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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Das ist gewiss ein Argument«, beschied Hiram ihm würdevoll. »Wenn Eure Frau dieses Verbrechen nicht begangen hat, hat sie nichts zu befürchten. Was sagt Ihr, Sir?«

»Ich sage, dass sie gar nicht lange genug leben wird, um vor Gericht zu erscheinen, wenn ich sie diesem Mann in die Hände gebe«, erwiderte Jamie aufgebracht. »Er gibt mir die Schuld am Tod seines Bruders – und einige der Anwesenden wissen, was es damit auf sich hat!«, fügte er hinzu und wies mit dem Kinn auf die Menge.

Hier und dort nickten ein paar Köpfe – doch es waren nur wenige. Es hatten nicht mehr als ein Dutzend seiner Männer aus Ardsmuir an der Expedition zu meiner Rettung teilgenommen; dank des darauf folgenden Geredes würden viele der neuen Pächter lediglich gehört haben, dass man mich entführt und auf skandalöse Weise misshandelt hatte und dass es meinetwegen Tote gegeben hatte. Ich war mir der vorherrschenden Meinung wohl bewusst, dass jedem Opfer eines Sexualverbrechens eine obskure Schuld anhaftete – es sei denn, die Frau kam ums Leben, in welchem Fall sie automatisch zum Engel ohne Makel avancierte.

»Er wird sie auf der Stelle abschlachten, um sich an mir zu rächen«, sagte Jamie, diesmal lauter. Er wechselte abrupt ins Gälische und zeigte auf Brown. »Seht euch den Mann doch an, dann erkennt ihr, dass ihm die Wahrheit ins Gesicht geschrieben steht! Er hat mit der Gerechtigkeit genauso wenig am Hut wie mit der Ehre, und die würde er nicht einmal am Geruch ihres Hinterns erkennen!«

Das ließ ein paar von ihnen überrascht auflachen. Brown sah sich verwirrt um, weil er gern gewusst hätte, worüber sie lachten, was noch mehr von ihnen zum Lachen brachte.

Die Stimmung der Menge war immer noch gegen uns, aber sie standen auch noch nicht hinter Brown – der schließlich ein Fremder war. Hiram legte nachdenklich die schmale Stirn in Falten.

»Was würdet Ihr als Garantie für die Sicherheit der Frau anbieten?«, fragte er Brown.

»Ein Dutzend Fässer Bier und drei Dutzend meiner besten Felle«, erwiderte Brown prompt. »Vier Dutzend!« Die Gier glänzte in seinen Augen, und er verhinderte nur mit Mühe und Not, dass seine Stimme vor Lust zu zittern begann, so sehr brannte er darauf, mich in seine Gewalt zu bekommen. Ich kam plötzlich zu der unangenehmen Überzeugung, dass er zwar letztlich auf meinen Tod abzielte, dass er aber nicht unbedingt an einen schnellen Tod dachte, es sei denn, die Umstände verlangten es.

»Es wäre Euch viel mehr wert als das, a breugaire, Euch durch ihren Tod an mir zu rächen«, sagte Jamie gleichmütig.

Hirams Blick pendelte vom einen zum anderen, unsicher, was er tun sollte. Ich blickte hinaus in die Menge, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Das war allerdings gar nicht schwierig; ich fühlte mich vollständig taub.

Ich sah ein paar freundliche Gesichter, die nervös auf Jamie gerichtet waren, um herauszufinden, was sie tun sollten. Kenny und seine Brüder Murdo und Evan standen dicht beieinander, die Hände an den Dolchen, die Mienen grimmig. Ich wusste nicht, ob sich Richard Brown genau diesen Zeitpunkt ausgesucht hatte oder ob er einfach nur Glück gehabt hatte. Ian war fort, auf der Jagd mit seinen Cherokee-Freunden. Arch war ebenfalls fort, sonst wäre er längst aufgetaucht – Arch und seine Axt wären jetzt besonders hilfreich gewesen, dachte ich.

Fergus und Marsali waren fort – auch sie hätten helfen können, die Stimmung zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Doch am schlimmsten war, dass Roger fehlte. Er allein hatte die Presbyterianer seit dem Tag, an dem Malva ihre Anschuldigungen erhob, mehr oder minder unter Kontrolle gehalten oder zumindest den Deckel auf dem simmernden Topf des Geredes und der Feindseligkeit gehalten. Möglich, dass er sie jetzt ebenso eingeschüchtert hätte – wenn er hier gewesen wäre.

Die Unterhaltung hatte sich von großem Drama zu einer Dreier-Auseinandersetzung zwischen Jamie, Brown und Hiram entwickelt, wobei die beiden Ersten auf ihren Positionen beharrten und der arme Hiram, der damit völlig überfordert war, versuchte, den Mittler zu spielen. Sofern ich noch Gefühle übrighatte, tat er mir wirklich leid.

»Ergreift ihn!«, rief plötzlich eine Stimme. Allan Christie schob sich durch die Menge nach vorn und zeigte auf Jamie. Seine Stimme zitterte und überschlug sich, so gefühlsgeladen war er. »Er ist es, der meine Schwester geschändet hat; er, der sie umgebracht hat! Wenn Ihr jemandem den Prozess machen wollt, nehmt ihn!«

Unterschwelliges Beifallsgemurmel regte sich auf diese Worte hin, und ich beobachtete, wie John MacNeill und Hugh Abernathy dichter zusammenrückten und die Blicke beklommen von Jamie zu den drei Lindsay-Brüdern und zurückschweifen ließen.

»Nein, sie war’s!«, widersprach eine laute, schrille Frauenstimme. Eine der Fischersfrauen; sie wies mit dem Finger in meine Richtung, das Gesicht boshaft verkniffen. »Ein Mann würde vielleicht ein Mädchen umbringen, das er geschwängert hat – aber kein Mann würde den Frevel begehen, ein ungeborenes Kind aus dem Mutterleib zu stehlen! Nur eine Hexe würde das tun – und sie haben sie doch mit der armen, kleinen Leiche in den Händen gefunden!«

Noch lauteres, vernichtendes Raunen war die Reaktion darauf. Die Männer hätten vielleicht im Zweifel für die Angeklagte entschieden – die Frauen aber nicht.

»Im Namen des Allmächtigen!« Hiram verlor jetzt die Kontrolle über die Situation und verfiel langsam in Panik. Die Lage war gefährlich nahe daran zu kippen; jeder konnte die Hysterie und den Blutdurst in der Luft spüren. Er richtete den Blick zum Himmel, suchte nach Inspiration – und fand sie.

»Ergreift sie beide!«, sagte er plötzlich. Er sah zuerst Brown an, dann Jamie. »Ergreift sie beide«, wiederholte er, als prüfte er diesen Vorschlag und befände ihn für gut. »Ihr werdet mitgehen, um Euch zu überzeugen, dass Eurer Frau nichts zustößt«, sagte er in aller Vernunft zu Jamie. »Und wenn es sich erweist, dass sie unschuldig ist …« Jetzt erstarb seine Stimme, weil ihm dämmerte, dass er gerade sagte, dass im Fall meiner Unschuld Jamie schuldig sein musste, und was für eine gute Idee es doch war, ihn greifbar zu haben, um ihn dann stattdessen zu hängen.

»Sie ist unschuldig; ich bin es ebenfalls.« Jamies Stimme war jetzt nicht mehr erregt; er wiederholte seine Worte einfach nur hartnäckig. Er hegte keine wirkliche Hoffnung, irgendjemanden zu überzeugen; wenn in der Menge überhaupt noch ein Zweifel herrschte, so höchstens daran, wer von uns beiden der Schuldige war – oder ob wir den Plan zu Malva Christies Vernichtung gemeinsam ausgeheckt hatten.

Er wandte sich ihnen plötzlich zu und rief sie auf Gälisch an.

»Wenn ihr uns in die Hände des Fremden übergebt, soll unser Blut über euch kommen, und ihr werdet am Jüngsten Tag für unser Leben geradestehen!«

Bei diesen Worten verstummte die Menge plötzlich. Männer richteten beklommene Blicke auf ihre Nebenmänner und betrachteten Brown und seine Kohorte voll Argwohn.

Diese waren zwar allen bekannt, doch sie waren Fremde, Sassenachs – im schottischen Sinn. Das Gleiche galt für mich, die ich außerdem eine Hexe war. Jamie mochte ein Lüstling, Vergewaltiger und papistischer Mörder sein – doch immerhin war er kein Fremder.

Der Mann, auf den ich geschossen hatte, funkelte mich boshaft über Browns Schulter hinweg an; offenbar hatte ich ihn nur gestreift, so ein Pech. Ich erwiderte seinen Blick, während sich der Schweiß zwischen meinen Brüsten ansammelte und mir die Feuchtigkeit heiß und schlüpfrig unter dem Schleier meiner Haare klebte.

In der Menge erhoben sich Gemurmel und erregte Diskussionen. Ich verfolgte, wie sich die Männer aus Ardsmuir langsam durch das Gedränge auf die Veranda zuschoben. Kenny Lindsays Blick hing an Jamies Gesicht, und ich spürte, wie Jamie neben mir tief Luft holte.

Sie würden für ihn kämpfen, wenn er sie rief. Doch es waren zu wenige, dazu schlecht bewaffnet, im Gegensatz zu Browns Pöbel. Sie würden nicht gewinnen – und es waren Frauen und Kinder in der Menge. Seine Männer zu rufen, würde nur einen blutigen Aufruhr heraufbeschwören und den Tod Unschuldiger auf sein Gewissen laden. Das war eine Bürde, die er nicht tragen konnte; nicht jetzt.

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