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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Gewiß, gerade die. Unsere linke Flanke ist jetzt sehr stark, außerordentlich stark.«

Obgleich Kutusow den Stab von allen überflüssigen Anhängseln gesäubert hatte, hatte Boris es doch verstanden, sich auch nach den Veränderungen, die Kutusow vorgenommen hatte, im Hauptquartier zu behaupten. Er hatte sich an den Grafen Bennigsen angeschlossen. Graf Bennigsen, wie alle Vorgesetzten, bei denen sich Boris bisher befunden hatte, hielt den jungen Fürsten Drubezkoi für einen überaus wertvollen Menschen.

In der Oberleitung der Armee bestanden zwei scharf geschiedene Parteien: die Partei Kutusows und die des Generalstabschefs Bennigsen. Boris gehörte zu dieser letzteren Partei, und niemand verstand es so gut wie er, während er äußerlich Kutusow eine devote Verehrung zollte, dabei doch zu verstehen zu geben, daß der Alte nichts mehr leiste und alles von Bennigsen geleitet werde. Jetzt war nun der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Schlacht geliefert werden sollte, und Boris spekulierte so: entweder werde dieser Tag Kutusow vernichten und die Macht in Bennigsens Hände übergehen lassen, oder wenn Kutusow wirklich die Schlacht gewinnen sollte, so müsse man zu verstehen geben, daß es eigentlich Bennigsen sei, der alles gemacht habe. In jedem Fall werde am morgigen Tag eine Menge von Auszeichnungen erfolgen, und neue Persönlichkeiten würden in den Vordergrund treten. Infolgedessen befand sich Boris an diesem ganzen Tag in lebhafter Erregung.

Nach Kaisarow traten noch mehrere andere Bekannte an Pierre heran, und er hatte genug zu tun, auf die Fragen nach Moskau zu antworten, mit denen sie ihn überschütteten, und anzuhören, was sie ihm erzählten. Auf allen Gesichtern prägte sich eine unruhige Spannung aus. Aber Pierre hatte den Eindruck, daß der Grund der Erregung, die viele dieser Gesichter zeigten, mehr in Fragen des persönlichen Erfolges lag, und es wollte ihm jener andere Ausdruck von Erregung nicht aus dem Gedächtnis kommen, der ihm auf anderen Gesichtern entgegengetreten war und der nicht von Fragen persönlichen Charakters, sondern von den allgemeinen Fragen des Lebens und des Todes geredet hatte. Kutusow bemerkte die Gestalt Pierres und die Gruppe, die sich um ihn gesammelt hatte.

»Rufen Sie ihn zu mir«, sagte Kutusow.

Ein Adjutant überbrachte den Wunsch des Durchlauchtigen, und Pierre ging auf die Bank zu. Aber noch vor ihm trat an Kutusow ein Gemeiner von der Landwehr heran. Es war Dolochow.

»Wie kommt denn der hierher?« fragte Pierre.

»Das ist so ein Racker, der schlängelt sich überall durch!« wurde ihm geantwortet. »Er ist degradiert worden und möchte sich jetzt wieder hinaufarbeiten. Er hat irgendwelche Projekte eingereicht und sich auch nachts in die feindliche Vorpostenlinie geschlichen … Ein forscher Kerl ist er jedenfalls …!«

Pierre nahm den Hut ab und verbeugte sich respektvoll vor Kutusow.

»Ich habe mir gesagt: wenn ich mit einer Meldung zu Euer Durchlaucht komme, so werden Sie mich vielleicht fortweisen oder auch sagen, daß Ihnen das, was ich melde, bereits bekannt sei; aber auch dann würde ich mich nicht gekränkt fühlen …«, sagte Dolochow.

»So, so.«

»Aber wenn ich recht habe, so werde ich dem Vaterland, für das ich mein Leben hinzugeben bereit bin, Nutzen bringen.«

»So … so …«

»Und wenn Euer Durchlaucht einen Menschen nötig haben, dem sein Fell nicht leid tun würde, so bitte ich Sie, sich meiner zu erinnern … Vielleicht, daß ich Euer Durchlaucht einmal einen Dienst erweisen kann.«

»So … so …«, wiederholte Kutusow und blickte mit dem zusammengekniffenen Auge lächelnd nach Pierre hin.

In diesem Augenblick trat Boris mit der ihm eigenen höfischen Gewandtheit neben Pierre in die Nähe des Oberkommandierenden und sagte zu Pierre mit der ungezwungensten Miene und wie in Fortsetzung eines begonnenen Gespräches:

»Die Landwehrleute haben extra zu morgen reine, weiße Hemden angezogen, um sich auf den Tod vorzubereiten. Welch ein Heroismus, Graf!«

Zweifellos beabsichtigte Boris, indem er das zu Pierre sagte, von dem Durchlauchtigen gehört zu werden. Er wußte, daß Kutusow diese Worte beachten werde, und wirklich wandte sich der Durchlauchtige zu ihm mit der Frage:

»Was sagst du da von der Landwehr?«

»Sie haben sich auf den morgigen Tag, auf den Tod, dadurch vorbereitet, daß sie weiße Hemden angezogen haben.«

»Ah …! Ein wunderbares, unvergleichliches Volk!« sagte Kutusow und wiegte, die Augen zudrückend, den Kopf hin und her. »Ein unvergleichliches Volk!« wiederholte er mit einem Seufzer.

»Wollen Sie Pulver riechen?« sagte er zu Pierre. »Ja, es ist ein angenehmer Geruch. Ich habe die Ehre, ein Anbeter Ihrer Gemahlin zu sein; befindet sie sich wohl? Mein Quartier steht zu Ihren Diensten.«

Und wie das häufig bei alten Leuten der Fall ist, begann Kutusow sich zerstreut umzusehen, als ob er alles vergessen hätte, was er hatte sagen und tun wollen.

Nachdem ihm offenbar das eingefallen war, wonach er gesucht hatte, winkte er Andrei Sergejewitsch Kaisarow, den Bruder seines Adjutanten, zu sich heran.

»Wie … wie lauteten doch die Verse von Marin?« sagte er zu ihm. »Ja, wie lauteten sie doch? Er hatte ein Gedicht auf Gerakow verfaßt:

›Lehrer im Kadettenkorps

Wirst du werden, eitler Tor …‹

Sage doch, sage doch!« Er war offenbar bereit, loszulachen.

Kaisarow sagte das Gedicht her; Kutusow lächelte und nickte im Takt der Verse mit dem Kopf.

Als Pierre von Kutusow zurückgetreten war, näherte sich ihm Dolochow und ergriff seine Hand.

»Ich freue mich sehr, Ihnen hier zu begegnen, Graf«, sagte er laut und in besonders energischem, feierlichem Ton, ohne sich wegen der Gegenwart Fremder zu genieren: »Niemand weiß, wem unter uns beschieden ist, den morgigen Tag zu überleben; da freue ich mich heute über die Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß ich die zwischen uns entstandenen Mißverständnisse bedaure und wünschen möchte, daß Sie keine feindliche Gesinnung mehr gegen mich hegten. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen.«

Pierre blickte ihn lächelnd an, ohne recht zu wissen, was er ihm antworten sollte. Dolochow, dem die Tränen in die Augen getreten waren, umarmte Pierre und küßte ihn.

Boris sagte etwas zu seinem General, und Graf Bennigsen wandte sich an Pierre und stellte ihm anheim, ob er mit ihm die Linie entlangreiten wolle.

»Es wird Sie interessieren«, sagte er.

»O gewiß, außerordentlich«, antwortete Pierre.

Eine halbe Stunde darauf ritt Kutusow nach Tatarinowa weiter, und Bennigsen mit seiner Suite, unter der sich nun auch Pierre befand, ritt die Positionslinie ab.

XXIII

Bennigsen ritt von Gorki auf der großen Heerstraße nach der Brücke hinunter, die der Offizier von dem Hügel aus Pierre als das Zentrum der Position gezeigt hatte und bei der am Ufer Schwaden frischgemähten, duftenden Heus lagen. Dann ritten sie über die Brücke nach dem Dorf Borodino; von dort wendeten sie sich links und ritten an einer gewaltigen Menge von Truppen und Kanonen vorbei zu einem hohen Hügel hin, auf welchem Landwehrleute schanzten. Es war dies die damals noch namenlose Schanze, die später die Benennung Rajewski-Schanze oder Hügelbatterie erhielt.

Pierre wandte dieser Schanze keine besondere Aufmerksamkeit zu. Er ahnte nicht, daß diese Stelle für ihn die denkwürdigste des ganzen Schlachtfeldes von Borodino werden sollte. Dann ritten sie durch eine Schlucht nach Semjonowskoje, wo die Soldaten die letzten Balken der Häuser und Scheunen wegschleppten. Hierauf ging es weiter bergab und bergauf und durch ein zertretenes, wie vom Hagel niedergeschlagenes Roggenfeld auf einem Weg, den die Artillerie neu über den Acker gebahnt hatte, nach den Pfeilschanzen, an denen damals ebenfalls noch gearbeitet wurde.

Auf den Pfeilschanzen hielt Bennigsen an und blickte nach vorn nach der (gestern noch uns gehörigen) Schanze von Schewardino, auf der einige Reiter sichtbar waren. Die Offiziere sprachen die Vermutung aus, daß dort Napoleon oder Murat sei. Alle blickten gespannt nach diesem Reitertrupp hinüber. Pierre blickte ebenfalls hin und suchte zu erraten, wer von diesen kaum sichtbaren Menschen wohl Napoleon sein möchte. Endlich ritt der Trupp von dem Hügel herab und verschwand.

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