Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Bennigsen wandte sich an einen General, der sich ihm näherte, und begann ihm die ganze Stellung unserer Truppen zu erklären. Pierre hörte Bennigsens Worte und strengte alle seine Geisteskräfte an, um die eigentliche Idee der bevorstehenden Schlacht zu begreifen, merkte jedoch zu seinem Leidwesen, daß seine geistigen Fähigkeiten dazu nicht ausreichten. Er verstand nichts. Bennigsen beendete seine Auseinandersetzung, und als er bemerkte, daß Pierre zuhörte, wendete er sich an ihn mit der Frage: »Das interessiert Sie wohl nicht sonderlich?«
»O doch, im Gegenteil, es ist mir höchst interessant!« erwiderte Pierre nicht ganz wahrheitsgemäß.
Von den Pfeilschanzen ritten sie noch weiter nach links auf einem Weg, der sich durch dichten, niedrigen Birkenwald schlängelte. Mitten in diesem Wald sprang vor ihnen ein brauner Hase mit weißen Läufen auf den Weg und geriet, erschrocken über das Getrappel so vieler Pferde, dermaßen in Verwirrung, daß er lange auf dem Weg vor ihnen herlief, wodurch er allgemeine Aufmerksamkeit und großes Gelächter erregte; erst als einige der Reiter ihn heftig anschrien, warf er sich zur Seite und verschwand im Dickicht. Nachdem sie im Wald etwa zwei Werst zurückgelegt hatten, kamen sie auf eine Lichtung hinaus, auf der die Truppen des Tutschkowschen Korps standen, das die linke Flanke decken sollte.
Hier am äußersten linken Flügel sprach Bennigsen lange und in erregtem Ton und traf eine, wie es Pierre schien, in taktischer Hinsicht wichtige Anordnung. Vor dem Standort der Truppen Tutschkows befand sich eine Anhöhe. Diese Anhöhe war nicht von Truppen besetzt. Bennigsen tadelte laut diesen Fehler und sagte, es sei sinnlos, eine Höhe, die die ganze Umgegend beherrsche, unbesetzt zu lassen und die Truppen dahinter an ihrem Fuß aufzustellen. Mehrere Generale äußerten sich in demselben Sinn; namentlich einer redete mit soldatischer Heftigkeit davon, die Truppen hätten dort ihren Platz geradezu auf einer Schlachtbank erhalten. Bennigsen befahl, auf seine Verantwortung, die Truppen auf die Höhe vorzuschieben.
Diese Anordnung auf der linken Flanke ließ Pierre noch mehr an seiner Befähigung zweifeln, militärische Dinge zu verstehen. Als er mit angehört hatte, was Bennigsen und die Generale sagten, die die Aufstellung der Truppen am Fuß der Anhöhe tadelten, hatte er sie vollständig verstanden und sich ihrer Meinung angeschlossen; aber eben deshalb konnte er nicht begreifen, wie derjenige, der sie dort am Fuß der Anhöhe aufgestellt hatte, einen so augenfälligen, groben Fehler habe begehen können.
Pierre wußte nicht, daß diese Truppen dort nicht aufgestellt waren, um die Position zu verteidigen, wie Bennigsen meinte, sondern um an dieser versteckten Stelle im Hinterhalt zu stehen, d.h. um unbemerkt zu bleiben und plötzlich auf den heranrückenden Feind loszustürzen. Bennigsen wußte das nicht und schob die Truppen, seinen besonderen Ideen entsprechend, vor, ohne dem Oberkommandierenden etwas davon zu sagen.
XXIV
Der Abend dieses Tages, des 25. August, war hell und klar. Fürst Andrei lag, auf den Arm gestützt, in einem halbzerstörten Schuppen des Dorfes Knjaskowo, am äußersten Rand dieses Dorfes, in welchem sein Regiment lagerte. Durch ein Loch der arg beschädigten Wand blickte er nach einer am Zaun entlangstehenden Reihe dreißigjähriger Birken, deren untere Äste abgehauen waren, nach einem Ackerfeld mit auseinandergerissenen Hafermandeln und nach einem Gebüsch, wo die Feuer rauchten, an denen die Soldaten kochten.
Obwohl Fürst Andrei jetzt die Empfindung hatte, sein Leben beenge und drücke ihn und sei für niemand von Wert, so war er dennoch, gerade wie sieben Jahre vorher bei Austerlitz, am Vorabend der Schlacht unruhig und aufgeregt.
Die Befehle für die morgige Schlacht hatte er erhalten und die seinigen erteilt. Zu tun hatte er nichts mehr. Aber seine Gedanken, ganz einfache, klare und daher besonders schreckliche Gedanken, ließen ihm keine Ruhe. Er wußte, daß die morgige Schlacht furchtbarer werden mußte als alle, an denen er bisher teilgenommen hatte, und zum erstenmal in seinem Leben trat ihm die Möglichkeit seines Todes, ohne jede Beziehung auf irdische Dinge, ohne einen Gedanken daran, wie sein Tod auf andere Menschen wirken werde, sondern lediglich in Beziehung auf ihn selbst, auf seine Seele, mit Lebhaftigkeit, fast mit Gewißheit, einfach und furchtbar vor Augen. Und von der Höhe dieser Vorstellung herab sah er plötzlich alles, was ihn früher gequält und beschäftigt hatte, wie von einem kalten, weißen Licht beleuchtet, ohne Schatten, ohne Perspektive, ohne scharfe Umrisse. Sein ganzes Leben erschien ihm wie ein Guckkasten, in den er lange durch ein Glas und bei künstlicher Beleuchtung hineingeblickt hatte. Jetzt sah er diese schlecht hingemalten Bilder auf einmal ohne Glas, bei hellem Tageslicht. »Ja, ja, da sind sie, die Truggestalten, die mich aufgeregt und entzückt und gequält haben«, sagte er zu sich selbst, während er in seiner Erinnerung die Hauptbilder seines Lebens-Guckkastens musterte und sie jetzt bei diesem kalten, weißen Licht betrachtete, das der Gedanke an den Tod über alles breitete. »Da sind sie, diese grob hingestrichenen Figuren, die sich als etwas Schönes, Geheimnisvolles darstellten. Ruhm, Gemeinwohl, Liebe zum Weib, Vaterland, wie groß und erhaben erschienen mir diese Bilder und von wie tiefem Sinn erfüllt! Und das alles steht nun so nüchtern, blaß und grob vor mir, bei dem kalten, weißen Licht jenes Morgens, der nun, das fühle ich, für mich heraufsteigt.« Die drei schmerzlichsten Ereignisse seines Lebens beschäftigten ihn ganz besonders: seine Liebe zu jenem Mädchen, der Tod seines Vaters und die französische Invasion, welche halb Rußland überflutete. »Die Liebe …! dieses Mädchen, in dem ich so viele geheimnisvolle Kräfte zu erkennen glaubte! Jawohl; ich habe dieses Mädchen geliebt, habe romantische Pläne geschmiedet über ein Leben voll Liebe und Glück an ihrer Seite! O ich artiger Knabe!« sagte er ingrimmig laut vor sich hin. »Jawohl, ich habe an eine ideale Liebe geglaubt, kraft deren sie mir während des ganzen Jahres meiner Abwesenheit die Treue bewahren werde. Ich meinte, sie werde, nach Art des zärtlichen Täubchens in der Fabel, von mir getrennt sich vor Sehnsucht verzehren. Aber es stellte sich heraus, daß das alles weit nüchterner war … Furchtbar nüchtern war das alles und ekelhaft!
So hat auch mein Vater in Lysyje-Gory alles gebaut und eingerichtet und gemeint, das sei sein Stück Land, seine Erde, seine Luft, seine Bauern; und da kam nun dieser Napoleon, und ohne von meines Vaters Existenz zu wissen, stieß er ihn wie ein Holzklötzchen aus dem Weg und richtete ihm sein Lysyje-Gory und sein ganzes Leben zugrunde. Prinzessin Marja sagt freilich, das sei eine von oben gesandte Prüfung. Aber welchen Zweck soll eine Prüfung haben, wenn der zu Prüfende, mein Vater, nicht mehr existiert und nie mehr existieren wird? Niemals mehr wird er existieren! Er existiert nicht mehr. Also wen betrifft da diese Prüfung? – Das Vaterland, der Untergang Moskaus! Und mich wird morgen ein Franzose töten, oder vielleicht nicht einmal ein Franzose, sondern einer von unseren eigenen Leuten, wie ja auch gestern ein Soldat sein Gewehr dicht bei meinem Ohr abschoß; und die Franzosen werden kommen und mich bei den Beinen und beim Kopf nehmen und in eine Grube werfen, damit mein Leichnam ihnen nicht die Luft verdirbt; und es werden sich neue Lebensverhältnisse herausbilden, die anderen Leuten ebenso gewöhnlich vorkommen werden wie mir die meinigen, und ich werde nichts von ihnen wissen und werde nicht mehr existieren.«
Er blickte nach der Reihe von Birken hin, deren regungslos hängendes, gelblichgrünes Laub und weiße Rinde in der Sonne glänzten. »Sterben …! Nun gut, mag ich morgen fallen … Mag ich aufhören zu existieren … Mag alles dies weiterbestehen, ich aber nicht mehr sein!« Er stellte sich sein Fehlen inmitten dieses Lebens mit voller Deutlichkeit vor. Und diese Birken mit ihrem Licht und Schatten, und diese krausen Wolken, und dieser Rauch der Lagerfeuer, alles dies rings um ihn her nahm in seinen Augen eine andere Gestalt an und erschien ihm als etwas Furchtbares, Drohendes. Ein kalter Schauder lief ihm den Rücken entlang.