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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Sire, le Prince …« fing der Adjutant an.

»Bittet wohl um Verstärkung?« fiel Napoleon mit zorniger Gebärde ein.

Der Adjutant nickte bestätigend und stattete seinen Bericht ab, aber der Kaiser wandte sich von ihm ab, ging zwei Schritte weiter, blieb wieder stehen, kehrte dann um und rief Berthier.

»Wir müssen die Reserven herausgeben«, sagte er und breitete resigniert die Arme aus. »Wen wollen wir hinschicken? Was denken Sie?« wandte er sich an Berthier, an diesen »oison que j’ai fait aigle«, wie er später einmal von ihm gesagt haben soll.

»Euer Majestät kann ja die Division Claparède hinschicken«, erwiderte Berthier, der alle Divisionen, Regimenter und Bataillone im Kopf hatte.

Napoleon nickte zustimmend.

Der Adjutant galoppierte weiter zur Division Claparède, und kurze Zeit darauf setzte sich die ganze Garde, die hinter dem Hügel gestanden hatte, in Bewegung. Napoleon sah schweigend zu ihnen hinüber.

»Nein«, wandte er sich plötzlich an Berthier, »ich mag Claparède nicht schicken. Nehmen wir die Division Friant.«

Obwohl durchaus kein Vorteil damit verknüpft war, wenn man statt Claparède die Division Friant schickte, sondern es zweifellos nur Unannehmlichkeiten und Verzögerung verursachte, Claparède jetzt wieder aufzuhalten und Friant zu schicken, so wurde doch dieser Befehl aufs pünktlichste ausgeführt. Napoleon aber sah nicht ein, daß er selber seinen Truppen gegenüber die Rolle jenes Arztes spielte, der mit seinen Medikamenten den Körper des Kranken nur stört, jene Rolle, die er am Arzt so richtig erkannt und verurteilt hatte.

Die Division Friant verschwand, wie alle die anderen auch, im Pulverdampf der Schlacht. Ununterbrochen sprengten von den verschiedensten Seiten Adjutanten herbei, und alle sagten ein und dasselbe, als hätten sie sich verabredet. Alle baten um Verstärkung, alle behaupteten, die Russen säßen fest in ihren Stellungen und unterhielten un feu d’enfer, unter dem das französische Heer zusammenschmelze.

In tiefe Gedanken versunken saß Napoleon auf einem Feldstuhl.

Der reiselustige Herr de Beausset, der seit dem Morgen noch nichts gegessen hatte, trat auf den Kaiser zu und erlaubte sich, Seiner Majestät ehrerbietigst den Vorschlag zu machen, das Frühstück einzunehmen.

»Ich hoffe, daß ich schon jetzt Euer Majestät zum Sieg gratulieren darf«, sagte er.

Napoleon schüttelte stumm verneinend den Kopf. In der Annahme, diese Verneinung beziehe sich auf den Sieg und nicht auf das Frühstück, erlaubte sich Herr de Beausset ehrerbietig scherzend die Bemerkung, daß es auf der ganzen Welt keinen Grund gebe, der einen am Frühstücken hindern könne, wenn sich dazu Gelegenheit biete.

»Allez-vous …« antwortete Napoleon finster und drehte ihm den Rücken.

Ein süßes Lächeln des Bedauerns, der Reue und zugleich der Begeisterung erstrahlte auf Beaussets Gesicht, und schwimmenden Schrittes begab er sich zu den anderen Generälen.

Napoleon empfand ein bedrückendes Gefühl wie ein immer vom Glück begünstigter Spieler, der, wie unsinnig er auch mit seinem Geld um sich warf, doch stets gewonnen hat, und nun auf einmal, gerade in dem Augenblick, in dem er alle Chancen des Spieles erwogen zu haben glaubt, sich des Gefühls nicht erwehren kann, daß er um so sicherer verliert, je bedächtiger er seine Schritte berechnet.

Die Truppen waren dieselben, die Generäle dieselben, die Vorbereitungen dieselben, und sogar die Disposition war wie immer: courte et énergique. Und auch er selber war noch der alte, davon war er überzeugt, ja er fühlte, daß er jetzt bei weitem erfahrener und geschickter war als früher, und auch die Feinde waren noch die gleichen wie einst bei Austerlitz und bei Friedland, und doch fiel sein zu furchtbarem Schlag erhobener Arm wie durch einen Zauber gelähmt herab.

All die früheren Kunstgriffe, die sonst unweigerlich zum Erfolg geführt hatten: das Zusammenziehen der Batterien auf einen Punkt, der Angriff der Reserven, um die Front zu durchbrechen, die Attacken der Artillerie, des hommes de fer – alle diese Kunstgriffe waren bereits ins Treffen geführt und hatten nicht nur keinen Sieg errungen, sondern es liefen sogar von allen Seiten ein und dieselben Nachrichten ein von verwundeten und gefallenen Generälen, von notwendiger Verstärkung, von der Unmöglichkeit, die Russen zurückzuschlagen, und von der Auflösung der französischen Truppen.

Früher waren nach zwei, drei Befehlen, zwei, drei Sätzen Marschälle und Adjutanten mit fröhlichen Gesichtern glückwünschend angesprengt, hatten Siegestrophäen gemeldet: Züge von Gefangenen, des faisceaux de drapeaux et d’aigles ennemis, Kanonen und Fuhrwerk, und Murat hatte nur um die Erlaubnis gebeten, die Kavallerie vorzuschicken, um den Fuhrpark des Feindes heranzuholen. So war es bei Lodi[175], bei Marengo[176], bei Arcole[177], bei Jena[178], bei Austerlitz, bei Wagram[179] und so weiter, und so weiter gewesen. Jetzt aber ging etwas Merkwürdiges mit seinen Truppen vor.

Trotz der Nachricht von der Einnahme der Pfeilschanzen sah Napoleon ein, daß dies alles nicht so, ganz und gar nicht so war wie bei seinen früheren Schlachten. Und er bemerkte, daß dasselbe Gefühl, das er empfand, all jene im Kriegswesen erfahrenen Leute, die ihn umgaben, ebenso bedrückte. Sie alle zeigten besorgte Gesichter und wichen einander mit den Blicken aus. Nur Beausset vermochte die Bedeutung dessen, was sich vollzog, nicht zu erfassen. Napoleon selber aber wußte aus seiner langjährigen Kriegserfahrung genau, was es zu bedeuten hat, wenn eine Schlacht nach achtstündigen Anstrengungen von der angreifenden Macht noch nicht gewonnen ist. Er wußte, daß das Spiel fast verloren war, und daß auf jenem scharfen Punkt des Schwankens, auf dem die Schlacht jetzt stand, der geringste Zufall ihn und sein Heer vernichten konnte.

Als er diesen ganzen merkwürdigen russischen Feldzug in Gedanken an sich vorüberziehen ließ, in dem er keine einzige Schlacht gewonnen und in den ganzen zwei Monaten nicht eine Fahne, nicht eine Kanone erbeutet und nicht einen Trupp Gefangene gemacht hatte, als er die heimlich besorgten Gesichter seiner Umgebung sah und die Meldungen hörte, daß die Russen immer noch nicht wankten und wichen – da beschlich ihn ein furchtbares Gefühl, wie man es manchmal im Traum empfindet, und alle nur möglichen unglücklichen Zufälle, die seinen Untergang herbeiführen konnten, kamen ihm in den Sinn. Die Russen konnten über seinen linken Flügel herfallen, konnten sein Zentrum sprengen, eine verirrte Kugel konnte ihn selber töten. Dies alles war möglich. In seinen früheren Schlachten hatte er nur die glücklichen Zufälle erwogen, jetzt drängte sich ihm eine zahllose Menge unglücklicher Vorkommnisse auf, auf die er alle gefaßt war. Ja, es war wie in einem Traum, wo man einen Verbrecher auf sich zukommen sieht und diesem einen furchtbaren Schlag versetzen will, von dem man überzeugt ist, daß er ihn niederstrecken muß – auf einmal aber fühlt man, daß die Hand kraftlos und schlapp wie ein Lappen niedersinkt, und das ganze Grauen des unabwendbaren Unheils faßt den Träumenden in seiner Hilflosigkeit.

Die Meldung, daß die Russen die linke Flanke der französischen Armee angegriffen hätten, löste in Napoleon solches Entsetzen aus. Schweigend saß er auf seinem Feldstuhl am Fuß des Hügels, ließ den Kopf sinken und stützte die Ellbogen auf die Knie. Berthier trat auf ihn zu und schlug ihm vor, an die Front zu reiten, um sich persönlich vom Stand der Dinge zu überzeugen.

»Wie? Was sagen Sie da?« fuhr Napoleon auf. »Ja, lassen Sie mir mein Pferd bringen.«

Er saß auf und ritt nach Semjonowskoje.

Überall in dem ganzen Gelände, das Napoleon durchritt, lagen in dem nur langsam sich verziehenden Pulverrauch Menschen und Pferde einzeln und haufenweise in Blutlachen da. Ein so entsetzliches Schauspiel, eine solche Unmenge Gefallener auf einem so kleinen Raum hatte weder Napoleon noch einer seiner Generäle je gesehen. Das Donnern der Geschütze, das seit zehn Stunden ununterbrochen währte und dem Ohr weh tat, verlieh diesem Schauspiel noch eine besondere Wirkung, wie die Musik bei lebenden Bildern.

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175

bei Lodi: 1796 gewann Napoleon die Schlacht bei Lodi (Provinz Mailand) gegen die Österreicher

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176

bei Marengo: in der Schlacht bei Marengo (Oberitalien) 1800 brachte Napoleon den Österreichern die erste entscheidende Niederlage bei.

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177

bei Arcoclass="underline" e 1796 gewann Napoleon die Schlacht bei Arcole (Oberitalien) gegen die Österreicher.

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178

bei Jena: 1806 besiegte Napoleon die Preußen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt.

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179

bei Wagram: 1809 besiegte Napoleon die Österreicher bei Wagram und zwang sie, zurückzuweichen.

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