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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Manchmal stellte er sich vor, wie anders sein Leben sein könnte, wenn nicht das Unglück über seine Familie hereingebrochen wäre und ihn aus dem Haus seines Vaters vertrieben hätte. Inzwischen wäre er wohl ein Silberschmiedgeselle, verheiratet mit einer Frau aus guter Familie, vielleicht selbst schon Vater.

Statt dessen hatte er, obwohl er sich nach Kräften bemühte, ein Mensch zu bleiben, manchmal das Gefühl, zu etwas Niedrigem und Tierischem zu werden, nicht nur der letzte Jude in Spanien, sondern das letzte menschliche Wesen auf der Welt - ein Gedanke, der ihn ein paarmal dazu verführte, törichte Risiken einzugehen. Wenn er nachts vor dem Feuer saß, umringt von den Tieren seiner Herde, verscheuchte er die Wölfe, indem er Fetzen erinnerter Wendungen herausschrie, alte Gebete, die zusammen mit den Funken des berstenden Holzes in den schwarzen Himmel stiegen. Jeder Inquisitior oder Denunziant, der sich vom Schein seines Feuers anlocken ließ, hätte seine verwegene Stimme gehört, mit der er Worte in Hebräisch oder Ladino in die Nacht brüllte. Aber es kam nie jemand.

In seinen Bittgebeten versuchte er vernünftig zu sein. Nie bat er Gott, er möge den Erzengel Michael schicken, den Wächter Israels, damit er herniederfahre aus dem Paradies und die erschlage, die mordeten und Böses taten. Aber er bat Gott, ihm, Jona ben Helkias Toledano, zu erlauben, dem Erzengel zu dienen. Er sagte sich und Gott und den Tieren auf den stillen Hügeln, daß er gerne noch einmal die Gelegenheit hätte, zum starken rechten Arm des Erzengels zu werden, zum Zerstörer der Zerstörer, zum Mörder der Mörder, zum Vernichter derjenigen, die vernichteten.

Als Jona zum dritten Mal die Herde im Herbst auf den Hof zurücktrieb, fand er die Familie von Fernando Ruiz in Trauer. Der Aufseher, noch kein alter Mann, war eines Nachmittags auf dem Weg zur Besichtigung eines abgeernteten Felds plötzlich tot umgefallen. Der ganze Hof war in Aufruhr. Don Emilio de Vallado-lid hatte keine Ahnung, wie er das Gut selbst führen sollte, und war noch nicht einmal in der Lage gewesen, einen neuen Aufseher zu bestimmen. Er war schlechter Laune und schrie viel.

Jona betrachtete den Tod von Fernando Ruiz als Zeichen dafür, daß es für ihn Zeit war weiterzuwandern. Ein letztes Mal trank er auf der Schafsweide Wein mit Adolfo. »Es tut mir sehr leid«, sagte er. Er wußte, was es hieß, einen Vater zu verlieren, und Fernando war ein sehr guter Mensch gewesen.

Dann sagte er Adolfo, daß er weggehe. »Wirst du dich um die Schafe kümmern?«

»Ja. Ich werde der neue Schäfer«, sagte Adolfo.

»Soll ich mit Don Emilio reden?«

»Ich sage es ihm selber. Ihm ist es egal, solange ich nur die Schafe von seiner empfindlichen Nase fernhalte.«

Jona umarmte Adolfo und übergab ihm, zusammen mit der Herde, den hübschen Hirtenstab, den er sich geschnitzt hatte. Dann bestieg er Mose und lenkte den Esel vom Gutshof und von Plasencia weg.

In dieser Nacht wachte er in der Dunkelheit auf und lauschte, weil er glaubte, etwas gehört zu haben. Dann erkannte er, daß es das Fehlen jedes Geräuschs war, das ihn beunruhigt hatte, daß er das leise Blöken der Schafe vermißte, und er drehte sich um und schlief wieder ein.

2. KAPITEL

DER HOFNARR

Der Winter stand vor der Tür, und Jona ritt auf Mose in wärmere Gefilde. Er wollte das Meer im Süden der Sierra Nevada sehen, aber als er sich Granada näherte, waren die klaren Nächte bereits kalt. Da er keine Lust verspürte, sich im Winter über die schneebedeckten Gipfel des Hochgebirges zu wagen, ritt er in die Stadt hinein, um ein wenig seines Ersparten für sein und des Esels leibliches Wohl auszugeben.

Besorgnis erfüllte ihn, als er die Mauern Granadas erreichte, denn hoch über dem abweisenden Tor hingen die verfaulten Köpfe hingerichteter Verbrecher. Doch selbst diese grausige Zurschaustellung schreckte Wegelagerer offenbar nicht ab, denn als Jona auf ein Wirtshaus zuritt, in dem er Essen und Wein zu finden hoffte, traf er auf zwei stämmige Männer, die eben dabei waren, einen Zwerg auszurauben.

Der kleine Mann war nur halb so groß wie sie, mit einem sehr großen Kopf, einem kräftigen Oberkörper, langen Armen und winzigen Beinen. Argwöhnisch beobachtete er, wie die beiden aus verschiedenen Richtungen auf ihn zukamen, der eine mit einem hölzernen Knüppel in der Hand, der andere mit einem Messer.

»Gib uns deine Börse, wenn dir deine kleinen Eier lieb sind«, sagte der Mann mit dem Messer, das er drohend gegen sein Opfer richtete.

Ohne nachzudenken, packte Jona seine angeschärfte Hacke und glitt von seinem Esel. Doch bevor er dazwischentreten konnte, schwang der zweite Räuber seinen Knüppel und schlug ihm damit auf den Kopf. Jona ging zu Boden und lag verletzt und benommen da, während der Mann sich mit dem Knüppel über ihn beugte, um ihm den Rest zu geben.

Nur halb bei Bewußtsein sah Jona, wie der Zwerg plötzlich ein gefährlich aussehendes Messer aus seinem Umhang zog und mit seinen kleinen Beinen flink ein paar Haken schlug. Seine langen Arme zuckten geschmeidig, die Messerspitze schnellte vor wie die Zunge einer Schlange. Blitzschnell tauchte er unter den fuchtelnden Armen des bewaffneten Räubers hindurch, der aufschrie und sein Messer fallen ließ, als die Klinge des kleinen Kämpfers ihm den Arm aufschlitzte.

Die Wegelagerer drehten sich um und rannten davon, und der kleine Mann hob einen Stein auf und schleuderte ihn mit Schwung den Flüchtenden nach. Mit dumpfem Knall traf der Stein einen der beiden im Rücken. Dann wischte der Gnom sich das Messer an der Hose ab und beugte sich über Jona.

»Alles in Ordnung?«

»Wird schon wieder«, hörte Jona sich mit hohler Stimme sagen. Er versuchte sich aufzurichten. »Wenn ich erst mal da drin bin und einen Becher Wein getrunken habe.«

»Ach, da drin bekommt Ihr keinen anständigen Wein. Ihr müßt schon Euren Rücken aus dem Dreck erheben und auf den des Esels steigen und mit mir kommen«, sagte der kleine Mann, und Jona ergriff die ausgestreckte Hand und wurde von einem überraschend starken Arm in die Höhe gezogen.

»Mein Name ist Mingo Babar.«

»Ich bin Ramon Callico.«

Erst während er sich auf Mose aus der Stadt hinaus und einen steilen Pfad hoch fuhren ließ, kam Jona der Gedanke, daß dieser Mann, der eben noch fast zum Opfer geworden war, selbst ein

Räuber und Mörder sein könnte. Doch obwohl er sich gegen einen Angriff wappnete, passierte nichts. Der Mann trippelte mit schwankendem, spinnenähnlichem Gang vor dem Esel her, und seine Hände an den Enden der langen Arme schleiften über den Pfad wie zwei zusätzliche Füße.

Kurz darauf rief ein Posten, der hoch über ihnen auf einem Felsen saß, leise: »Mingo, bist du das?«

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