Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Der maurische Sultan von Granada, Muley Hacen, weigerte sich, den katholischen Monarchen Tribut zu zahlen, und begann im Jahr 1481 einen Krieg gegen die Christen, bei dem ihm die befestigte Stadt Zahara in die Hände fiel. Boabdil, sein Sohn, entzweite sich mit seinem Vater und suchte eine Zeitlang Zuflucht am Hof der katholischen Monarchen, doch dann starb Muley Hacen, im Jahre 1485, und mit Hilfe loyaler Untertanen schaffte es Boabdil, den Thron zu übernehmen.
Und nur wenige Monate später«, ergänzte Mingo, »kam ich in die Alhambra, um ihm beim Regieren zu helfen.«
»Wie lange hast du ihm als Hofnarr gedient?« fragte Jona.
»Fast sechs Jahre. Nachdem Ferdinand und Isabella Ronda, Marbella, Loja und Malaga eingenommen hatten, gab es in ganz Spanien nur noch eine einzige islamische Stadt - Granada. Ihnen war es ein Dorn im Auge, daß der Moslem Boabdil auf einem Thron saß, und zu seinen Füßen Mingo Babar, der ihm geistreiche Ratschläge ins Ohr flüsterte. Granada wurde belagert, und schon bald durchlebten wir hungrige Tage in der Alhambra. Ein Teil der Bevölkerung kämpfte tapfer trotz leerer Mägen, aber am Ende des Jahres war klar, daß unser Schicksal besiegelt war.
Ich erinnere mich an eine kalte Winternacht, in der ein großer silberner Mond im Fischteich schimmerte. Nur Boabdil und ich waren im Thronsaal.
>Nun mußt du mein Leben lenken, weiser Mingo. Was soll ich tun?< fragte der Sultan.
>Ihr müßt Eure Waffen niederlegen und die katholischen Monarchen zu einem Festmahl einladen, Majestät. Erwartet sie im Myrtenhof, um sie feierlich zu begrüßen und in die Alhambra zu geleiten<, sagte ich.
Boabdil sah mich an und lächelte. >Gesprochen wie ein wahrer Narr<, sagte er. >Denn jetzt, da die Tage meines Herrschens so gut wie vorüber sind, ist mir meine Würde kostbarer als Rubine. Sie sollen kommen und mich hier im Thronsaal sitzen sehen wie einen Herrscher, und in diesen letzten Augenblicken werde ich Stolz zeigen, wie ein wahrer Kalif. <
Genau das tat er. Am 2. Januar 1492 unterzeichnete er die Unterwerfungsurkunde in seinem Thronsaal. Als er ins Exil nach Afrika floh, woher seine berberischen Vorfahren vor so langer Zeit gekommen waren, hielten ich und andere es für weise, die Al-hambra ebenfalls zu verlassen«, schloß Mingo.
»Hat sich für Granada viel verändert, seit die Christen wieder an der Macht sind?« fragte Jona.
Mingo zuckte die Achseln. »Die Moscheen sind jetzt Kirchen. Darin sind sich alle Religionen gleich: Sie glauben, daß sie allein das Ohr Gottes besitzen.« Er grinste. »Für den Herrn muß das ziemlich verwirrend sein!« sagte er.
An diesem Abend sah Jona, daß die Roma gemeinsam aßen. Männer und Frauen saßen einträchtig an den Feuern und kochten und brieten Fleisch und Geflügel, schöne Stücke, die troffen vor köst-lichem Saft und die Luft mit ihrem Aroma erfüllten. Man aß gut bei den Roma, und die prallen Schläuche, die herumgereicht wurden, waren voll wohlschmeckenden, vollmundigen Weins. Nach dem Essen wurden Instrumente aus den Höhlen geholt, Trommeln, Gitarren, Zimbeln, Violen und Lauten, und nun erklang eine wilde Musik, die so neu war für Jona wie die freie und sinnliche Anmut, mit der die Roma tanzten. Es erfüllte ihn mit großem Glück, nach so langer Zeit der Einsamkeit wieder Männer und Frauen um sich zu haben.
Die Roma waren ein gutaussehendes Völkchen. Sie trugen leuchtendbunte Kleidung und besaßen eine tiefbraune Haut, hübsche dunkle Augen und lockige schwarze Haare. Er fühlte sich hingezogen zu diesen fremdartigen Menschen, die offenbar all die einfachen Freuden der Welt kannten und zu genießen wußten.
Voller Dankbarkeit sprach Jona mit Mingo über ihre Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit.
»Es sind gute Menschen, die keine Angst haben vor den gadje, wie wir alle Fremden nennen«, sagte Mingo. »Auch ich war ein gadje, ich bin kein geborener Roma. Ist dir vielleicht aufgefallen, daß ich anders aussehe als sie?«
Jona nickte. Er wußte, daß Mingo nicht seine Größe meinte. Sein Haupthaar war stellenweise grau, denn er war kein junger Mann mehr, aber größtenteils war es fast gelb, viel heller als die Haare der anderen Roma, und seine Augen hatten die Farbe des strahlenden Himmels.
»Ich wurde dem Stamm übergeben, als er in der Nähe von Reims lagerte. Ein Edelmann kam zu ihnen mit einem Säugling, der mit langen Armen und kurzen Beinen auf die Welt gekommen war. Der Fremde schenkte den Zigeunern eine prallgefüllte Börse, damit sie mich bei sich aufnahmen.
Das war mein Glück«, fuhr Mingo fort. »Wie du weißt, ist es üblich, ein Kind, das so mißgestaltet auf die Welt kommt wie ich, zu erdrosseln. Aber die Roma hielten ihre Neuerwerbung in Ehren. Sie verheimlichten mir nie meine Herkunft. Ja, sie beharren sogar darauf, daß ich zweifellos von hoher Geburt sein müsse, vielleicht sogar ein Sproß des französischen Königshauses. Der Mann, der mich ablieferte, trug feine Kleidung sowie Rüstung und Bewaffnung, und er hatte eine aristokratische Redeweise.«
Jona fand, daß der kleine Mann tatsächlich noble Gesichtszüge hatte. »Hast du nie mit Bedauern daran gedacht, welch anderes Leben du hättest führen können?«
»Nie«, sagte Mingo. »Mag sein, daß aus mir ein Baron oder ein Herzog hätte werden können, aber es war ebensogut möglich, daß man mich gleich nach der Geburt erdrosselt hätte.« Seine blauen Augen waren ernst. »Ich bin kein gadje geblieben. Mit der Milch der Amme, die mir zur Mutter wurde, trank ich die Seele der Roma in meinen Körper. Alle hier sind meine Verwandten. Ich würde sterben, um meine Roma-Brüder und -Schwestern zu beschützen, so wie sie auch für mich sterben würden.«
Jona blieb viele Tage bei dem Volk, er sonnte sich in der Wärme ihrer Kameradschaft, und nachts schlief er allein in einer leeren Höhle.
Um dem Stamm seine Gastfreundschaft zu vergelten, setzte er sich zu den Kesselflickern und half ihnen bei ihrer Arbeit. Sein Vater hatte ihm geduldig die Grundzüge der Metallbearbeitung beigebracht, und die Roma waren hoch erfreut, von ihm einige von Helkias' Techniken zur Verbindung von Metallteilen mit dichten, glatten Nähten lernen zu können. Auch Jona lernte von den Handwerkern, indem er ihnen Techniken abschaute, die jahrhundertelang vom Vater auf den Sohn übergegangen waren.
Eines Abends, nach der Fröhlichkeit ihres Musizierens und Tanzens, nahm Jona selbst eine Gitarre zur Hand und begann zu spielen. Anfangs war er zögerlich, doch bald erinnerten sich seine
Finger an alte Fertigkeiten. Er spielte die Musik der Pijutim, der gesungenen Psalmen der Synagoge: Jotzer, die erste Anrufung vor dem morgendlichen Schema; Sulat, die nach dem Schema gesungen wird; Kerowa, die Begleitung der ersten drei Anrufungen der Amidah; und dann die betörende Selicha, den Reuegesang des Versöhnungstags.