er weder nach Moskau noch nach Sieg oder Ruhm. Welchen Ruhm hätte er noch begehren sollen? Das einzige, was er sich jetzt wünschte, war Erholung, Ruhe und Freiheit.

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