Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Obgleich Fürst Andrei von sich selbst glaubte, daß es ihm ganz gleich sei, ob die Feinde nun auch noch Moskau nähmen wie vorher Smolensk, mußte er doch auf einmal infolge eines plötzlichen Krampfes, der seine Kehle befiel, in seiner Rede innehalten. Er ging ein paarmal schweigend auf und ab; aber seine Augen glänzten fieberhaft und seine Lippen zitterten, als er wieder weitersprach:
»Wenn diese Sucht, im Krieg den Edelmütigen zu spielen, in Verruf käme, so würden wir nur in solchen Fällen in den Krieg ziehen, wo sein Zweck es wert ist, daß man um seinetwillen in den sicheren Tod geht. Dann würde kein Krieg deswegen geführt werden, weil Pawel Iwanowitsch den Michail Iwanowitsch beleidigt hat. Sondern wenn Krieg geführt würde, wie jetzt, so würde es ein wirklicher Krieg sein. Auch die seelische Beteiligung der Truppen würde dann eine andere sein als jetzt. Dann wären alle diese Westfalen und Hessen, die Napoleon mit sich führt, ihm nicht nach Rußland gefolgt, und wir wären nicht nach Österreich und Preußen gezogen, um dort zu kämpfen, ohne selbst zu wissen warum. Der Krieg ist keine Liebenswürdigkeit, sondern die garstigste Handlung im menschlichen Leben; das muß man sich klarmachen und ihn nicht als Spiel betreiben. Ernsten, strengen Sinnes muß man diese furchtbare Notwendigkeit hinnehmen. Alles kommt darauf an, die Unwahrhaftigkeit fernzuhalten und den Krieg als Krieg zu behandeln und nicht als Spielerei. Jetzt aber ist der Krieg das Lieblingsamüsement müßiger, leichtsinniger Menschen. Der Militärstand ist der geachtetste.
Und was ist das Wesen des Krieges? Was ist beim Kriegshandwerk zum Erfolg nötig? Wie beschaffen sind die Sitten des Militärs? Der Zweck des Krieges ist der Mord; die Mittel des Krieges sind Spionage, Verrat, Anstiftung zum Verrat, der Ruin der Einwohner, die ausgeplündert oder bestohlen werden, um die Armee zu versorgen, Betrug und Lüge, die als Kriegslist bezeichnet werden; die Sitten des Militärstandes sind: jener Mangel an persönlicher Freiheit, welcher Disziplin heißt, Müßiggang, Roheit, Grausamkeit, Unzucht, Trunksucht. Und trotzdem ist dies der höchste, allgemein geachtete Stand. Alle Herrscher, mit Ausnahme des Kaisers von China, tragen militärische Uniform, und demjenigen Soldaten, der die meisten Menschen getötet hat, werden die größten Belohnungen erteilt.
Da kommen sie nun zusammen, wie wir es morgen tun werden, um sich gegenseitig zu morden, und töten viele tausend Menschen oder machen sie zu Krüppeln, und dann halten sie Dankgottesdienste dafür ab, daß sie so viele Menschen gemordet haben (sie pflegen die Zahl sogar noch zu übertreiben), und verkünden ihren Sieg, in der Überzeugung, daß ihr Verdienst um so größer sei, je mehr Menschen sie gemordet haben. Wie kann nur Gott vom Himmel her das mit ansehen und mit anhören?« rief Fürst Andrei mit hoher, kreischender Stimme. »Ach, liebster Freund, in der letzten Zeit ist mir das Leben recht schwer geworden. Ich merke, daß ich zu weit in der Erkenntnis vorgedrungen bin. Aber es ist dem Menschen nicht zuträglich, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen … Nun, es wird ja nicht mehr lange dauern!« fügte er hinzu.
»Aber du wirst müde sein, und auch für mich ist es Zeit, daß ich mich hinlege. Reite nach Gorki«, sagte Fürst Andrei plötzlich.
»O nein, nicht doch!« antwortete Pierre und blickte ihn mit erschrockenen, mitleidigen Augen an.
»Reite nur, reite!« wiederholte Fürst Andrei. »Vor einer Schlacht muß man ausschlafen.«
Er trat schnell an Pierre heran und umarmte und küßte ihn.
»Lebe wohl, geh!« rief er. »Ob wir uns wiedersehen werden? Wohl kaum.« Er wandte sich hastig um und ging in den Schuppen hinein.
Es war schon dunkel, und Pierre vermochte nicht zu unterscheiden, ob der Gesichtsausdruck des Fürsten Andrei grimmig oder zärtlich war.
Er stand noch ein Weilchen schweigend da und überlegte, ob er ihm nachgehen oder nach Hause reiten sollte. »Nein, er bedarf meiner nicht!« sagte er sich schließlich. »Aber ich weiß, daß dies unser letztes Zusammensein war.« Er seufzte schwer und ritt nach Gorki zurück.
Als Fürst Andrei in den Schuppen zurückgekehrt war, legte er sich auf seine Decke; aber er konnte nicht einschlafen.
Er schloß die Augen. Mancherlei Bilder, die einander ablösten, traten ihm vor die Seele. Bei einem von ihnen verweilte er lange und gern. Er erinnerte sich mit großer Deutlichkeit an einen Abend in Petersburg. Natascha erzählte ihm mit lebhaft erregtem Gesicht, wie sie sich im vorhergehenden Sommer beim Pilzesuchen in einem großen Wald verirrt hatte. Sie schilderte ihm bunt durcheinander die Einsamkeit des Waldes und ihre Empfindungen und ihr Gespräch mit dem Bienenvater, den sie getroffen hatte; dabei unterbrach sie sich alle Augenblicke in ihrer Erzählung, indem sie sagte: »Nein, ich kann nicht erzählen; ich erzähle gar zu ungeschickt; nein, Sie verstehen mich nicht«, obwohl Fürst Andrei sie wiederholt durch die Versicherung, daß er sie verstehe, zu beruhigen suchte und auch wirklich alles verstand, was sie sagen wollte. Natascha war unzufrieden mit ihrer eigenen Darstellung: sie meinte, daß jenes leidenschaftliche, romantische Gefühl, das an jenem Tag ihr Herz erfüllt hatte und das sie jetzt zu schildern versuchte, nicht klar zum Ausdruck käme. »Dieser alte Mann war so allerliebst, und es war so dunkel im Wald … und er hatte so gute Augen … Nein, ich verstehe nicht zu erzählen!« sagte sie errötend und erregt. Auf des Fürsten Andrei Lippen trat jetzt jenes selbe fröhliche Lächeln wie damals, als er ihr in die Augen blickte. »Ich verstand sie«, dachte er. »Und ich verstand sie nicht nur, sondern ich liebte auch die Kraft, die Lauterkeit, die Offenheit ihrer Seele, liebte diese Seele, die gleichsam von dem Körper zusammengehalten wurde, liebte sie so stark, so glückselig.« Und plötzlich erinnerte er sich daran, wie seine Liebe ein Ende genommen hatte. »Diesem Menschen lag an alledem nichts. Er sah und verstand nichts davon. Er sah in ihr nur ein hübsches, frisches Mädchen, das aber doch nicht wert sei, daß er sein Schicksal mit dem ihrigen verbinde. Und ich …? Und er ist immer noch am Leben und vergnügt.«
Fürst Andrei sprang auf, wie wenn ihn jemand mit einem glühenden Eisen angerührt hätte, und begann wieder vor dem Schuppen auf und ab zu gehen.
XXVI
Am 25. August, dem Tag vor der Schlacht bei Borodino, trafen der Palastpräfekt des Kaisers der Franzosen, Herr de Bausset, und der Oberst Fabvier, der erstere aus Paris, der zweite aus Madrid, bei dem Kaiser Napoleon in seinem Quartier in der Nähe von Walujewo ein.
Nachdem Herr de Bausset sich in die Hofuniform umgekleidet hatte, befahl er, die Kiste, die er für den Kaiser mitgebracht hatte, vor ihm herzutragen, und betrat die vordere Abteilung von Napoleons Zelt, wo er sich mit dem Öffnen und Auspacken der Kiste beschäftigte und sich dabei mit den ihn umringenden Adjutanten Napoleons unterhielt.