Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Die Landwehrleute, sowohl diejenigen, die im Dorf gewesen waren, als auch diejenigen, die an der Batterie gearbeitet und nun schleunigst ihre Spaten hingeworfen hatten, liefen der Prozession entgegen.
Hinter dem Bataillon, das auf der staubigen Straße marschierte, gingen Geistliche in Meßgewändern, ein hochbejahrter Priester in Mönchstracht, die niederen Kirchenbeamten und die Sänger. Hinter ihnen trugen Soldaten und Offiziere ein großes, eingerahmtes Muttergottesbild mit schwarzem Antlitz. Dies war das Muttergottesbild, das aus Smolensk mitgenommen war und seitdem bei der Armee mitgeführt wurde. Hinter und vor dem Bild, ringsherum, auf allen Seiten gingen und liefen Scharen von Soldaten mit entblößten Köpfen und verbeugten sich bis zur Erde.
Als die Prozession oben auf dem Berg angelangt war, machte sie mit dem Bild halt; die Leute, die es auf Handtüchern getragen hatten, wurden abgelöst; die Kirchendiener zündeten die Weihrauchfässer von neuem an, und der Gottesdienst begann. Die heißen Strahlen der Sonne fielen senkrecht von oben herab; ein schwacher, frischer Lufthauch spielte mit den Haaren der entblößten Köpfe und mit den Bändern, mit denen das heilige Bild geschmückt war; der Gesang klang nur leise unter freiem Himmel. Eine gewaltige Menge von Offizieren, Soldaten und Landwehrleuten umringte mit entblößten Häuptern das Bild. Hinter dem zelebrierenden Geistlichen und dem Küster standen auf einem gesäuberten Platz die Personen höheren Ranges. Ein kahlköpfiger General mit dem Georgskreuz am Hals stand gerade hinter dem Rücken des Geistlichen und wartete, ohne sich zu bekreuzen (er war offenbar ein Deutscher), geduldig auf die Beendigung des Bittgottesdienstes, welchen mitanzuhören er für notwendig erachtete, wahrscheinlich um den Patriotismus des russischen Volkes zu steigern. Ein anderer General stand in kriegerischer Haltung da, machte mit der Hand vor der Brust eine schüttelnde Bewegung und blickte sich rings um. Unter diesem Häufchen der Vornehmen erkannte Pierre, der in dem Haufen der Bauern stand, mehrere Bekannte; aber er blickte nicht nach ihnen hin; seine ganze Aufmerksamkeit wurde durch den ernsten Ausdruck der Gesichter bei dieser Schar von Soldaten und Landwehrmännern in Anspruch genommen, die einer wie der andere mit heißer Andacht nach dem Muttergottesbild hinblickten. Sowie die bereits recht müde gewordenen Küster (sie sangen schon das zwanzigste Gebet) matt und gewohnheitsmäßig anstimmten: »Errette deine Knechte aus ihrer Not, Mutter Gottes«, und der Geistliche und der Diakonus einfielen: »Denn wir alle nehmen unsere Zuflucht zu dir, unserem festen Schutz und unserer Fürsprecherin«, da leuchtete auf allen Gesichtern wiederum jenes selbe Bewußtsein der Feierlichkeit des herannahenden Augenblicks, das er unterhalb des Moschaisker Berges und oft nachher auf vielen, vielen Gesichtern, die ihm an diesem Vormittag begegnet waren, gesehen hatte; und immer häufiger wurden die Köpfe gesenkt, die Haare zurückgeschüttelt; immer häufiger erschollen Seufzer und beim Bekreuzen Schläge gegen die Brust.
Die Menge, die das heilige Bild umringte, bildete plötzlich eine Gasse und preßte Pierre zusammen. Es ging jemand auf das Bild zu, wahrscheinlich eine sehr hohe Persönlichkeit, nach der Eile zu urteilen, mit der alle vor ihm zur Seite traten.
Es war Kutusow, der die Position abgeritten hatte; nun kam er, auf dem Rückweg nach Tatarinowa begriffen, zu dem Gottesdienst. Pierre erkannte ihn sogleich an seiner eigenartigen, sich von allen andern unterscheidenden Gestalt.
Einen langen Rock an dem enorm dicken Körper, mit gekrümmtem Rücken, den grauhaarigen Kopf entblößt, mit dem ausgelaufenen, weißen Auge in dem aufgedunsenen Gesicht: so trat Kutusow mit seinem gleitenden, schaukelnden Gang in den Kreis hinein und blieb hinter dem Geistlichen stehen. Er bekreuzte sich mit Bewegungen, die ihm augenscheinlich sehr geläufig waren, berührte mit der Hand die Erde und senkte, schwer seufzend, seinen grauen Kopf. Hinter Kutusow standen Bennigsen und die Suite. Trotz der Anwesenheit des Oberkommandierenden, der die Aufmerksamkeit aller vornehmen Persönlichkeiten auf sich lenkte, beteten die Landwehrleute und Soldaten weiter, ohne auf ihn zu achten.
Als der Gottesdienst zu Ende war, trat Kutusow an das Muttergottesbild heran, ließ sich schwerfällig auf die Knie nieder, beugte sich zur Erde und bemühte sich dann bei seiner Korpulenz und Schwäche lange vergebens wieder aufzustehen. Die Muskeln seines grauen Kopfes zuckten vor Anstrengung. Endlich kam er in die Höhe, küßte in kindlich naiver Weise die Lippen vorstreckend das Bild und verbeugte sich wieder, indem er mit der Hand die Erde berührte. Die Generalität folgte seinem Beispiel, darauf traten die Offiziere und nach ihnen, einander drängend, tretend und stoßend, mit erregten Gesichtern und keuchendem Atem die Soldaten und Landwehrleute heran.
XXII
Hin und her schwankend infolge des Gedränges, das ihn erfaßt hatte, sah sich Pierre rings um.
»Graf! Pjotr Kirillowitsch! Wie kommen Sie hierher?« rief eine Stimme.
Pierre blickte nach der Richtung hin. Boris Drubezkoi, sich mit der Hand die Knie reinigend, die er sich, wahrscheinlich gleichfalls beim Küssen des Muttergottesbildes, beschmutzt hatte, kam lächelnd auf Pierre zu. Boris war elegant gekleidet, mit einer Nuance von feldzugsmäßigem Kriegertum; er trug einen langen Rock und über der Schulter eine Peitsche, ganz ebenso wie Kutusow.
Unterdessen war Kutusow zum Dorf hingegangen und hatte sich im Schatten des nächsten Hauses auf eine Bank gesetzt, die ein Kosak schnell herbeigebracht und ein anderer eilig mit einem Teppich bedeckt hatte. Eine große, glänzende Suite umgab den Oberbefehlshaber.
Das heilige Bild bewegte sich, von einer großen Menschenschar begleitet, weiter. Pierre blieb etwa dreißig Schritte von Kutusow entfernt im Gespräch mit Boris stehen. Er machte diesem von seiner Absicht Mitteilung, an der Schlacht teilzunehmen und vorher die Position zu besichtigen.
»Machen Sie das so«, sagte Boris: »Ich werde hier im Lager Ihnen gegenüber den Hausherrn spielen. Die Schlacht werden Sie am besten von da aus sehen, wo sich Graf Bennigsen befinden wird. Ich gehöre zu seiner Suite und werde ihm von Ihrem Wunsch Meldung machen. Wenn Sie aber die Position abreiten wollen, so kommen Sie mit uns mit: wir reiten sogleich nach der linken Flanke. Und wenn wir zurück sind, so möchte ich Sie um die Freundlichkeit bitten, bei mir zu übernachten; wir arrangieren dann eine kleine Kartenpartie. Sie kennen ja doch wohl Dmitri Sergejewitsch? Er liegt dort im Quartier.« Boris zeigte auf das dritte Haus in Gorki.
»Aber ich möchte gern auch die rechte Flanke sehen; ich höre, daß sie sehr stark ist«, erwiderte Pierre. »Ich würde am liebsten von der Moskwa an die ganze Position abreiten.«
»Nun, das können Sie ja später noch; die Hauptsache ist doch die linke Flanke …«
»Also schön. Und wo ist das Regiment des Fürsten Bolkonski? Können Sie mir das nicht zeigen?« fragte Pierre.
»Andrei Nikolajewitschs Regiment? Wir kommen daran vorbei; ich werde Sie zu ihm führen.«
»Was hat es denn mit der linken Flanke für eine Bewandtnis?« fragte Pierre.
»Ihnen die Wahrheit zu sagen, unter uns, unsere linke Flanke befindet sich in einem ganz wunderlichen Zustand«, antwortete Boris, indem er vertraulich die Stimme senkte. »Graf Bennigsen hatte etwas ganz anderes vorgeschlagen. Er hatte jenen Hügel dort in ganz anderer Weise befestigen wollen; aber …« (Boris zuckte mit den Achseln) »dem Durchlauchtigen schien es nicht, oder man hatte ihm etwas eingeredet. Er hat ja …« Boris sprach nicht zu Ende, weil in diesem Augenblick Kaisarow, ein Adjutant Kutusows, auf Pierre zukam. »Ah! Paisi Sergejewitsch«, sagte Boris, sich mit harmlosem Lächeln zu Kaisarow wendend. »Ich versuche eben, dem Grafen unsere Position zu erläutern. Es ist erstaunlich, wie der Durchlauchtige die Pläne der Franzosen mit solcher Sicherheit hat durchschauen können!«
»Sie meinen die linke Flanke?« fragte Kaisarow.