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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Wie bei jedem seiner Soldaten waren alle seine Geisteskräfte jetzt unbewußt nur darauf gerichtet, sich aller Betrachtungen über die schreckliche Lage, in der sie sich befanden, zu enthalten. So ging er auf der Wiese auf und ab, schleifte bald mit den Füßen den Boden, bald trat er das Gras breit und betrachtete den Staub, der auf seinen Stiefeln lag, bald machte er große Schritte, bemüht, in die Spuren zu treten, die die Mäher auf der Wiese hinterlassen hatten. Dann wieder zählte er seine Schritte und stellte Berechnungen an, wie oft er von einem Rain zum andern gehen müsse, um eine Werst zurückzulegen. Oder er streifte die am Rand wachsenden Wermutblüten ab, zerrieb sie zwischen den Handflächen und sog ihren starken, bitter duftenden Geruch ein. Von seiner ganzen gestrigen Gedankenarbeit war nichts zurückgeblieben. Er dachte an nichts …

Ein Pfeifen, ein Schlag! Fünf Schritte vor ihm wühlte sich eine Kanonenkugel in die trockene Erde und verschwand. Unwillkürlich rieselte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Wahrscheinlich hatte es viele getroffen: um das zweite Bataillon drängte sich ein dichter Schwarm.

»Herr Adjutant«, rief er, »geben Sie Befehl, daß sich die Leute nicht so drängen.«

Der Adjutant führte den Befehl aus und trat dann auf den Fürsten Andrej zu. Von der anderen Seite kam der Bataillonskommandeur herangeritten.

»Vorsicht!« hörte man das entsetzte Schreien eines Soldaten, und pfeifend wie ein Vögelchen im raschen Flug, das sich dann dabei auf die Erde niederläßt, klatschte zwei Schritte vom Fürsten Andrej entfernt, dicht neben dem Pferd des Bataillonskommandeurs, eine Granate mäßig laut auf die Erde. Das Pferd sprang zuerst beiseite, ohne danach zu fragen, ob es schön oder häßlich sei, seine Furcht zu zeigen, es schnaubte und bäumte sich, so daß es beinahe den Major abgeworfen hätte.

»Niederlegen!« schrie der Adjutant und warf sich auf die Erde.

Fürst Andrej blieb unschlüssig stehen. Die Granate drehte sich wie ein Kreisel dampfend zwischen ihm und dem am Boden liegenden Adjutanten am Rand des Stoppelfeldes und der Wiese neben einem Wermutstrauch.

Ist das der Tod? dachte Fürst Andrej und betrachtete mit einem ganz neuen Gefühl der Mißgunst das Gras, den Wermutstrauch und das Rauchwölkchen, das aus dem sich drehenden schwarzen Ball aufstieg. Ich kann, ich will nicht sterben, ich liebe das Leben, ich liebe dieses Gras, diese Erde, diese Luft … dachte er, gleichzeitig aber war er sich bewußt, daß man nach ihm hinsah.

»Schämen Sie sich, Herr Adjutant!« sagte er zu dem Offizier. »Was für ein …«

Aber er sprach nicht zu Ende. Im selben Augenblick hörte man einen Knall und das Krachen von Splittern wie beim Zerbrechen eines Fensterrahmens. Ein erstickender Pulverdampf breitete sich aus. – Fürst Andrej wurde zur Seite geworfen und fiel mit erhobenem Arm auf die Brust.

Ein paar Offiziere liefen auf ihn zu. Aus der rechten Seite seines Leibes floß Blut und bildete auf dem Gras eine große Blutlache.

Die herbeigerufenen Landwehrleute mit den Tragbahren machten hinter den Offizieren halt. Fürst Andrej lag auf der Brust, das Gesicht ins Gras gedrückt, und atmete und röchelte schwer.

»Nun, was beibt ihr stehen? Kommt doch her!«

Die Bauern traten heran und ergriffen ihn an den Schultern und Beinen, aber er stöhnte so kläglich, daß sie einander ansahen und ihn wieder losließen.

»Faßt ihn an und legt ihn auf die Bahre; das geht nicht anders!« rief eine Stimme.

Sie ergriffen ihn zum zweitenmal an den Schultern und legten ihn auf die Bahre.

»Ach, mein Gott, mein Gott! … Was ist mit ihm? … Sein Leib … Das übersteht er nicht … Ach Gott, ach Gott! …« hörte man die Stimmen der Offiziere.

»Mir ist sie um ein Haar breit am Ohr vorbeigesummt«, sagte der Adjutant.

Die Bauern luden die Bahre auf die Schultern und machten sich eilig auf den Weg, den von ihnen ausgetretenen Pfad entlang dem Verbandplatz zu.

»Geht doch in gleichem Tritt … He! … Ihr Bauern!« rief ein Offizier und hielt die in falschem Schritt gehenden Bauern, die dadurch die Bahre hin und her rüttelten, an den Schultern fest.

»So halte doch nur Schritt, Fjodor, hörst du, Fjodor!« sagte der Vordermann.

»Ja so, so geht’s«, versetzte vergnügt der Hintermann, nachdem er in den richtigen Schritt gekommen war.

»Euer Durchlaucht, Fürst?« sagte Timochin mit zitternder Stimme, der herbeigelaufen war und sich über die Tragbahre beugte.

Fürst Andrej schlug die Augen auf und blickte aus der Bahre heraus, in die sein Kopf tief hineingesunken war, den an, der mit ihm sprach, und schloß dann wieder die Lider.

Die Landwehrleute trugen den Fürsten Andrej nach dem Wald, wo die Wagen standen und der Verbandplatz aufgeschlagen war.

Dieser Verbandplatz am Rande des Birkenwäldchens bestand aus drei Zelten mit aufgeschlagenen Vorderwänden. Im Wald selber standen Wagen und Pferde. Die Pferde fraßen ihren Hafer aus den Futterbeuteln, und Sperlinge umflogen sie und suchten die verschütteten Körner auf. Krähen, die das Blut rochen, umkreisten unstet krächzend die Birken. In einem Umkreis von mehr als zwei Deßjatinen lagen, saßen und standen mit Blut befleckte Menschen in den verschiedensten Bekleidungen rund um die Zelte herum. Neben den Verwundeten standen mit wehleidigen, neugierigen Gesichtern Scharen von Trägern und Landwehrleuten, die zu verjagen Offiziere, die an diesem Platz die Aufsicht führten, immer wieder vergeblich versuchten. Ohne auf die Offiziere zu hören, standen die Landwehrleute, auf ihre Bahren gestützt, da und betrachteten aufmerksam alles, was sich vor ihren Augen abspielte, als wären sie bemüht, sich über die Bedeutung dieses Schauspiels klar zu werden. Aus den Zelten drang bald lautes, wildes Schreien, bald klägliches Stöhnen. Den Fürsten Andrej, als Regimentskommandeur, trugen die Landwehrleute durch die Reihen der Unverbundenen hindurch bis dicht an das eine Zelt heran und blieben dort stehen, um weitere Befehle abzuwarten.

Fürst Andrej schlug die Augen auf und konnte lange nicht verstehen, was um ihn herum vor sich ging. Da fiel ihm die Wiese, der Wermutstrauch, das Stoppelfeld, der schwarze, kreisende Ball und der leidenschaftliche Ausbruch seiner Liebe zum Leben wieder ein. Zwei Schritte von ihm entfernt stand laut redend und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkend ein hübscher, großer, schwarzhaariger Unteroffizier mit verbundenem Kopf, der sich auf einen Ast stützte. Er war am Kopf und Bein durch Kugelschüsse verwundet. Um ihn herum hatte sich eine Menge Verwundeter und Träger geschart, die gierig seinen Reden lauschten.

37

Einer der Ärzte mit blutbefleckter Schürze und blutbespritzten kleinen Händen, in denen er zwischen kleinem Finger und Daumen – um sie nicht schmutzig zu machen – eine Zigarre hielt, trat vor das Zelt. Er hob den Kopf hoch und fing an, sich nach allen Seiten umzusehen, jedoch über die Verwundeten hinweg. Offenbar wollte er ein wenig verschnaufen. Nachdem er ein paarmal den Kopf nach rechts und links gedreht hatte, seufzte er schwer auf und schlug die Augen nieder.

»Ja, ja, gleich«, erwiderte er auf die Worte des Feldschers, der ihm den Fürsten Andrej zeigte, und gab den Befehl, ihn ins Zelt zu schaffen.

In der Menge der wartenden Verwundeten erhob sich ein Murren. »Wahrscheinlich werden auch in jene Welt nur die Herren allein eingelassen«, sagte einer.

Fürst Andrej wurde ins Zelt getragen und auf einen soeben erst geräumten Tisch gelegt, von dem der Feldscher noch irgend etwas abspülte. Was sich im Zelt befand, konnte Fürst Andrej nicht in allen Einzelheiten unterscheiden. Ein klägliches Stöhnen von verschiedenen Seiten und der qualvolle Schmerz in seiner Hüfte, seinem Leib und Rücken lenkten seine Aufmerksamkeit ab. Alles, was er um sich herum sah, floß für ihn zusammen in den Gesamteindruck nackter, blutiger Menschenleiber, die das ganze niedere Zelt auszufüllen schienen, ebenso wie vor ein paar Wochen an jenem heißen Augusttag dieselben Menschenleiber den schmutzigen Teich an der Smolensker Landstraße ausgefüllt hatten. Ja, das waren dieselben Leiber, dasselbe chair à canon, dessen Anblick schon damals, wie eine Vorahnung des heutigen Ereignisses, ein Grauen in ihm erweckt hatte.

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