Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Ihre Schritte hallten, als sie durch den Saal der Botschafter gingen, wo Sultan Boabdil die Urkunde seiner Unterwerfung unter Ferdinand und Isabella unterzeichnet hatte und in dem noch immer Boabdils Thron stand. Mingo zeigte Jona ein Badehaus, die banos arabes. »Hier räkelten sich unbekleidete Frauen des Harems und wuschen sich, während der Sultan von dem Balkon dort oben zusah und sich seine Bettgenossin auswählte. Wenn Boab-dil jetzt noch regierte, würde man uns für unser Hiersein töten. Sein Vater ließ sechzehn Angehörige der Familie der Aben-cerrajes hinrichten und ihre Köpfe auf dem Brunnen des Harems aufstapeln, weil ihr Oberhaupt sich mit einer seiner Frauen eingelassen hatte.«
Jona saß auf einer Bank und lauschte dem Plätschern der Springbrunnen, während Mingo sich zu seiner Besprechung mit dem Haushofmeister begab. Schon kurz darauf kehrte der kleine Mann wieder zurück. Während sie zu den Stallungen gingen, berichtete Mingo, er habe erfahren, daß Königin Isabella und König Ferdinand mit ihrem ganzen Hof in die Alhambra einziehen wollten. »In letzter Zeit haben sie sich über die Trübsinnigkeit ihres Hofes beklagt. Der Haushofmeister hat Nachforschungen angestellt und herausgefunden, daß ich praktizierender Christ bin, und deshalb werde ich wieder in den Palast gerufen, um den siegreichen Monarchen als Hofnarr zu dienen.«
»Macht es dir Freude, diesem Ruf zu folgen?«
»Es freut mich, daß Roma jetzt wieder als Pferdepfleger, Gärtner und peones in die Alhambra zurückkehren. Was das Amt als
Hofnarr angeht... nun, es ist schwierig, die Monarchen bei Laune zu halten. Man bewegt sich auf einem Grat, der so schmal ist wie die Schneide eines Schwerts. Von einem Narren wird erwartet, daß er frech und wagemutig ist und Beleidigungen von sich gibt, die zum Lachen reizen. Aber die Beleidigungen müssen geistreich und harmlos sein. Bewegt man sich innerhalb der gesetzten Grenzen, wird man geliebt und verwöhnt. Doch überschreitet man die Grenzen, gibt es Prügel oder vielleicht sogar den Tod.«
Er nannte Jona ein Beispiel. »Den Kalifen plagte das schlechte Gewissen, denn beim Tod seines Vaters, Muley Hacen, waren die beiden Todfeinde gewesen. Eines Tages hörte Boabdil mich von einem undankbaren Sohn erzählen und nahm an, daß ich von ihm gesprochen hätte. Wutentbrannt zog er sein Schwert und richtete es auf mein Geschlecht.
Ich sank auf die Knie, doch die Spitze des Schwerts folgte mir.
>Stecht mich nicht, Majestät<, rief ich. >Denn der kleine Stecher, den ich habe, ist der einzige, den ich brauche, während der große Stich, den ihr mir zufügen wollt, ein wirklich schlimmer Stecher wäre!< Darauf sagte mir Boabdil, daß mein ganzer Körper nur ein elender kleiner Wespenstich sei, und als er sich dann schüttelte vor Lachen, wußte ich, daß ich am Leben bleiben würde.«
Mingo sah Jonas Gesichtsausdruck und lächelte. »Hab keine Angst um mich, mein Freund«, sagte er. »Ein Narr zu sein erfordert Mühe und Weisheit, und ich bin der König der Spaßmacher.«
Als sie dann wieder auf ihren Tieren saßen, ritten sie an maurischen Aufsehern vorbei, die den Bau eines Palastflügels beaufsichtigten. »Die Mauren glauben nicht, daß sie je aus Spanien vertrieben werden, so wie die Juden es nicht glauben konnten, bis es geschah«, sagte Mingo. »Aber der Tag wird kommen, an dem man auch den Mauren befehlen wird, das Land zu verlassen. Die Christen erinnern sich noch viel zu gut an die vielen Glaubens-brüder, die im Kampf gegen den Islam fielen. Die Mauren haben den Fehler gemacht, das Schwert gegen die Christen zu erheben, so wie die Juden den Fehler gemacht haben, Macht über die Christen anzunehmen, ähnlich Vögeln, die höher und höher fliegen, bis die Sonne sie verbrennt.«
Als Jona schwieg, sah Mingo ihn an. »Es gibt Juden in Granada.«
»Juden, die Christen geworden sind?«
»Konvertiten wie du selbst. Was sonst?« erwiderte Mingo verärgert. »Wenn du sie kennenlernen willst, geh auf den Marktplatz, zu den Ständen der Seidenhändler.«
3. KAPITEL
INES DENIA
Iona hatte lange Zeit Konvertiten gemieden, da er im Umgang mit ihnen keinen Nutzen für sich sah. Dennoch verspürte er eine tiefe Sehnsucht nach der Gesellschaft von Juden, und so sagte er sich, es könne nicht schaden, einen Blick auf jene zu werfen, die einst den Sabbat gekannt hatten, auch wenn sie ihn jetzt nicht mehr kannten.
An einem stillen Morgen ritt er auf Mose in den geschäftigen Trubel der Stadt. Mingo hatte ihm gesagt, der Markt Granadas habe dank der regen Bau- und Restaurierungstätigkeit in der Al-hambra neuen Auftrieb erhalten. Es war ein großer Basar, und Jona genoß es, den Esel durch die Gassen zu lenken. Die Sehenswürdigkeiten, Gerüche und Geräusche des Marktes betörten ihn, er ritt an Ständen vorbei, die Brote und Kuchen feilboten, große Fische ohne Köpfe und kleine Fische mit noch klaren und frischen Augen, ganze Ferkel, Schinken, Bruststücke und starrende Köpfe von fetten Keilern, Lamm und Hammel, gekocht und roh, Säcke mit Schurwolle, alle Arten von Geflügel, die großen Vögel so aufgehängt, daß die farbenfrohen Schwänze jedem Betrachter ins Auge stachen und Käufer anlockten, Aprikosen, Pflaumen, rote Granatäpfel, gelbe Melonen... Es gab zwei Seidenhändler.
An dem einen Stand zeigte ein mißmutig dreinblickender Kerl seine Ware zwei Männern, die das Tuch kritisch befingerten.
Am anderen Stand verhandelte ein Mann mit einem Turban mit einem halben Dutzend interessierter Käufer, aber es war das Gesicht an seiner Seite, das Jonas Aufmerksamkeit erregte und fesselte. Die junge Frau stand an einem Tisch und schnitt Stücke von einem Ballen, den ein Junge entrollte. Bestimmt hatte Jona schon lieblichere und hübschere Gesichter gesehen als ihres, aber er konnte sich nicht mehr erinnern, wann oder wo das gewesen sein mochte.
Der Mann mit dem Turban erklärte eben, daß die Güte der Seide abhängig sei von der Art der Blätter, die die Raupen gefressen hatten.
»Die Blattnahrung der Raupen in dem Landstrich, aus dem diese perlglänzende Seide kommt, verleiht dem Faden einen sehr feinen Glanz. Seht Ihr es? Der fertige Stoff erhält dadurch einen leichten Goldschimmer.«
»Aber Isaak, er ist so teuer«, sagte der Kunde.
»Natürlich hat er seinen Preis«, gab der Händler zu. »Aber es ist eben ein sehr seltener Stoff, erschaffen von eifrigen Raupen und begnadeten Webern.«
Jona hörte nicht zu. Er versuchte, mit der wogenden Menge zu verschmelzen, stand gleichzeitig aber wie gebannt da, denn er genoß es sehr, jener Frau zuzusehen. Sie war jung, doch in der vollen Blüte ihrer Weiblichkeit, ihre Haltung aufrecht, ihr schlanker Körper fest und wohlgeformt. Das dichte, bronzefarbene Haar trug sie lang und offen. Ihre Augen waren nicht dunkel, und Jona meinte zu sehen, daß sie auch nicht blau waren, doch er war nicht nahe genug, um den genauen Farbton zu erkennen. Ihr jetzt in die Arbeit vertieftes Gesicht war von der Sonne gebräunt, doch als sie die Seide mit Hilfe der Länge ihres Unterarms vom Ellbogen bis zu den Knöcheln ihrer geballten Faust abmaß, rutschte der Ärmel ihres Kleides hoch, und er sah, daß die Haut dort, wo der Stoff sie vor der Sonne schützte, heller war als die Seide.