Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
In allen Häusern von Moschaisk waren Truppen einquartiert, und in der Herberge, wo Pierre von seinem Reitknecht und seinem Kutscher empfangen wurde, war in den Zimmern kein Platz; alles war voll von Offizieren.
In Moschaisk und hinter Moschaisk standen und marschierten überall Truppen. Auf allen Seiten erblickte man Infanterie, Kavallerie, namentlich Kosaken, Trainfuhrwerke, Munitionswagen und Kanonen. Pierre beeilte sich, möglichst schnell mit seinem Wagen vorwärtszukommen, und je weiter er sich von Moskau entfernte und je tiefer er in dieses Truppenmeer eindrang, um so mehr bemächtigte sich seiner eine unruhige Erregung und ein neues, ihm noch unbekanntes, freudiges Gefühl. Es war ein Gefühl ähnlich dem, welches er im Slobodski-Palais bei der Ankunft des Kaisers empfunden hatte, ein Gefühl, als müsse er notwendig etwas unternehmen und etwas zum Opfer bringen. Mit einer angenehmen Empfindung wurde er sich bewußt, daß alles, worin die Menschen ihr Glück suchen, Lebensgenüsse, Reichtum, ja das Leben selbst, im Vergleich zu etwas anderem nur wertloser Kehricht sei, den man mit Vergnügen wegwerfen könne. Über dieses andere, Höhere konnte sich Pierre freilich keine Rechenschaft geben, und er versuchte auch gar nicht; darüber ins klare zu kommen, für wen und für was alle erdenklichen Opfer zu bringen ihm so besonders reizvoll erschien. Es beschäftigte seine Gedanken nicht dasjenige, für das er Opfer bringen wollte, sondern es war ihm das Opferbringen selbst ein neues, frohes Gefühl.
XIX
Am 24. hatte der Kampf bei der Schanze von Schewardino stattgefunden; am 25. wurde weder von der einen noch von der andern Seite auch nur ein einziger Schuß abgefeuert; am 26. fand die Schlacht bei Borodino statt.
Welchen Zweck hatte es, daß die Schlachten bei Schewardino und bei Borodino angeboten und angenommen wurden, und wie ging es dabei zu? Zu welchem Zweck wurde die Schlacht bei Borodino geliefert? Weder für die Franzosen noch für die Russen hatte sie den geringsten Sinn. Ihr nächstes Resultat war und mußte sein: für uns Russen, daß wir den Untergang Moskaus beschleunigten (den wir doch über alles in der Welt fürchteten), und für die Franzosen, daß sie den Untergang ihrer Armee beschleunigten (den sie gleichfalls über alles in der Welt fürchteten). Daß dies das Resultat sein mußte, war schon damals vollkommen klar, und dennoch bot Napoleon diese Schlacht an, und Kutusow nahm sie an.
Wenn die Heerführer sich hätten durch Gründe der Vernunft leiten lassen, so hätte, möchte man meinen, es dem Kaiser Napoleon klar sein müssen, daß er nach Zurücklegung von zweitausend Werst durch die Annahme einer Schlacht, bei der er aller Wahrscheinlichkeit nach den vierten Teil seiner Armee verlieren mußte, sich in das sichere Verderben stürzte; und ebenso klar mußte es Kutusow sein, daß, wenn er eine Schlacht annahm und gleichfalls den vierten Teil seiner Armee zu verlieren riskierte, er unfehlbar den Verlust von Moskau herbeiführte. Für Kutusow war dies mathematisch sicher, so wie sicher ist, daß, wenn ich im Damespiel einen Stein weniger habe und nun anfange abzutauschen, ich die Partie verliere; ich darf eben unter solchen Umständen nicht abtauschen.
Wenn mein Gegner sechzehn Steine hat und ich vierzehn, so bin ich nur um ein Achtel schwächer als er; wenn ich dann aber dreizehn Steine abtausche, so ist er dreimal so stark wie ich.
Vor der Schlacht bei Borodino verhielten sich unsere Streitkräfte zu denen der Franzosen annähernd wie fünf zu sechs, nach der Schlacht aber wie eins zu zwei, d.h. vor der Schlacht hatten wir hunderttausend Mann gegen hundertzwanzigtausend, nach der Schlacht dagegen fünfzigtausend gegen hunderttausend. Und trotzdem nahm der kluge, erfahrene Kutusow die Schlacht an. Napoleon aber, der geniale Feldherr, wie man ihn nennt, bot diese Schlacht an, die ihn ein Viertel seiner Armee kostete, und infolge deren seine Operationslinie sich noch weiter ausdehnte. Wenn man behauptet, Napoleon habe gemeint, er werde durch die Besetzung Moskaus, wie seinerzeit durch die Besetzung Wiens, den Feldzug beendigen, so lassen sich gegen diese Ansicht viele Beweise vorbringen. Erzählen doch Napoleons Geschichtsschreiber selbst, er habe schon nach der Einnahme von Smolensk haltmachen wollen, die Gefahren seiner ausgedehnten Stellung erkannt und gewußt, daß die Besetzung Moskaus nicht das Ende des Feldzuges sein werde, da er von Smolensk an gesehen habe, in welchem Zustand man ihm die russischen Städte zurückließ, und er auf die wiederholten Äußerungen seines Wunsches, in Unterhandlungen einzutreten, keine Antwort erhalten habe.
Indem Kutusow und Napoleon die Schlacht bei Borodino anboten und annahmen, handelten sie willenlos und vernunftlos. Aber die Historiker haben diesem Verfahren nachträglich, nachdem die Ereignisse sich vollzogen hatten, schlau ersonnene Gründe untergeschoben, welche als Beweise für die Voraussicht und Genialität der beiden Feldherrn dienen sollten, während diese doch in Wirklichkeit von allen willenlosen Werkzeugen der Weltereignisse die sklavischsten und willenlosesten Faktoren gewesen sind.
Die Alten haben uns meisterhafte Heldengedichte hinterlassen, in denen es die Helden sind, auf die sich das gesamte Interesse konzentriert, und wir können uns immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß für unsere Periode der Menschheitsentwicklung eine solche Geschichtsanschauung sinnlos ist.
Als Antwort auf die andere Frage, wie die Schlacht bei Borodino und die ihr vorhergehende bei Schewardino geliefert wurden, existiert gleichfalls eine sehr bestimmte und allgemein bekannte, aber völlig unrichtige Darstellung. Alle Geschichtsschreiber schildern die Sache in folgender Weise.
Die russische Armee habe auf ihrem Rückzug von Smolensk sich die günstigste Position für eine Hauptschlacht gesucht und eine solche Position bei Borodino gefunden.
Die Russen hätten diese Position vor der Schlacht befestigt, links von der Heerstraße, die von Moskau nach Smolensk führt, beinah im rechten Winkel zu ihr, von Borodino bis Utiza, an eben der Stelle, wo nachher die Schlacht stattgefunden habe.
Vor dieser Position sei zur Beobachtung des Feindes auf dem Hügel von Schewardino ein befestigtes Vorwerk angelegt worden. Am 24. habe Napoleon die Befestigung angegriffen und genommen, am 26. aber die ganze russische Armee angegriffen, die in der Position auf dem Feld von Borodino gestanden habe.
So heißt es bei allen Geschichtsschreibern, und diese ganze Darstellung ist völlig unrichtig, wovon sich jeder leicht überzeugen kann, der sich die Mühe gibt, in das Wesen der Sache einzudringen.
Die Russen haben nicht die beste Position gesucht, sondern sind im Gegenteil auf ihrem Rückzug an vielen Positionen vorbeigekommen, welche besser gewesen wären als die von Borodino. Sie haben bei keiner dieser Positionen haltgemacht; sowohl weil Kutusow keine Position einnehmen wollte, die er nicht selbst ausgesucht hatte, als auch weil das Verlangen nach einer Völkerschlacht sich noch nicht mit hinreichender Stärke bekundet hatte, als auch weil Miloradowitsch mit der Landwehr noch nicht herangekommen war, und aus zahllosen anderen Gründen. Tatsache ist, daß die früheren Positionen stärker waren, und daß die Position von Borodino (diejenige, in der die Schlacht wirklich geliefert worden ist) nicht nur nicht stark, sondern überhaupt in keiner Hinsicht in höherem Grade eine Position war, als jeder andere Ort im russischen Reich, in den man aufs Geratewohl eine Stecknadel auf der Landkarte hineinstecken könnte.
Die Russen haben nicht nur die Position auf dem Feld von Borodino, im rechten Winkel links von der Heerstraße (d.h. den Ort, wo die Schlacht stattfand), nicht befestigt, sondern auch vor dem 25. August 1812 nie daran gedacht, daß an diesem Ort eine Schlacht stattfinden könne. Als Beweis dafür dient erstens der Umstand, daß nicht nur am 25. an diesem Ort keine Befestigungen vorhanden waren, sondern sogar die am 25. begonnenen auch am 26. noch nicht beendigt waren. Ein zweiter Beweis ist die Lage der Schanze von Schewardino; die Schanze von Schewardino hat vor der Position, in der die Schlacht angenommen wurde, keinen Sinn. Warum wurde diese Schanze stärker befestigt als alle andern Punkte? Und warum wurden, als man sie am 24. bis in die späte Nacht hinein verteidigte, alle Anstrengungen erschöpft und sechstausend Mann geopfert? Zur Beobachtung des Feindes wäre eine Kosakenpatrouille ausreichend gewesen. Drittens: als Beweis dafür, daß man die Position, in der die Schlacht stattfand, nicht vorher in Aussicht genommen hatte und daß die Schanze von Schewardino nicht ein Vorwerk dieser Position war, dient der Umstand, daß Barclay de Tolly und Bagration bis zum 25. August der Überzeugung waren, die Schanze von Schewardino sei der linke Flügel der Position, und daß Kutusow selbst in seinem unmittelbar nach der Schlacht geschriebenen Bricht die Schanze von Schewardino den linken Flügel der Position nennt. Erst lange nachher, als Berichte über die Schlacht bei Borodino in Muße abgefaßt wurden, ersann man (wahrscheinlich um die Fehler des Oberkommandierenden, der nun einmal tadellos dastehen sollte, zu verdecken) die unrichtige, sonderbare Behauptung, die Schanze von Schewardino habe als Vorwerk gedient (obwohl sie doch in Wirklichkeit nur ein befestigter Punkt des linken Flügels gewesen war) und die Schlacht bei Borodino sei von uns in einer vorher ausgewählten, befestigten Position angenommen worden (während sie doch in Wirklichkeit auf einem ganz unerwarteten und beinahe unbefestigten Terrain stattfand).