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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Ja, Mingo. Mit einem Freund.«

Wenige Schritte dahinter kamen sie an einem Loch im Hügel vorbei, aus dem der warme Schein einer Lampe fiel. Dann eine weitere Öffnung und dahinter noch mehr. Rufe drangen aus den Höhlen.

»Hallo, Mingo!«

»Einen guten Abend, Mingo!«

»Willkommen, Mingo!«

Der kleine Mann erwiderte jeden Gruß. Vor einer ähnlichen Öffnung im Hügel hielt er den Esel an. Jona stieg ab und folgte Mingo ins Halbdunkel. Der Zwerg führte ihn zu einer Schlafmatte, auf der Jona erschöpft niedersank.

Am nächsten Morgen wachte er auf und staunte. Einen solchen Raum hatte er noch nie gesehen - als hätte sich ein Räuberhauptmann in einer Bärenhöhle wohnlich eingerichtet. Der Schein von Öllampen mischte sich mit dem grauen Tageslicht vom Eingang, und Jona sah leuchtendbunte Teppiche, die nackten Fels und Erde bedeckten. Überall standen schwere, reichverzierte Holzmöbel, und eine Überfülle an Musikinstrumenten und funkelnden Kupfergerätschaften hing oder lehnte an den Wänden.

Jona hatte lange und gut geschlafen. Die Erinnerung an das Abenteuer des vergangenen Abends kam schnell zurück, und erleichtert stellte er fest, daß sein Kopf wieder klar war.

Eine füllige Frau von normaler Größe saß in der Nähe und po-lierte seelenruhig ein Kupfergefäß. Er grüßte sie und wurde mit einem freundlichen, zähneblitzenden Lächeln belohnt.

Als Jona vor die Höhle trat, sah er Mingo, der unter den wachsamen Augen von zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, die fast so groß waren wie er, ein Lederhalfter bearbeitete. »Einen guten Morgen.«

»Guten Morgen, Mingo.«

Jona sah, daß sie sich hoch oben auf dem Hügel befanden. Unter ihnen lag die Stadt Granada, ein Häusermeer aus rosafarbenen und weißen Würfeln, das Ganze umgeben von einem Kranz aus Bäumen. »Eine schöne Stadt«, sagte Jona, und Mingo nickte.

»Ja. Granada wurde von den Mauren erbaut, und so kommt es, daß die Behausungen im Inneren wunderschön verziert sind, von außen aber eher schlicht wirken.«

Oberhalb der Stadt, auf der Kuppe eines Hügels, der viel kleiner war als der Hügel mit den Höhlen, erhob sich eine Anlage mit rosenroten Türmen und Zinnen, die Jona ob ihrer Anmut und Erhabenheit den Atem verschlug.

»Was ist das?« fragte er und deutete hinüber.

Der Zwerg lächelte. »Nun, das ist die Zitadelle und der Palast, den man als die Alhambra kennt.«

Gleich an diesem ersten Tag wurde Jona bewußt, daß er in einer Gruppe einzigartiger Menschen gelandet war, und er stellte viele Fragen, die Mingo gutmütig und geduldig beantwortete.

Die Höhlen befanden sich in einem Hügel mit dem Namen Sacromonte. »Der heilige Berg«, sagte Mingo, »und er heißt so, weil hier Christen in der Frühzeit ihrer Religion den Märtyrertod starben.« Der Mann berichtete, daß sein Volk, Zigeuner eines Stammes, der sich Roma nannte, in den Höhlen lebte, seit es nach Spanien eingewandert war. Damals war Mingo noch ein kleiner Junge gewesen.

»Woher kommen die Roma?« fragte Jona.

»Von dort«, antwortete Mingo und beschrieb mit seinem Arm einen weiten Kreis, der die ganze Welt umschloß. »Vor Urzeiten - das ist lange, lange her - kamen sie aus einem Land weit im Osten, wo der Ganges fließt, ein großer, heiliger Fluß. In jüngerer Zeit sind sie durch Frankreich und Spanien gezogen, bevor sie hierherkamen. Aber als sie dann Granada erreichten, ließen sie sich hier nieder, denn die Höhlen eignen sich vorzüglich als Behausungen.«

In der Tat waren die Höhlen trocken und luftig. Einige waren kaum größer als eine Kammer, andere dagegen waren wie zwanzig Zimmer hintereinander und reichten tief in den Hügel hinein. Sogar Jona, der keine Ahnung von militärischen Dingen hatte, sah sofort, daß die Anlage sich im Fall eines Überfalls sehr gut verteidigen ließ. Mingo sagte, daß viele der Höhlen durch Felsspalten oder natürliche Gänge miteinander verbunden seien, was vielfältige Verstecke oder Fluchtmöglichkeiten bot, sollte dergleichen je nötig werden.

Die füllige Frau in Mingos Höhle war seine Gattin Mana. Als sie ihnen Essen brachte, erzählte der kleine Mann Jona stolz, daß er und Mana vier Kinder hätten, von denen zwei bereits erwachsen seien und woanders lebten.

Mingo spürte, welche Frage Jona auf der Zunge lag, und er grinste.

»Alle meine Kinder sind normal groß«, sagte er.

An diesem Tag lernte Jona viele Roma kennen. Einige kamen von einer Weide im Tal hochgeschlendert, wo sie Pferde hielten. Jona nahm an, daß sie als Pferdezüchter und -händler ihr Brot verdienten.

Einige hatten Anstellungen in der Nachbarschaft, andere arbeiteten an Tischen vor den Höhlen, wo sie Kochtöpfe, Gerätschafften und Werkzeuge flickten, die sie in den Häusern und Ge-schafften Granadas eingesammelt hatten. Jona bereitete es großes Vergnügen, den Metallarbeitern zuzusehen, denn das Schlagen ihrer Hämmer erinnerte ihn an Helkias Toledanos Werkstatt.

Die Roma waren liebenswürdig und gastfreundlich, und sie akzeptierten Jona sofort, weil Mingo ihn mitgebracht hatte. Während des ganzen Tages kamen Angehörige des Stammes zu dem kleinen Mann, um mit ihm über ihre Probleme zu sprechen. Jona war nicht überrascht, als er zur Mittagszeit erfuhr, daß Mingo der Häuptling der Roma war, der Woiwode, wie sie es nannten.

»Und wenn du sie nicht regierst, arbeitest du dann mit den Pferden, oder flickst du Kessel wie die anderen Männer?«

»Ich habe das alles natürlich in meiner Jugend gelernt. Aber bis vor kurzem habe ich da unten gearbeitet«, sagte er und deutete in Richtung Granada.

»In der Stadt? Was für eine Art von Arbeit?«

»In der Alhambra. Ich war ein Schelm.«

»Wie meinst du das, ein Schelm?«

»Ich war der Narr am Hof des Sultans.«

»Ist das wahr?«

»Es ist die reine Wahrheit, mein Freund, denn ich war der Hofnarr des Sultans Boabdil, auch bekannt als Mohammed XI., der letzte maurische Kalif von Granada.«

Hatte man sich erst einmal an den ungestalten Körper gewöhnt, konnte man für das beeindruckende Wesen dieses Mannes nur Bewunderung empfinden. Sein Gesicht strahlte Würde aus, und die Männer und Frauen des Stammes begegneten ihm mit Hochachtung und Zuneigung. Um so unbehaglicher war Jona deshalb zumute, als er nun erfuhr, daß ein so freundlicher und kluger Mensch sich als Narr seinen Lebensunterhalt hatte verdienen müssen.

Mingo sah ihm seine Verlegenheit an. »Es war eine Arbeit, die mir viel Vergnügen bereitet hat, das kann ich dir versichern. Ich war ein sehr guter Narr. Mein mißgestalteter Zwergenkörper hat meinem Volk geholfen zu gedeihen, denn bei Hofe erfuhr ich von allen Gefahren, die die Roma meiden sollten, wie auch von Möglichkeiten der Beschäftigung für sie.«

»Was für ein Mensch ist Boabdil?« fragte Jona.

»Ein grausamer. In seiner Zeit als Sultan brachte man ihm nur wenig Liebe entgegen. Er lebte im falschen Land, denn die militärische Macht des Islam gibt es heute nicht mehr. Die Moslems waren vor fast achthundert Jahren aus Afrika nach Iberien gekommen und hatten ganz Spanien islamisch gemacht. Bald darauf begehrten als erste die christlichen Basken gegen sie auf, um ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen, und die Franken vertrieben die Mauren aus dem nordöstlichen Spanien. Für sie war das der Anfang vom Ende. Im Lauf der folgenden Jahrhunderte gewannen christliche Armeen einen Großteil Iberiens für den Katholizismus zurück.

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