Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der wirkliche Hergang war offenbar der folgende. Die Russen wählten sich eine Position am Fluß Kolotscha, der die große Heerstraße nicht in einem rechten, sondern in einem spitzen Winkel schneidet, so daß sich der linke Flügel bei Schewardino befand, der rechte in der Nähe des Dorfes Nowoje Selo und das Zentrum bei Borodino, an dem Zusammenfluß der Kolotscha und Woina. Jedem, der das Schlachtfeld von Borodino betrachtet und sich dabei den Gedanken an den wirklichen Hergang der Schlacht fernhält, muß es einleuchten, daß diese durch die Kolotscha gedeckte Position für eine Armee zweckmäßig war, die die Absicht hatte, einen auf der Straße von Smolensk nach Moskau vorrückenden Feind aufzuhalten.
Napoleon, der am 24. nach Walujewo vorgeritten war, sah nicht (wie es in den geschichtlichen Darstellungen heißt) die sich von Utiza nach Borodino erstreckende Position der Russen (er konnte diese Position nicht sehen, weil sie nicht existierte) und sah nicht ein Vorwerk der russischen Armee, sondern er stieß bei der Verfolgung der russischen Nachhut auf den linken Flügel der russischen Position, auf die Schanze von Schewardino, und führte, was die Russen nicht erwartet hatten, seine Truppen über die Kolotscha. Und die Russen, die nicht mehr Zeit fanden, eine Hauptschlacht zu beginnen, gingen mit ihrem linken Flügel aus der Position, die sie einzunehmen beabsichtigt hatten, zurück und nahmen eine neue Position ein, welche vorher nicht in Aussicht genommen und nicht befestigt war. Dadurch, daß Napoleon auf die andere Seite der Kolotscha, links von der Heerstraße, herüberging, verschob er die ganze bevorstehende Schlacht von rechts nach links (von russischer Seite gesehen) und übertrug sie auf das Feld zwischen Utiza, Semjonowskoje und Borodino (auf dieses Feld, welches für unsere Position keine größeren Vorteile bot als jedes andere Feld in Rußland), und auf diesem Feld fand dann die ganze Schlacht am 26. statt. Die nebenstehende Kartenskizze gibt in groben Umrissen den Plan der ursprünglichen und der nachherigen wirklichen Aufstellung.1
Wäre Napoleon nicht am Abend des 24. an die Kolotscha geritten und hätte er nicht Befehl gegeben, noch gleich am Abend die Schanze anzugreifen, sondern hätte er den Angriff erst am andern Morgen begonnen, so würde niemand daran zweifeln, daß die Schanze von Schewardino der linke Flügel unserer Position war, und die Schlacht hätte dann in der Weise stattgefunden, wie die Russen es erwartet hatten. In diesem Fall hätten die Russen die Schanze von Schewardino, ihren linken Flügel, wahrscheinlich noch hartnäckiger verteidigt, hätten Napoleon im Zentrum oder von rechts her angegriffen, und es hätte am 25. die Hauptschlacht in der Position stattgefunden, die im voraus in Aussicht genommen und befestigt war. Da aber der Angriff auf unsern linken Flügel noch am Abend nach de Rückzug unserer Arrieregarde stattfand, d.h. unmittelbar nach dem Kampf bei Gridnewa, und da die russischen Heerführer keine Lust oder keine Zeit mehr hatten, noch damals, am Abend des 24., die Hauptschlacht anzufangen, so war die erste und wichtigste Aktion bei der Schlacht von Borodino schon am 24. verloren, und dies führte augenscheinlich auch zum Verlust der am 26. gelieferten Schlacht.
Nach dem Verlust der Schanze von Schewardino befanden wir uns am Morgen des 25. auf dem linken Flügel ohne Position und sahen uns in die Notwendigkeit versetzt, unseren linken Flügel zurückzubiegen und ihn eilig da zu befestigen, wo er gerade hingekommen war.
Aber nicht genug daran, daß am 26. August die russischen Truppen nur unter dem Schutz schwacher, unvollendeter Befestigungen standen: der Nachteil dieser Stellung wurde noch dadurch vergrößert, daß die russischen Heerführer, die die vollendete Tatsache (den Verlust der Position auf dem linken Flügel und die Verschiebung des ganzen künftigen Schlachtfeldes von rechts nach links) nicht recht eingestehen wollten, in ihrer ausgedehnten Position vom Dorf Nowoje Selo bis Utiza stehenblieben und infolgedessen sich genötigt sahen, ihre Truppen während der Schlacht von rechts nach links zu verschieben. Auf diese Weise hatten die Russen während der ganzen Schlacht der gegen unsern linken Flügel gerichteten französischen Armee gegenüber nur halb so starke Streitkräfte. (Die Unternehmungen Poniatowskis gegen Utiza und Uwarows gegen den linken Flügel der Franzosen bildeten besondere Operationen, die mit dem gesamten Gang der Schlacht nichts zu tun hatten.)
Die Schlacht bei Borodino fand also durchaus nicht in der Weise statt, wie die Geschichtsschreiber sie darstellen, die sich bemühen, die Fehler unserer Heerführer zu verdecken, und dadurch den Ruhm des russischen Heeres und Volkes schmälern. Die Schlacht bei Borodino fand nicht in einer ausgewählten, befestigten Position mit nur etwas geringeren Streitkräften auf seiten der Russen statt; sondern die Schlacht bei Borodino wurde infolge des Verlustes der Schanze von Schewardino von den Russen auf einem offenen, beinahe unbefestigten Terrain angenommen, mit Streitkräften, die nur halb so stark waren wie die der Franzosen, also unter Verhältnissen, unter denen man nicht nur nicht erwarten konnte, daß man sich zehn Stunden lang schlagen und die Schlacht unentschieden gestalten könne, sondern nicht einmal, daß man imstande sein werde, drei Stunden lang die Armee vor völliger Auflösung und Flucht zu bewahren.
Fußnoten
1 Tolstois Skizze ist in manchen Punkten nicht genau. Hervorgehoben sei, daß bei der »wirklichen Stellung der Franzosen« der linke Flügel, d.h. das Korps des Vizekönigs, jenseits der Kolotscha zu beiden Seiten der Heerstraße stand.
B Kartenskizze
Anmerkung des Übersetzers.
XX
Am 25. August morgens fuhr Pierre aus Moschaisk fort. Auf dem Weg, der aus der Stadt einen steilen Berg hinab an einer rechtsstehenden Kirche vorbeiführte, in welcher zum Gottesdienst geläutet und Messe gehalten wurde, stieg Pierre aus dem Wagen und ging zu Fuß. Hinter ihm kam ein Kavallerieregiment, die Sänger voran, den Berg herunter; ihm entgegen zog eine Reihe von Bauernwagen mit Verwundeten von dem gestrigen Kampf bergan. Die bäuerlichen Fuhrleute liefen, die Pferde anschreiend und mit den Peitschen schlagend, von einer Seite nach der andern. Die Wagen, auf deren jedem drei bis vier verwundete Soldaten lagen und saßen, fuhren stuckernd über die Steine, die, auf den steilen Weg hingeworfen, eine Art Pflaster bildeten. Die mit Lappen verbundenen Verwundeten, blasse Gestalten mit zusammengepreßten Lippen und finster zusammengezogenen Augenbrauen, wurden in den Wagen heftig in die Höhe geschleudert und umhergeworfen und suchten sich an den Wagenleitern zu halten. Fast alle betrachteten mit naiver, kindlicher Neugier Pierres weißen Hut und grünen Frack.