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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ich verstehe nicht, was das heißt: ein geschickter Feldherr«, antwortete Fürst Andrei spöttisch.

»Ein geschickter Feldherr«, sagte Pierre, »nun, das ist ein solcher, der alle Möglichkeiten vorhersieht … einer, der die Pläne des Gegners errät.«

»Das ist unmöglich«, erwiderte Fürst Andrei, wie wenn dies eine längst entschiedene Sache wäre.

Pierre sah ihn erstaunt an.

»Aber«, wandte er ein, »man sagt doch, der Krieg habe Ähnlichkeit mit dem Schachspiel.«

»Ja«, sagte Fürst Andrei, »nur mit dem kleinen Unterschied, daß man beim Schachspiel über jeden Zug so lange nachdenken kann, als es einem beliebt, daß man dort zeitlich nicht beschränkt ist, und dann noch mit dem Unterschied, daß der Springer immer stärker ist als der Bauer und zwei Bauern immer stärker als einer, im Krieg aber ein Bataillon manchmal stärker ist als eine Division und manchmal schwächer als eine Kompanie. Das Stärkeverhältnis von Truppenkörpern kann niemand vorher beurteilen. Glaube mir«, sagte er, »wenn etwas von den Anordnungen des Generalstabes abhinge, dann würde ich dort sein und Anordnungen treffen; aber statt dessen habe ich die Ehre, hier zu dienen, bei der Truppe, hier mit diesen Herren zusammen, und ich bin der Ansicht, daß der Ausgang des morgigen Tages tatsächlich von uns abhängen wird und nicht von den Generalstäblern … Von der Position und von der Bewaffnung hat der Erfolg niemals abgehangen und wird er niemals abhängen, nicht einmal von der Zahl, am allerwenigsten aber von der Position.«

»Aber wovon denn?«

»Von dem Gefühl, das in mir, in ihm« (er zeigte auf Timochin), »in jedem Soldaten steckt.«

Fürst Andrei sah Timochin an, der einen erschrockenen, verständnislosen Blick nach seinem Kommandeur hinwarf. Im Gegensatz zu seiner bisherigen zurückhaltenden Schweigsamkeit schien Fürst Andrei jetzt sich in starker Erregung zu befinden. Er vermochte sich offenbar nicht so weit zu beherrschen, daß er die Gedanken hätte unausgesprochen lassen können, die ihm unwillkürlich zuströmten.

»Eine Schlacht gewinnt derjenige, der fest entschlossen ist, sie zu gewinnen. Warum haben wir die Schlacht bei Austerlitz verloren? Unsere Verluste und die der Franzosen waren einander fast gleich; aber wir sagten uns sehr früh, daß wir die Schlacht verloren hätten, und verloren sie nun wirklich. Wir sagten uns dies aber deshalb, weil es für uns keinen rechten Zweck hatte, dort zu kämpfen; wir wollten weiter nichts als möglichst schnell vom Schlachtfeld wegkommen. ›Wir haben verloren‹, sagten wir uns; ›nun, dann wollen wir davonlaufen!‹ und wir liefen davon. Hätten wir uns das bis zum Abend nicht gesagt, so wäre die Sache vielleicht ganz anders gekommen. Aber morgen werden wir uns das nicht sagen. Du sprichst von unserer Position, meinst, der linke Flügel sei schwach, der rechte zu weit ausgedehnt«, fuhr er fort; »das alles ist Unsinn und hat keinen Wert. Sondern was steht uns morgen bevor? Hundert Millionen der verschiedenartigsten Zufälligkeiten, deren augenblickliches Resultat sein wird, daß von den Feinden oder den Unsrigen welche davonlaufen und daß dieser oder jener getötet wird; aber was jetzt getan wird, das ist alles nur Spielerei. Die Sache ist die, daß die Herren, mit denen du die Position abgeritten hast, den gesamten Gang der Dinge nicht nur nicht fördern, sondern sogar hemmen. Sie sind nur mit ihren eigenen, kleinen, persönlichen Interessen beschäftigt.«

»In einem solchen Augenblick?« sagte Pierre vorwurfsvoll.

»In einem solchen Augenblick«, wiederholte Fürst Andrei Pierres Worte mit starker Betonung. »Für sie ist das nur ein Augenblick, in dem man seinem Rivalen eine Grube graben und noch ein neues Kreuzchen oder Bändchen erhalten kann. Meine Ansicht über den morgigen Tag ist diese: hunderttausend Russen und hunderttausend Franzosen sind zusammengekommen, um miteinander zu kämpfen; und dieser Kampf wird mit Sicherheit stattfinden, und wer am grimmigsten kämpfen und sich am wenigsten schonen wird, der wird siegen. Und wenn du es hören willst, so will ich dir sagen: mag geschehen, was da will, und mögen die Herren da oben noch so viel Verwirrung anrichten, wir werden morgen die Schlacht gewinnen. Morgen, mag geschehen, was da will, werden wir die Schlacht gewinnen!«

»Das ist die Wahrheit, Euer Durchlaucht; das ist zuverlässig die Wahrheit!« sagte Timochin. »Wer wird sich jetzt schonen? Die Soldaten in meinem Bataillon (können Sie das glauben?) haben heute keinen Branntwein getrunken. ›Das paßt für einen solchen Tag nicht‹, sagen sie.«

Alle schwiegen. Die Offiziere standen auf. Fürst Andrei ging mit ihnen vor den Schuppen hinaus und gab dem Adjutanten die letzten Befehle. Als die Offiziere sich entfernt hatten, trat Pierre wieder zum Fürsten Andrei hin und wollte eben ein Gespräch beginnen, als in geringer Entfernung von dem Schuppen auf dem Weg der Hufschlag von drei Pferden erscholl. Fürst Andrei blickte nach der Richtung hin und erkannte Wolzogen und Clausewitz, von einem Kosaken begleitet. Da sie ziemlich nahe vorbeiritten und ihr Gespräch fortsetzten, so hörten Pierre und Fürst Andrei unwillkürlich folgende Sätze:

»Man muß dem Krieg eine weitere räumliche Ausdehnung geben. Diese Ansicht kann ich nicht genug betonen«, sagte der eine.

»Gewiß«, antwortete eine andere Stimme. »Da der Zweck nur der ist, den Feind zu schwächen, so kann auf die Verluste, welche Privatpersonen dabei erleiden, keine Rücksicht genommen werden.«

»Ganz richtig«, erwiderte die erste Stimme.

»Jawohl, dem Krieg eine weitere räumliche Ausdehnung geben!« sprach Fürst Andrei, zornig durch die Nase schnaubend, jene Worte nach, als sie vorübergeritten waren. »Mein Vater und mein Sohn und meine Schwester haben in Lysyje-Gory den Schaden davon gehabt. Aber das ist ihm völlig gleichgültig. Siehst du, das ist das, was ich dir sagte: diese deutschen Herren werden morgen die Schlacht nicht gewinnen, sondern nur nach Kräften Schaden anrichten, weil ihr Kopf nur mit Erwägungen angefüllt ist, die keine leere Eierschale wert sind, in ihrem Herzen aber das fehlt, was einzig und allein für morgen notwendig ist: das Gefühl, das in Timochin lebt. Ganz Europa haben sie diesem Napoleon überlassen, und dann sind sie hergekommen, um uns zu unterweisen … prächtige Lehrmeister!« Seine Stimme hatte wieder einen kreischenden Ton angenommen.

»Sie glauben also, daß wir die morgige Schlacht gewinnen werden?« fragte Pierre.

»Ja, ja«, antwortete Fürst Andrei zerstreut. »Aber eins würde ich anordnen«, begann er wieder, »wenn ich die Macht dazu hätte: keine Gefangenen zu machen. Was hat es denn für einen Sinn, Gefangene zu machen? Das ist eine Handlung der Ritterlichkeit. Die Franzosen haben mein Haus zerstört und wollen nach Moskau marschieren, um diese Stadt zu zerstören. Sie haben mir schweres Leid zugefügt und tun es noch jeden Augenblick. Sie sind meine Feinde; sie sind allesamt nach meiner Auffassung Verbrecher. Und ebenso denkt Timochin und die ganze Armee. Sie müssen bestraft werden. Wenn sie meine Feinde sind, so können sie nicht meine Freunde sein, trotz allem, was sie da in Tilsit gesagt haben.«

»Ja, ja«, erwiderte Pierre und blickte den Fürsten Andrei mit glänzenden Augen an, »ich bin vollständig Ihrer Ansicht.«

Jene Frage, die ihn seit dem Berg von Moschaisk im Laufe dieses ganzen Tages beunruhigt hatte, schien ihm jetzt ihre völlig klare Beantwortung gefunden zu haben. Er verstand jetzt den ganzen Sinn und die ganze Bedeutung dieses Krieges und der bevorstehenden Schlacht. Alles, was er an diesem Tag gesehen hatte, alle die ernsten, finsteren Mienen, die an seinem Auge vorbeigezogen waren, erhielten für ihn jetzt eine neue Beleuchtung. Er verstand jene (wie man sich in der Physik ausdrückt) latente Wärme des patriotischen Empfindens, welche in allen diesen Menschen steckte, die er gesehen hatte, und durch welche es ihm klar wurde, warum alle diese Menschen ruhig und gewissermaßen leichtsinnig sich auf den Tod vorbereiteten.

»Keine Gefangenen machen«, fuhr Fürst Andrei fort. »Das ist das einzige Mittel, um den ganzen Krieg umzugestalten und ihm einen minder grausamen Charakter zu geben. So aber haben wir immer den Krieg wie ein Spiel behandelt, und das ist falsch und töricht; wir spielen die Edelmütigen usw. Dieser Edelmut und diese Empfindsamkeit erinnern an eine Dame, der übel wird, wenn sie ein Kalb schlachten sieht: sie hat ein so gutes Herz, daß sie kein Blut sehen kann; aber sie ißt dieses selbe Kalb mit Appetit, wenn es mit Sauce zugerichtet ist. Man schwatzt uns soviel vor von dem Recht, das im Krieg gelte, von Ritterlichkeit, vom Verhandeln durch Parlamentäre, von Schonung der Unglücklichen usw. Alles Unsinn! Ich habe im Jahre 1805 diese Ritterlichkeit und dieses Parlamentärwesen mit angesehen: man hat uns hinters Licht geführt, und wir haben den Gegnern das gleiche getan. Man plündert fremde Häuser, setzt falsches Papiergeld in Umlauf und, was das Schlimmste ist, tötet meine Kinder und meinen Vater, und dabei redet man noch von dem im Krieg gültigen Recht und von Edelmut gegen die Feinde. Das Richtige ist: keine Gefangenen machen, sondern die Feinde töten und selbst in den Tod gehen! Wer durch so viele Leiden, wie ich, auf diesen Standpunkt gelangt ist …«

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