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Die Suche nach dem Auge der Welt

Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:

In dem abgeschiedenen Dorf Emondsfelde erzählt man sich noch immer die alten Geschichten um den Dunklen König und die Magierinnen der Aes Sedai, die das Rad der Zeit drehen. Niemand ahnt, auch der junge Bauernsohn Rand al'Thor nicht, wieviel Wahrheit in diesen Legenden steckt. Dann jedoch berfallen blutrnstige Trollocs, die Häscher des Dunklen Königs, das Dorf und brennen den Bauernhof von Rands Familie nieder. Die Magierin Moiraine verhilft dem Jungen in letzter Minute zur Flucht. Eine phantastische Reise beginnt, während der Rand in sein Schicksal hineinwachsen wird, der Wiedergeborene Drache und der Retter der Welt zu sein ... Dieser Band vereint — wie in der Originalausgabe — den kompletten Auftakt zu Robert Jordans Meisterwerk Das Rad der Zeit.
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Die Seherin kniete sich sofort neben die Bahre, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ihr Gesicht und Kleid waren noch schmutziger als bei Egwene, und um ihre Augen lagen die gleichen schwarzen Ringe. Doch auch ihre Hände waren sauber. Sie legte die Hände auf Tams Gesicht und zog mit den Daumen seine Augenlider hoch. Mit einem Stirnrunzeln entfernte sie die Decken und schob die Bandage zur Seite, um die Wunde zu untersuchen. Bevor Rand erkennen konnte, wie die Verletzung aussah, hatte sie das zusammengefaltete Tuch schon wieder darübergezogen. Seufzend zog sie Decke und Umhang bis zu Tams Kinn hoch und strich sie glatt. Sie war dabei so sanft, als brächte sie ein Kind zu Bett.

»Ich kann nichts tun«, sagte sie. Sie mußte die Hände auf die Knie stützen, um sich aufzurichten. »Es tut mir leid, Rand.«

Einen Moment lang stand er verständnislos da, als sie sich wieder dem Haus zuwandte, dann jedoch rannte er ihr nach und riß sie herum, damit sie ihn ansah.

»Er stirbt!« schrie er.

»Ich weiß«, sagte sie einfach, und die Selbstverständlichkeit in ihrem Tonfall warf ihn um. »Du mußt etwas tun! Du mußt! Du bist die Seherin!«

Schmerz verzerrte ihr Gesicht, aber nur einen Moment lang. Dann strahlte sie wieder hohlwangige Entschlossenheit aus, und ihre Stimme klang fest und gefühllos. »Ja, das bin ich. Ich weiß, was ich mit meinen Medikamenten anfangen kann, und ich weiß, wann es zu spät ist. Glaubst du, ich täte nichts, wenn es noch eine Möglichkeit gäbe? Aber ich kann nicht. Ich kann nicht, Rand. Und es gibt noch andere, die mich brauchen. Menschen, denen ich helfen kann.«

»Ich habe ihn so schnell wie möglich zu dir gebracht«, murmelte er. Obwohl das Dorf in Ruinen lag, hatte er immer noch auf die Seherin gehofft. Diese Hoffnung war nun gestorben, und er fühlte sich ausgebrannt.

»Ich weiß«, sagte sie sanft. Sie berührte seine Wange mit der Hand. »Du bist nicht schuld daran. Mehr als du konnte niemand tun. Es tut mir leid, Rand, aber ich muß mich um andere kümmern. Unsere Schwierigkeiten beginnen gerade erst, fürchte ich.«

Blicklos starrte er ihr nach, bis sich die Haustür hinter ihr geschlossen hatte. Er konnte keinen anderen Gedanken fassen als den, daß sie nicht half.

Plötzlich taumelte er einen Schritt zurück, als sich Egwene ihm an die Brust warf und ihn umarmte. Sonst war ihre Umarmung schon fest genug, um ihm ein gelegentliches Ächzen zu entlocken, diesmal jedoch blickte er nur still zur Tür hinüber, hinter der seine Hoffnungen verschwunden waren.

»Es tut mir so leid, Rand«, sagte sie an seiner Brust. »Licht, ich wollte, ich könnte irgend etwas tun!«

Betäubt schlang er die Arme um sie. »Ich weiß. Ich... ich muß etwas tun, Egwene. Ich weiß nicht, was, aber ich kann ihn nicht so...« Seine Stimme brach, und sie umarmte ihn noch fester.

»Egwene!« Bei Nynaeves Ruf vom Haus her fuhr Egwene zusammen. »Egwene, ich brauche dich! Und wasch dir die Hände noch einmal!«

Sie befreite sich aus Rands Umarmung. »Sie braucht meine Hilfe, Rand.«

»Egwene!«

Er glaubte, ein Schluchzen zu hören, als sie wegrannte. Dann war sie fort, und er stand allein neben der Bahre. Er blickte einen Augenblick lang hinunter auf Tam und fühlte nichts als leere Hilflosigkeit. Plötzlich wurde sein Gesicht hart. »Der Bürgermeister wird wissen, was zu tun ist«, sagte er und hob die Bahre erneut an. »Der Bürgermeister weiß es.« Bran al'Vere wußte immer einen Rat. Mit müder Hartnäckigkeit machte er sich auf zur Weinquellenschenke.

Ein Dhurran-Hengst trabte an ihm vorbei. Die Enden der Zugriemen seinen Geschirrs waren an den Knöcheln einer großen Gestalt festgemacht, die in eine schmutzige Decke gehüllt war. Mit steifen Haaren bedeckte Arme wurden hinter der Decke hergeschleift, und an einer Ecke der Decke lugte ein Ziegenhorn hervor. Die Zwei Flüsse waren kein Ort, wo Legenden zu schrecklicher Wirklichkeit würden. Wenn Trollocs irgendwohin paßten, dann in die Welt dort draußen, an Orte, wo es Aes Sedai gab und falsche Drachen, und das Licht allein wußte, was noch aus den Erzählungen der Gaukler zum Leben erwachte. Nicht die Zwei Flüsse. Nicht gerade Emondsfeld.

Als er über das Grün ging, sprachen ihn Leute an, einige aus den Ruinen ihrer Häuser heraus, und fragten ihn, ob sie helfen könnten. Er hörte sie nur als Hintergrundgeräusche, selbst wenn sie ein Stück neben ihm hergingen, als sie ihn ansprachen. Ohne zu denken, brachte er Worte hervor, die ihnen mitteilten, er benötige keine Hilfe, und für alles werde schon gesorgt. Als sie ihn mit sorgenvollen Blicken verließen und einige noch versicherten, sie würden Nynaeve Bescheid geben, bemerkte er auch das kaum. Er gestattete sich nur einen bewußten Gedanken, und der galt dem Zweck seines Marsches. Bran al'Vere konnte etwas tun, um Tam zu helfen. Er bemühte sich, nicht daran zu denken, was das sein mochte. Aber der Bürgermeister wäre in der Lage, etwas zu tun, sich etwas einfallen zu lassen.

Die Schenke war fast vollständig von der Zerstörung des Dorfes unberührt geblieben. An den Wänden konnte man ein paar Brandspuren erkennen, aber die roten Dachziegel schimmerten im Sonnenschein so hell wie immer. Alles, was vom Wagen des Händlers übriggeblieben war, waren die rußigen eisernen Reifen um die Räder, die gegen den verkohlten, am Boden liegenden Kasten gelehnt waren. Die großen Halbringe, die die Plane getragen hatten, ragten schief, jeder in einem anderen Winkel, daraus hervor.

Thom Merrilin saß mit übergeschlagenen Beinen auf den Steinen der alten Grundmauer und schnippelte sorgfältig mit einer kleinen Schere angesengte Enden von den Flicken auf seinem Umhang. Als Rand in seine Nähe kam, legte er Umhang und Schere beiseite. Ohne zu fragen, ob Rand Hilfe brauche, hüpfte er herunter und nahm das hintere Ende der Bahre auf.

»Rein? Natürlich, natürlich. Mach dir keine Sorgen, Junge. Eure Seherin wird sich seiner schon annehmen. Ich habe sie bei der Arbeit seit letzter Nacht beobachtet, und sie packt das richtig an und hat einige Fähigkeiten. Es könnte wirklich viel schlimmer sein. Letzte Nacht sind einige ums Leben gekommen. Vielleicht nicht viele, aber jeder ist für mich einer zuviel. Der alte Fain ist einfach verschwunden, und das ist für mich am schlimmsten. Die Trollocs essen alles. Du solltest dem Licht danken, daß dein Vater noch hier ist und lebt und die Seherin ihn heilen kann.«

Rand blockte die Stimme ab — Er ist mein Vater -, so daß die Worte zu bedeutungslosen Lauten wurden, die er genausowenig beachtete wie das Summen einer Fliege. Er konnte nicht noch mehr Sympathie und keine weiteren Versuche ertragen, seine Stimmung zu heben. Nicht jetzt. Nicht, bis Bran al'Vere ihm gesagt hatte, wie man Tam helfen konnte.

Plötzlich stand er vor der Tür der Schenke, und da war etwas mit einem angekohlten Stock draufgekritzelt: eine schwarze Träne, die auf ihrer Spitze stand. So viel war geschehen, daß es ihn kaum überraschte, die Tür der Weinquellenschenke mit dem Drachenzahn markiert zu finden. Warum jemand den Wirt oder seine Familie des Bösen beschuldigte oder daß sie Unglück brächten, verstand er nicht, doch die Nacht hatte ihn von einem überzeugt: Alles war möglich. Wirklich alles.

Als der Gaukler ihn mit der Bahre anstieß, hob er den Türriegel und trat ein.

Der Schankraum war bis auf Bran al'Vere leer und kalt, denn niemand hatte Zeit gefunden, Feuer zu machen. Der Bürgermeister saß an einem der Tische und stippte seine Schreibfeder mit konzentrierter Miene in ein Tintenfaß. Sein graumelierter Kopf war über eine Schriftrolle gebeugt. Sein Nachthemd hatte er nachlässig in die Hose gesteckt — es beulte sich um die breiten Hüften kräftig aus -, und er kratzte unbewußt einen nackten Fuß mit den Zehen des anderen. Seine Füße waren schmutzig, als sei er mehr als einmal draußen gewesen, ohne sich die Mühe zu machen, Stiefel anzuziehen, und das trotz des kalten Wetters. »Was habt Ihr für Probleme?« wollte er wissen, ohne aufzublicken. »Macht schnell! Ich muß zwei Dutzend Dinge auf einmal erledigen und noch mehr, was schon vor einer Stunde hätte erledigt werden sollen. Also habe ich wenig Zeit und Geduld. Also? Raus damit!«

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