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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Auf einem Höhenzug hielt er inne und sah hinunter auf den Gutshof von Don Manuel de Zuniga. Die kleinen Gestalten von vier Soldaten mit in der Sonne funkelnden Brustpanzern und Waffen folgten Margarita Vega, die auf ihr Haus zueilte.

So hoch über ihnen fühlte Jona sich sicher genug, um Marga-rita mit einer gewissen erstaunten Dankbarkeit zu betrachten.

Habt Dank, meine Dame!

Sollte es noch einmal möglich sein, würde er gerne solche Wonnen wieder erleben. Um nicht noch einmal von seinem beschnittenen Penis in Gefahr gebracht zu werden, beschloß er, fortan den Frauen zu sagen, seine Bekehrung habe nicht in einer kleinen Kirche, sondern in einer großen Kathedrale stattgefunden. In der Kathedrale von Barcelona, wo es eine ganze Armee von Geistlichen gab, so viele Priester, daß kein Mensch sie alle beim Namen kennen konnte.

Seine Nase tat ihm immer noch weh. Aber im Weiterreiten rief er sich noch einmal alle Einzelheiten von Margaritas Körper ins Gedächtnis, die Bewegungen, die Gerüche, die Geräusche.

Etwas Unglaubliches war passiert: Er war in den Körper einer Frau eingedrungen.

Er dankte dem Unbeschreiblichen. Dafür, daß Er ihm gestattet hatte, frei und gesund an Körper und Geist zu bleiben, daß Er Frauen und Männer so wunderbar ausgestattet hatte, daß sie, wenn sie zusammenkamen, zueinander paßten wie Schlüssel und Schloß, und daß Er ihn diesen Tag hatte erleben lassen.

Dies ist mir geschehen am zwölften Tag des Monats Schewat...

... Ich bin nicht Tomas Martin, ich bin Jona Toledano, der Sohn von Helkias dem Silberschmied, vom Stamme Levi.

... Die anderen Monate sind Adar, Nissan, Ijar, Siwan, Tarnmus, Aw, Elul, Tischri, Cheschwan, Kislew und Tewet, sagte er sich vor, während Mose sicheren Schritts in die braunen Hügel kletterte.

TEIL IV.

DER SCHÄFER

SIERRA MORENA 11. NOVEMBER 1495

1. KAPITEL

DAS GERÄUSCH VON SCHAFEN

Nun ritt Jona auf Mose wieder nach Norden, immer an der Grenze zu Portugal entlang und im Gefolge der herbstlichen Bräunung des grünen Landes. Ein halbes dutzendmal hielt er an und arbeitete ein paar Tage, um sich sein Essen zu verdienen, doch nirgendwo blieb er länger, bis er Salamanca erreichte. Hier suchte man Arbeiter für die Restauration der Kathedrale.

Dem stämmigen Aufseher sagte er, daß sein Name Ramon Cal-lico sei. »Was kannst du?« fragte der Mann, der zweifelsohne hoffte, daß Jona ein Maurer- oder Zimmermannsgeselle sei.

»Ich kann arbeiten«, erwiderte Jona, und der Aufseher nickte.

Die Ochsen und die riesigen Zugpferde, mit denen man die schweren Steine zur Kathedrale schleppte, wurden in einem Stall gleich in der Nähe gehalten. Jona stellte Mose ebenfalls in dem Stall unter, und nachts ruhte er neben seinem Esel, in den Schlaf gewiegt von den Geräuschen der Tiere in ihren Ständen.

Tagsüber wurde er Teil der kleinen Armee - Handlanger, Maurer, Steinmetzen und Viehtreiber -, die sich abmühte, einzelne Quader dunklen Steins in der bis zu zehn Fuß tiefen Mauer der Kathedrale zu ersetzen. Die Arbeit war schweißtreibend und fürchterlich, und die Luft war erfüllt vom Klagen der Tiere, den Flüchen und geschrienen Befehlen der Aufseher und Viehtreiber, dem hellen Schlagen der Hämmer und dem dumpfen Dröhnen der Schlegel sowie dem beständigen mahlenden Knirschen von schweren Steinen, die über den rauhen Boden gezogen wurden. Kleinere Quader wurden von Handlangern getragen. Größere Steine wurden von den Tieren so weit wie möglich an die Baustellen herangeschafft, und dann wurden die Männer zu Lasttieren, in langen Schlangen zerrten sie an dicken Tauen, um die Quader zu bewegen, oder sie stellten sich nebeneinander und stemmten sich gegen den Feind, den Stein.

Jona bereitete es Freude, an einem Haus der Anbetung zu arbeiten, auch wenn es für die Gebete anderer bestimmt war. Er war nicht der einzige Nichtchrist, der bei der Wiederherstellung der Kathedrale mithalf; die meisten der Handwerksmeister zum Beispiel waren Mauren, die Stein und Holz mit unglaublichem Geschick bearbeiteten. Als Jonas Vater von Padre Sebastian Alvarez gebeten worden war, ein Ziborium für eine christliche Reliquie zu entwerfen und anzufertigen, hatte Helkias die Sache mit Rabbi Ortega besprochen, doch der hatte ihm geraten, den Auftrag anzunehmen. »Es bringt Glück, anderen beim Beten zu helfen«, hatte der Rabbi gesagt und Helkias darauf hingewiesen, daß die feinen und wunderschönen Ziselierungen an den Toledaner Synagogen allesamt von Mauren ausgeführt worden seien.

Die Arbeit an der Kathedrale war kräftezehrend. Wie die anderen plagte sich Jona mürrisch und ohne Lachen, redete nur, wenn die Arbeit es erforderte, und wahrte sein Anderssein, indem er seine Gedanken für sich behielt. Manchmal arbeitete er mit einem glatzköpfigen peon zusammen, der gebaut war wie ein Steinquader, vierschrötig und breit. Seinen Familiennamen erführ Jona nie, aber die Vorarbeiter nannten ihn Leon.

Eines Morgens, Jona war bereits seit sieben Wochen in Sala-manca, war er zusammen mit Leon damit beschäftigt, Steine an die richtigen Stellen in der Mauer zu bugsieren. Als er zwischendurch den Kopf hob, sah er eine Prozession von Männern in schwarzen Kutten, die nach ihrem Morgengebet, das bereits vor dem Eintreffen der Arbeiter begonnen hatte, die Kathedrale verließen.

Leon starrte den großen, alten Mönch an der Spitze der Prozession an.

»Das ist Fray Tomas de Torquemada. Der Generalinquisitor«, flüsterte er. »Ich bin aus Santa Cruz, wo er Prior des Klosters ist.«

Jona musterte den großen, betagten Mönch mit der langen, geraden Nase, dem spitzen Kinn und dem mürrischen grüblerischen Blick. Gedankenverloren eilte Torquemada an ihnen vorbei. Etwa zwei Dutzend Männer gingen in dieser weit auseinandergezogenen Kolonne, und in ihrer Mitte entdeckte Jona einen weiteren großen Mann mit einem Buckel auf dem Rücken, den er überall wiedererkennen würde. Bonestruca, der ins Gespräch mit seinem Begleiter vertieft war, ging so nahe an Jona vorbei, daß der Junge seine buschigen Brauen und ein Bläschen auf seiner Oberlippe erkennen konnte.

Einmal hob der bucklige Mönch den Kopf und sah Jona direkt ins Gesicht, doch die grauen Augen zeigten weder Interesse noch Wiedererkennen, und während Jona noch starr vor Furcht dastand, ging Bonestruca weiter.

»Was bringt Fray Torquemada nach Salamanca?« fragte Jona, doch Leon zuckte nur die Achseln.

Später jedoch hörte Jona den Aufseher einem anderen Arbeiter erzählen, daß Inquisitoren aus allen Teilen Spaniens zu einer Versammlung in der Kathedrale zusammengekommen seien, und er fragte sich, ob das der Grund sei, warum Gott ihn gerettet und hierhergeführt hatte: damit er Gelegenheit hatte, den Mann zu töten, der seinen Vater und seinen Bruder auf dem Gewissen hatte.

Am nächsten Morgen beobachtete er wieder, wie die Inquisitoren nach dem Morgengebet die Kathedrale verließen. Er erkannte, daß sich die beste Stelle für einen Angriff auf Bonestruca links des großen Portals befand, ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Er würde nur einmal zuschlagen können, bevor man ihn überwältigte, und er rechnete sich aus, daß er, um Bonestruca zu töten, seine scharfe Hacke wie eine Axt benutzen und ihm damit die Kehle durchhacken mußte.

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