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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als Pierre wieder zu sich kam, saß er, die Arme auf den Boden gestützt, auf der Erde. Der Munitionswagen, der vor ihm gestanden hatte, war nicht mehr da. Nur angekohlte grüne Bretter und Fetzen lagen auf dem verbrannten Gras. Das eine Pferd raste, die zerbrochene Deichsel hinter sich herschleifend, auf und davon, während das andere, wie Pierre selber, am Boden lag und durchdringend und stöhnend schrie.

32

Pierre, der vor Schrecken noch nicht ganz zu sich gekommen war, sprang auf und lief auf die Batterie zurück, als wäre sie, bei all dem Entsetzlichen, das ihn umgab, der einzige Zufluchtsort.

Als Pierre die Verschanzung erreicht hatte, bemerkte er, daß man die Batterie nicht mehr schießen hörte, sondern daß irgendwelche Soldaten dort irgend etwas taten. Pierre kam gar nicht dazu zu begreifen, was für Soldaten das wohl waren. Er sah den Obersten, der ihm den Rücken kehrte und über den Wall gelehnt lag, als beobachtete er unten etwas, sah, wie ein Soldat, den er von vorhin kannte, sich von diesen Leuten loszureißen suchte, die ihn am Arm festhielten, und dabei schrie: »Kameraden!« … und was der seltsamen Dinge mehr waren.

Doch er war sich noch nicht darüber klar geworden, daß der Oberst gefallen, der »Kameraden« rufende Soldat gefangengenommen und ein anderer vor seinen Augen von hinten erstochen worden war, als gleich bei seinem Eintritt in die Verschanzung ein hagerer Mensch mit gelbem, verschwitztem Gesicht in blauer Uniform mit dem Degen in der Hand auf ihn zugelaufen kam und ihm etwas zuschrie. Instinktiv streckte Pierre, um den Stoß abzuwehren, da beide, ohne einander zu sehen, zusammenrannten, die Arme vor und packte diesen Menschen – es war ein französischer Offizier – mit der einen Hand an der Schulter, mit der anderen an der Kehle. Der Offizier ließ den Degen fallen und faßte Pierre beim Kragen.

Ein paar Sekunden lang starrten sich beide mit erschrockenen Augen in die fremden Gesichter und wußten nicht recht, was sie getan hatten und nun tun sollten.

Habe ich ihn gefangengenommen oder er mich? dachte jeder. Doch schien offenbar der französische Offizier stärker zu der Ansicht zu neigen, daß er gefangengenommen worden war, weil Pierres starke Hand, die durch die Furcht unwillkürlich noch stärker wurde, ihm fester und fester die Kehle zudrückte. Der Franzose wollte etwas sagen, als plötzlich dicht über ihren Köpfen ganz niedrig und furchtbar eine Kanonenkugel vorübersauste. Pierre schien es, als habe sie dem Franzosen den Kopf abgerissen: so schnell bog er ihn zur Seite.

Pierre hatte ebenfalls den Kopf geduckt und die Hände sinken lassen. Keiner dachte mehr daran, wer den anderen gefangengenommen habe: der Franzose lief auf die Batterie zurück und Pierre den Berg hinunter, wobei er über Gefallene und Verwundete stolperte, die, wie ihm schien, nach seinen Beinen haschten. Aber er war noch nicht wieder unten angelangt, als ihm ein dichter Haufe russischer Soldaten im Sturmschritt entgegenlief und stolpernd, fallend und schreiend, lustig und wie der Wind zur Batterie hinauf stürmte. Es war jener Angriff, den Jermolow später auf sein Konto schrieb, indem er behauptete, daß es nur seiner Kühnheit und seinem Glück möglich gewesen sei, diese Heldentat zu vollbringen, jener Angriff, bei dem er die in der Tasche mitgeführten Georgskreuze auf den Hügel geworfen haben soll.

Die Franzosen, die die Batterie eingenommen hatten, liefen wieder davon. Mit Hurrageschrei jagten unsere Truppen die Feinde so weit von der Batterie weg, daß es schwer hielt, sie wieder zum Stehen zu bringen.

Eine Anzahl Gefangener wurde von der Batterie abgeführt, unter denen sich auch ein französischer General befand, der von unseren Offizieren umringt wurde. Scharen russischer und französischer Verwundeter mit leidverzerrten Gesichtern, die Pierre teils bekannt, teils unbekannt waren, gingen oder krochen weg oder wurden auf Bahren hinuntergetragen. Pierre stieg noch einmal auf die Höhe hinauf, wo er über eine Stunde geweilt hatte, aber von dem ganzen Familienkreis, der ihn aufgenommen hatte, fand er niemanden mehr vor. Es lagen dort viele Tote, die ihm fremd waren. Aber einige von ihnen erkannte er doch wieder.

Der ganz junge Offizier lag, immer noch ebenso zusammengekrümmt, am Rande des Walls in einer Blutlache. Der Soldat mit dem roten Gesicht zuckte noch, aber niemand trug ihn fort. Pierre lief hinunter.

Nein, jetzt werden sie aufhören, jetzt werden sie erschrecken über das, was sie getan haben! dachte er und folgte planlos den Tragbahren, die vom Schlachtfeld fortgeschafft wurden.

Doch die vom Rauch verschleierte Sonne stand noch hoch am Himmel, und vorn, besonders auf der linken Seite bei Semjonowskoje, wallte und siedete es noch immer im Dampf, und das Donnern der Geschütze, das Knattern des Gewehrfeuers wurde nicht nur nicht schwächer, sondern schwoll bis zur Verzweiflung an, wie das Geschrei eines Menschen in höchster Not, der seine letzten Kräfte aufbietet.

33

Die Hauptgefechte der Schlacht bei Borodino spielten sich auf einer Fläche von einigen Tausend Metern zwischen Borodino und Bagrations Pfeilschanzen ab. Außerhalb dieser Fläche wurde auf der einen Seite gegen Mittag von Uwarows Kavallerie eine Demonstration unternommen, während auf der anderen Seite hinter Utiza ein Zusammenstoß zwischen Poniatowski und Tutschkow stattfand, aber das waren zwei gesonderte, im Vergleich mit dem, was in der Mitte des Schlachtfelds vor sich ging, unbedeutende Gefechte. Auf einem Feld zwischen Borodino und den Pfeilschanzen, in der Nähe des Waldes, auf einem offenen, von allen Seiten sichtbaren Gelände, fand der Hauptkampf der Schlacht in der allereinfachsten Weise statt, ohne daß irgendeine List zur Anwendung gekommen wäre.

Die Schlacht wurde eröffnet durch eine Kanonade von beiden Seiten aus mehreren hundert Geschützen.

Dann, als der Rauch das ganze Gelände einhüllte, rückten unter dem Schutz dieses Rauches von französischer Seite her rechts die beiden Divisionen Dessaix und Compan gegen die Pfeilschanzen und links die Regimenter des Vizekönigs auf Borodino vor.

Von der Schanze bei Schewardino, auf der Napoleon stand, waren die Pfeilschanzen in gerader Linie etwa eine Werst, Borodino dagegen über zwei Werst entfernt, und deshalb konnte Napoleon nicht sehen, was dort vor sich ging, um so weniger, als der Rauch, der mit dem Nebel zusammenfloß, das ganze Gelände verhüllte.

Die Soldaten der Division Dessaix, die auf die Pfeilschanzen zu marschierten, waren nur so lange zu sehen, bis sie in die Schlucht hinabstiegen, die sie von den Schanzen trennte. Sobald sie sich in die Schlucht hinabbegeben hatten, wurde der Rauch der Geschütze und des Gewehrfeuers auf den Pfeilschanzen so dicht, daß er den ganzen Anstieg auf der andern Seite der Schlucht verhüllte. Zwischen dem Rauch hindurch schimmerte nur etwas Schwarzes, wahrscheinlich Menschen, und ab und zu blitzte ein Bajonett auf. Ob sie aber vorgingen oder stillstanden, ob es Franzosen oder Russen waren – das konnte man von der Schanze von Schewardino nicht sehen.

Die Sonne stieg klar empor und warf ihre schrägen Strahlen gerade Napoleon ins Gesicht, der die Hand vor die Augen hielt und nach den Pfeilschanzen hinübersah. Der Pulverqualm hatte sich vor die Schanzen hingelagert, so daß es schien, als bewege sich bald der Rauch, bald die Truppen. Ab und zu hörte man durch das Schießen hindurch das Geschrei der Soldaten, aber es war unmöglich zu erkennen, was sie dort taten.

Napoleon stand auf dem Hügel und blickte durch das Fernrohr. In dem kleinen Kreis dieses Fernrohrs sah er Rauch und Menschen, manchmal Franzosen, manchmal Russen, wenn er aber dann wieder mit bloßem Auge hinsah, wußte er nicht mehr, wo das, was er soeben gesehen hatte, gewesen war.

Dann stieg er vom Hügel hinunter und fing an, an dessen Fuß auf und ab zu gehen. Ab und zu blieb er stehen, horchte auf das Schießen und warf einen Blick auf das Schlachtfeld.

Weder von der Stelle am Fuß des Hügels, wo er stand, noch von dem Hügel selber, auf dem sich noch einige seiner Generäle aufhielten, ja, nicht einmal von den Pfeilschanzen selbst, wo sich jetzt gleichzeitig oder abwechselnd bald Russen, bald Franzosen, tote, verwundete, lebende, erschrockene oder halb wahnsinnige Soldaten befanden – ja, nicht einmal dort konnte man übersehen, was eigentlich vor sich ging. Im Verlauf mehrerer Stunden erschienen an dieser Stelle mitten in dem nie verstummenden Kanonen- und Gewehrfeuer bald Russen, bald Franzosen, bald Infanterie, bald Kavallerie; erschienen, prallten aufeinander, schossen, fielen, ohne zu wissen, was sie miteinander anfangen sollten, schrien und liefen wieder zurück.

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