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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Er beschrieb Jona den Weg zum Hof. »Vorbei an dem großen, vom Blitz gespaltenen Baum, über den Bach, und dann siehst du ihn schon zur Rechten.«

Es war ein großes, gutgepflegtes Gehöft, und Jona trieb die Schafe auf den Innenhof. Drei Arbeiter kamen gelaufen, die keine weiteren Erklärungen brauchten, als sie die Leiche sahen; leise murmelnd vor Trauer und Bedauern, hoben sie den Schäfer vom Esel und trugen ihn davon.

Der Grundbesitzer war ein rotgesichtiger, tranäugiger Mann in feinen Kleidern, die voller Flecken waren. Verärgert über die Störung seines Abendmahls kam er vor die Tür und sprach mit seinem Aufseher. »Gibt es einen Grund für dieses Schafsgeblöke?«

»Der Schäfer ist tot. Der da hat ihn zusammen mit der Herde zurückgebracht.«

»Schafft mir die vermaledeiten Tiere vom Haus weg.«

»Ja, Don Emilio.«

Der Aufseher war ein schlanker Mann mittlerer Größe mit graumelierten braunen Haaren und ruhigen braunen Augen. Er und seine Söhne halfen Jona, die Herde auf eine Wiese zu treiben, und die Jungen lachten dabei und riefen sich derbe Sprüche zu. Der eine, ein schlaksiger Knabe von etwa sechzehn Jahren, hieß Adolfo, der andere war einige Jahre jünger als sein Bruder und hieß Gaspar. Der Aufseher ließ die beiden zwei Schüsseln Essen holen - eine dicke, heiße Weizengrütze -, und dann saßen er und Jona bei den Schafen auf der Erde und aßen schweigend.

Der Aufseher rülpste und betrachtete den Fremden. »Ich bin Fernando Ruiz.«

»Ramon Callico.«

»Du scheinst zu wissen, wie man mit Schafen umgeht, Ramon Callico.« Fernando Ruiz wußte, daß viele Männer die Leiche von Geronimo dem Schäfer einfach liegengelassen und die wertvolle Herde davongetrieben hätten, so schnell die Tiere laufen konnten. Der junge Mann, der nun vor ihm saß, hatte nichts dergleichen getan, was bedeutete, daß er entweder verrückt oder ehrlich war, und Wahnsinn sah Fernando nicht in seinen Augen.

»Wir brauchen einen Schäfer. Mein Sohn Adolfo könnte es gut, aber er ist noch ein Jahr zu jung für eine solche Verantwortung. Möchtest du dich um diese Schafe kümmern?«

Die grasenden Tiere waren friedlich, nur hin und wieder blökte eins leise, ein Geräusch, das Jona sehr beruhigend fand.

»Ja, warum nicht?«

»Aber du mußt sie von hier wegbringen.«

»Mag Don Emilio seine Schafe nicht?«

Fernando lächelte. Sie waren allein auf der Wiese, aber er beugte sich vor und flüsterte.

»Don Emilio mag überhaupt nichts«, sagte er.

Vierunddreißig Monate sollte Jona so gut wie alleine mit der Herde verbringen, und er wurde dabei so vertraut mit den Tieren, daß er jeden Bock und jedes Mutterschaf kannte, wußte, welche ruhig und fügsam und welche stur oder verschlagen, welche gesund und welche krank waren. Es waren große, dumme Schafe mit einer langen, feinen Wolle, die alles bedeckte bis auf die schwarze Nase und die friedvollen Augen. Er fand sie schön. Immer wenn das Wetter mild war, trieb er sie durch einen Bergbach, um den Dreck wegzuspülen, der die fettige weiße Wolle verklebte und sie gelb färbte.

Fernando gab ihm einige einfache Vorräte mit und einen Dolch, der nicht sehr gut war, da seine Klinge aus schlechtem Stahl bestand. Jona durfte die Schafe überallhin führen, wo es Gras zum Weiden gab, solange er nur im Frühling zur Schur und im Herbst zum Kastrieren und zum Schlachten einiger der jungen Böcke auf Don Emilios Hof zurückkehrte. Gemächlich neben der Herde herreitend, trieb er sie in die Ausläufer der Sierra de Gredos. Onkel Aaron hatte einen Schäferhund gehabt, der ihm beim Hüten half, aber Jona hatte Mose. Mit jedem Tag wurde der Esel geschickter im Bewachen der Herde. Anfangs verbrachte Jona Stunden auf dem Rücken des Esels, aber schon bald trabte Mose selbständig hinter streunenden Tieren her wie ein Schäferhund und trieb sie mit Schreien zur Herde zurück.

Jedesmal, wenn er die Tiere auf den Hof zurückbrachte, nahm ihn Adolfo, Fernandos Sohn, unter seine Fittiche und brachte ihm bei, was es über Schafe zu wissen gab. Jona lernte zu scheren, obwohl er nie so schnell oder geschickt darin wurde wie Fernando und seine Jungen. Auch kastrieren und schlachten konnte er bald, aber wenn es ans Häuten ging, war er mit dem Messer nicht viel besser als mit der Wollschere.

»Denk dir nichts. Übung macht den Meister«, sagte Adolfo. Wenn Jona die Schafe zum Hof brachte, kam Adolfo mit einem Krug Wein auf die abgelegene Weide, wo die Herde gehalten wurde, und dann setzten er und Jona sich zusammen und besprachen all die Schwierigkeiten, die das Schafehüten mit sich brachte, den Mangel an Frauen, die Einsamkeit und die Bedrohung durch Wölfe. Adolfo riet Jona, nachts zu singen, um sie von der Herde fernzuhalten.

Das Hüten war eine ideale Beschäftigung für einen Flüchtling. Es gab nur sehr wenige Dörfer in der Sierra, und Jona mied sie, wie er auch um die verstreuten kleinen Höfe einen großen Bogen machte. Er weidete die Schafe auf den grasbewachsenen Lichtungen, die wie Sonnenflecken die unteren Hänge einsamer Berge sprenkelten, und wenn einmal ein Mensch seinen Weg kreuzte, sah der nur einen ungepflegten Schäfer und Einsiedler.

Auch böse Männer mieden ihn, denn er war groß und stark, mit einer wilden Kraft in den Augen. Seine kastanienbraunen Haare hingen ihm bis auf die Schultern, und sein Bart hatte sich voll und kräftig entwickelt. In der Hitze des Sommers ging er fast nackt, denn seine Kleidung, die er als Ersatz für die Stücke, die ihm zu klein geworden waren, gebraucht gekauft hatte, war abgetragen. Wenn einmal ein Schaf umkam, häutete er es ungeschickt und labte sich mit großem Vergnügen an Lamm oder Hammel, bis das Fleisch schlecht wurde, was im Sommer sehr schnell passierte. Bliesen im Winter rauhe Winde, wickelte er sich gegen die Kälte Schaffelle um Arme und Beine. Er fühlte sich sehr wohl in den Hügeln. Wenn er nachts auf einer Kuppe ruhte, war das Himmelszelt mit seinen großen, leuchtenden Sternen sein Zuhause.

Der Hirtenstab, den er von Geronimo Pico geerbt hatte, war ein armseliges Ding, und eines Morgens schnitt er sich von einem Nußbaum einen langen Ast mit einer natürlichen Krümmung am Ende. Sorgfältig schälte er die Rinde ab und schnitzte ein Muster in das Holz, welches an die geometrischen Figuren erinnerte, die maurische Handwerker zur Verzierung der Toledaner Synagoge benutzt hatten. Dann fuhr er mit den Händen durch die Wolle der Schafe, bis seine Finger troffen von ihrem Fett, und rieb es oft stundenlang ins Holz, bis der geschmeidige Stab eine dunkle Patina angenommen hatte.

Manchmal fühlte er sich wie ein wildes Tier, aber tief drinnen klammerte er sich an seine zivilisiertere Herkunft; er betete jeden Morgen und jeden Abend und rief sich immer wieder den Kalender ins Bewußtsein, um die Festtage heiligen zu können. Manchmal schaffte er es, sich vor dem Sabbat zu baden. In der Sommerhitze war es einfach, denn jeder, der ihn in einem Bach oder Fluß planschen sah, dachte, er tue es zur Abkühlung und nicht der Religion wegen. Wenn es kühl war, wusch er sich zitternd mit einem nassen Lappen, in den kältesten Wochen des Winters aber gestattete er sich zu stinken, denn schließlich war er keine Frau, die ihren Gatten erst empfangen durfte, wenn sie die Mikwe besucht hatte.

Tatsächlich wünschte er sich in jener Zeit oft, er könnte wie die Frauen einfach untertauchen und seine Seele reinwaschen, denn er war besessen von den Freuden des Fleisches. Es war schwierig, eine Frau zu finden, der er trauen konnte. In einer Schenke gab es eine Dirne, bei der er Wein kaufte, und zweimal gab er ihr eine Münze, damit sie in ihrer dunklen, stinkenden Kammer für ihn die Beine spreizte. Und manchmal, wenn die Tiere grasten, ohne ihn zu beachten, gab er sich der Lüsternheit hin und beging die Sünde, für die der Herr Onan das Leben genommen hatte.

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