Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Unaufhörlich sprengten vom Schlachtfeld her Napoleons abgesandte Adjutanten und die Ordonnanzen seiner Marschälle und überbrachten dem Kaiser Meldungen über den Gang der Schlacht. Aber alle diese Meldungen waren falsch: einmal, weil es in der Hitze der Schlacht unmöglich ist zu sagen, was im gegenwärtigen Augenblick vor sich geht, zweitens, weil viele Adjutanten gar nicht bis zum eigentlichen Kampfplatz hinkamen, sondern nur das überbrachten, was sie von anderen gehört hatten, und endlich, weil sich in der Zeit, in der ein Adjutant die zwei, drei Werst bis zu Napoleon zurücklegte, die Umstände meist bereits geändert hatten, so daß die Nachricht, die er überbrachte, schon aus diesem Grund nicht mehr stimmte.
So sprengte zum Beispiel vom Vizekönig ein Adjutant herbei mit der Nachricht, Borodino sei genommen und die Brücke über die Kolotscha in französischen Händen. Der Adjutant fragte Napoleon, ob er befehle, daß die Truppen hinüberrückten. Der Kaiser ordnete an, die Regimenter sollten sich am jenseitigen Ufer formieren und dort warten. Aber nicht nur als Napoleon diesen Befehl erteilte, sondern bereits als der Adjutant kaum von Borodino weggeritten war, war die Brücke schon wieder von den Russen zurückerobert und verbrannt worden, eben in jenem Treffen, an dem Pierre gleich zu Anfang der Schlacht teilgenommen hatte.
Von den Pfeilschanzen her sprengte ein Adjutant mit bleichem, erschrockenem Gesicht und meldete Napoleon, der Angriff sei abgeschlagen, Compan verwundet und Davoust gefallen. Inzwischen waren aber die Pfeilschanzen von einem andern Truppenteil genommen worden, gerade zu der Zeit, als man dem Adjutanten gesagt hatte, die Franzosen seien geschlagen, und auch Davoust war noch am Leben und hatte sich nur eine Quetschung zugezogen.
Auf Grund solch unvermeidlich falscher Meldungen traf nun Napoleon seine Anordnungen, die entweder bereits früher, als er sie gegeben hatte, ausgeführt worden waren, oder nicht ausgeführt werden konnten und daher auch nicht ausgeführt wurden.
Marschälle und Generäle, die sich in geringer Entfernung vom Schlachtfeld befanden, aber ebenso wie Napoleon an der Schlacht nicht teilnahmen und nur selten bis an die Feuerlinie vorritten, trafen, ohne Napoleon zu befragen, ihre Anordnungen und erteilten Befehle, wohin und von wo aus geschossen werden sollte, nach welcher Richtung die Kavallerie zu reiten und die Infanterie zu marschieren hatte. Aber auch ihre Befehle kamen, ganz wie Napoleons Anordnungen, nur in geringem Umfang und nur selten zur Ausführung. Meist geschah das Gegenteil dessen, was sie angeordnet hatten.
Soldaten, denen befohlen war, vorzugehen, liefen zurück, wenn sie in Kartätschenfeuer gerieten; Soldaten, die den Befehl erhalten hatten, auf ihrem Platz stehen zu bleiben, stürmten plötzlich, wenn sie unvermutet vor sich den Feind auftauchen sahen, manchmal vor, manchmal zurück, und die Kavallerie jagte ohne Befehl den fliehenden Russen nach. So sprengten zwei Kavallerieregimenter durch die Schlucht bei Semjonowskoje und galoppierten, als sie kaum auf der Höhe angelangt waren, sogleich wieder zurück, was die Pferde nur laufen konnten. So rückten auch Infanterieregimenter vor, die manchmal durchaus nicht dorthin marschierten, wohin sie marschieren sollten. Alle Anordnungen, wann und wohin die Kanonen vorgezogen, die Infanterie zum Schießen vorgeschickt werden und die Artillerie das russische Fußvolk zerstampfen sollte, erteilten die in nächster Nähe befindlichen Kommandeure der einzelnen Truppenteile, die selber an der Front waren, ohne Ney, Davoust und Murat oder gar Napoleon selber zu fragen. Sie fürchteten sich vor keiner Strafe, wenn sie die Befehle nicht ausführten oder eigenmächtig Anordnungen trafen, da es in einer Schlacht um das teuerste Gut des Menschen, um das eigne Leben geht. Einmal scheint es, daß nur eine Flucht Rettung bringen kann, ein andermal nur ein Sturmangriff, und so handelten alle diese Menschen, die sich im Feuer der Schlacht selber befanden, nur nach der Eingebung des Augenblicks.
Im Grund aber änderten alle diese Vor- und Rückwärtsbewegungen der Truppen nichts an ihrer Lage, sie wurde dadurch weder leichter noch schwieriger. Durch alle die Sturmangriffe und Kavallerieattacken fügten sie einander kaum Schaden zu, sondern alles Unheil, Tod und Verstümmelung, richteten nur die Artilleriegeschosse und Flintenkugeln an, die über das ganze Gelände dahinflogen, auf dem sich die Truppen hin und her bewegten. Kamen diese Menschen einmal aus dem Raum, wo es Geschosse und Flintenkugeln regnete, heraus, so wurden sie sogleich von den hinten stehenden Kommandeuren wieder geordnet, der Disziplin unterworfen und kraft der Disziplin wieder in den Feuerbereich zurückgeführt, wo dann unter dem Einfluß der Todesfurcht diese Disziplin wieder verlorenging und die Menge von zufälligen Stimmungen hin und her geworfen wurde.
34
Napoleons Generäle, Davoust, Ney und Murat, die sich in der Nähe des Feuerbereichs aufhielten und sogar manchmal in diesen hineinritten, führten zu wiederholten Malen starke, wohlgeordnete Truppenmassen in diese Zone hinein. Doch im Gegensatz zu dem, was sich in früheren Schlachten unfehlbar ereignet hatte, kehrten statt der erwarteten Nachricht von der Flucht des Feindes die wohlgeordneten Truppenmassen von dorther immer in aufgelösten, entsetzten Haufen zurück. Man formierte sie neu, aber es wurden ihrer immer weniger. Gegen Mittag schickte Murat seinen Adjutanten zu Napoleon mit der Bitte um Verstärkung.
Napoleon saß am Fuß des Hügels und trank Punsch, als Murats Adjutant angesprengt kam und versicherte, die Russen würden geschlagen, wenn Seine Majestät noch eine Division bewillige.
»Verstärkung?« fragte Napoleon verwundert, als verstünde er das Wort nicht und sah den hübschen jungen Adjutanten streng an, der sein langes, schönes, lockiges Haar ebenso wie Murat trug.
Verstärkung? dachte Napoleon. Wie können sie um Verstärkung bitten, wo sie doch die Hälfte meiner Armee in Händen haben, und noch dazu einem schwachen, unbefestigten russischen Flügel gegenüber?
»Dites au roi de Naples«, erwiderte Napoleon streng, »qu’il n’est pas mich et que je ne vois pas encore clair sur mon échiquier. Allez …«
Der junge hübsche Adjutant mit dem langen Haar seufzte schwer auf, ohne die Hand vom Tschako zu nehmen, und sprengte dorthin zurück, wo die Menschen totgeschlagen wurden.
Napoleon erhob sich, ließ Caulaincourt und Berthier rufen und unterhielt sich mit ihnen über Angelegenheiten, die die Schlacht nicht betrafen.
Mitten in ihrem Gespräch, das anfing, Napoleon zu fesseln, fiel Berthiers Auge auf einen General mit Gefolge, der auf schweißbedecktem Pferd auf den Hügel zusprengte. Es war Belliard. Er sprang vom Pferd, eilte mit raschen Schritten auf den Kaiser zu, und begann, ihm kühn und mit lauter Stimme die Notwendigkeit einer Verstärkung auseinanderzusetzen. Er versicherte hoch und heilig, daß die Russen vernichtet werden würden, wenn der Kaiser ihm noch eine Division gebe.
Napoleon zuckte die Achseln, gab keine Antwort und fuhr fort, auf und ab zu gehen. Belliard sprach laut und aufgeregt mit den Generälen des Gefolges, die ihn umringten.
»Sie sind zu hitzig, Belliard«, sagte Napoleon, als er wieder an dem soeben eingetroffenen General vorbeikam. »Im Feuer der Schlacht kann man sich leicht irren. Reiten Sie zurück und sehen Sie sich die Sache noch einmal an, und dann kommen Sie wieder zu mir.«
Belliard war noch nicht aus dem Gesichtskreis verschwunden, als von einer anderen Seite wieder ein Abgesandter vom Schlachtfeld angesprengt kam.
»Eh bien, qu’est-ce qu’il y a?« fragte Napoleon im Ton eines Menschen, der durch fortwährende Unterbrechungen gereizt wird.