Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Vor dem Schuppen wurden Stimmen vernehmbar.
»Wer ist da?« rief Fürst Andrei.
Der rotnasige Hauptmann Timochin, der ehemals Dolochows Kompaniechef gewesen, jetzt aber bei dem Mangel an Offizieren Bataillonskommandeur geworden war, trat schüchtern in den Schuppen. Hinter ihm kamen der Regimentsadjutant und der Zahlmeister herein.
Fürst Andrei stand schnell auf, hörte an, was diese drei ihm Dienstliches zu berichten hatten, erteilte ihnen noch einige Weisungen und war gerade dabei, sie zu entlassen, als sich vor dem Schuppen eine ihm bekannte lispelnde Stimme hören ließ.
»Hol’s der Teufel!« sagte dort jemand, der sich offenbar an etwas gestoßen hatte.
Fürst Andrei sah aus dem Schuppen hinaus und erblickte Pierre, der zu ihm kam und über eine auf der Erde liegende Stange so gestolpert war, daß er beinahe hingefallen wäre. Fürst Andrei hatte überhaupt wenig Freude darüber, wenn er mit Angehörigen seines Gesellschaftskreises zusammentraf, und besonders unangenehm war es ihm jetzt, Pierre wiederzusehen, dessen Anblick ihm alle die schweren Augenblicke ins Gedächtnis zurückrief, die er während seines letzten Aufenthaltes in Moskau durchlebt hatte.
»Ah, sieh da!« sagte er. »Wie kommst du hierher? Dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet.«
Während er dies sagte, lag in seinen Augen und in seinem gesamten Gesichtsausdruck mehr als bloße Gleichgültigkeit: es spiegelte sich darin eine Art von Feindseligkeit wider, die Pierre sofort bemerkte. Dieser war in sehr angeregter Gemütsstimmung zu dem Schuppen gekommen; aber als er den Gesichtsausdruck des Fürsten Andrei wahrnahm, fühlte er sich verlegen und unbehaglich.
»Wissen Sie … ich bin ohne besonderen Grund hergekommen … weil es mir interessant ist«, sagte Pierre, der dieses Wort »interessant« an diesem Tag schon recht oft gebraucht hatte. »Ich wollte die Schlacht mit ansehen.«
»Ja, ja; aber was sagen denn die Brüder Freimaurer über den Krieg? Wie soll er verhütet werden?« fragte Fürst Andrei spöttisch. Und dann fuhr er in ernstem Ton fort: »Nun, wie steht es in Moskau? Was machen die meinigen? Sind sie endlich in Moskau angekommen?«
»Ja, sie sind angekommen. Julja Drubezkaja sagte es mir. Ich wollte sie besuchen, fand sie aber nicht mehr in ihrem Haus. Sie waren nach dem Landhaus hinausgezogen.«
XXV
Die Offiziere wollten sich empfehlen; aber Fürst Andrei, der anscheinend mit seinem Freund nicht gern unter vier Augen zusammensein mochte, lud sie ein, noch ein Weilchen dazubleiben und mit ihm Tee zu trinken. Nicht ohne Verwunderung betrachteten die Offiziere Pierres kolossale, dicke Gestalt und hörten seine Erzählungen über Moskau und über die Aufstellung unseres Heeres, die er hatte abreiten dürfen. Fürst Andrei schwieg, und sein Gesicht war so unfreundlich, daß Pierre sich mehr an den gutmütigen Bataillonskommandeur Timochin als an Bolkonski wendete.
»Du hast also die Aufstellung unserer Truppen verstanden?« unterbrach ihn Fürst Andrei.
»Ja, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade«, erwiderte Pierre. »Als Nichtmilitär kann ich nicht sagen, daß ich sie vollständig verstanden hätte; aber ich meine doch, so im großen und ganzen.«
»Nun, dann bist du klüger als sonst jemand«, sagte Fürst Andrei.
»Oh, oh!« rief Pierre erstaunt und blickte den Fürsten Andrei durch seine Brille an. »Nun, und was sagen Sie zu der Ernennung Kutusows?« fragte er.
»Ich habe mich über diese Ernennung sehr gefreut. Weiter wüßte ich darüber nichts zu sagen«, antwortete Fürst Andrei.
»Und dann sagen Sie doch: welche Meinung haben Sie über Barclay de Tolly? In Moskau wurde alles mögliche über ihn geredet. Wie urteilen Sie über ihn?«
»Frage nur diese Herren hier«, erwiderte Fürst Andrei und wies auf die Offiziere.
Pierre blickte Timochin fragend mit jenem herablassenden Lächeln an, das einem jeden im Verkehr mit diesem unwillkürlich auf die Lippen trat.
»Wir haben aufgeatmet, Euer Erlaucht, als der Durchlauchtige das Kommando übernahm«, sagte Timochin schüchtern, indem er dabei fortwährend nach seinem Regimentskommandeur hinblickte.
»Wieso denn?« fragte Pierre.
»Ja, zu Beispiel nur in bezug auf Holz und Futter möchte ich mir zu bemerken erlauben. Als wir uns von Swenziany zurückzogen, da kam der Befehclass="underline" ›Daß ihr euch nicht untersteht, ein Stück Holz oder ein Bündel Heu oder sonst was dort anzurühren!‹ Aber da wir zurückgingen, fiel es doch bloß dem Feind in die Hände, nicht wahr, Euer Durchlaucht?« wandte er sich an seinen Chef, den Fürsten Andrei. »Aber trotzdem: ›Daß ihr euch nicht untersteht!‹ In unserem Regiment wurden zwei Offiziere wegen derartiger Dinge vor das Kriegsgericht gestellt. Na, aber als der Durchlauchtige das Kommando übernahm, da wurde die Sache gleich ganz anders. Wir atmeten auf …«
»Warum hatte Barclay de Tolly es denn verboten?«
Timochin blickte verlegen um sich, da er nicht wußte, wie und was er auf eine solche Frage antworten sollte. Pierre wandte sich mit derselben Frage an den Fürsten Andrei.
»Nun, um den Landstrich, den wir dem Feind preisgaben, nicht zu verwüsten«, antwortete Fürst Andrei mit bitterem Spott. »Das ist ja logisch sehr schön begründet: man darf den Truppen nicht erlauben, im Land zu plündern und sich an das Marodieren zu gewöhnen. Ja, und in Smolensk hat er durchaus korrekt erwogen, daß die Franzosen uns umgehen könnten und größere Streitkräfte besäßen. Aber das konnte er nicht begreifen«, rief Fürst Andrei in plötzlich hervorbrechendem Ingrimm mit hoher Stimme, »das konnte er nicht begreifen, daß wir dort zum erstenmal für die russische Erde kämpften, daß in den Truppen ein solcher Geist steckte, wie ich ihn noch nie kennengelernt hatte, daß wir zwei Tage hintereinander die Franzosen zurückgeschlagen hatten, und daß dieser Erfolg unsere Kräfte verzehnfachte. Er befahl den Rückzug, und alle Anstrengungen und Verluste waren vergeblich gewesen. Verrat lag ihm ganz fern. Er bemühte sich, alles so gut wie nur irgend möglich zu machen; er überdachte alles: aber eben deshalb taugt er nichts. Gerade deshalb taugt er in diesem Zeitpunkt nichts, weil er alles so gründlich und genau überlegt, wie es eben in der Natur eines jeden Deutschen liegt. Wie kann ich es dir nur deutlich machen, was ich meine … Nun, denke dir, dein Vater hat einen deutschen Diener, und das ist ein vortrefflicher Diener, der alles, was dein Vater braucht, ihm besser leistet, als du es könntest, und den du beruhigt seinen Dienst verrichten läßt; aber wenn dein Vater todkrank ist, dann schickst du trotzdem den Diener weg und wirst mit deinen ungeübten, ungeschickten Händen deinen Vater besser pflegen und sein Wohlbefinden besser befördern als der geschickte Diener, der ihm ein Fremder ist. So stand es auch mit Barclay. Solange Rußland heil und gesund war, konnte ihm der Fremde dienen und war ein vortrefflicher Minister; aber jetzt, wo es in Gefahr ist, bedarf es der Dienste eines Angehörigen, eines Blutsverwandten. In eurem Klub ist man auf den Gedanken gekommen, Barclay wäre ein Verräter! Dadurch, daß man ihn jetzt ungerechterweise als einen Verräter bezeichnet, bewirkt man nur, daß er später, wenn man sich dieses unzutreffenden Vorwurfes schämen wird, aus einem Verräter plötzlich zu einem Helden oder zu einem Genie werden wird; und dies wird noch weniger gerecht sein. Er ist ein ehrlicher Deutscher von peinlicher Genauigkeit.«
»Man sagt aber doch, er sei ein geschickter Feldherr«, wandte Pierre ein.