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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Dennoch kamen in Russland seit Januar 2000, als WWP die wichtigsten Büros des Kreml bezog, Dutzende »Enkel von Karl Marx« zum Vorschein: Es handelte sich um Kommilitonen, Freunde und Verwandte des neuen Präsidenten. Doch diesen Schwindlern gelang es nicht, sich durch ihren Überfall irgendetwas von Wert unter den Nagel zu reißen. Und selbst Putins Durchbruch bei den Kaderentscheidungen im März 2001 änderte wenig am Erscheinungsbild des politischen Apparats.

Ein jähes Aufleben des Lobbyismus unter Putins Mannschaft vollzog sich im Frühjahr 2002, als der Inhaber der Meschprombank, Sergei Pugatschow (bekannt für seinen langen Bart und seine Gefängnisvergangenheit als »russisch-orthodoxer Bankier«), sich im Bündnis mit dem Präsidenten der Erdölfirma Slawneft, Michail Guzerijew, diese Firma plötzlich aneignen wollte. Dabei sollte sie nach dem staatlichen Plan des Systems gar nicht ihm, sondern Roman Abramowitsch zukommen, über dessen tatsächlichen und im Laufe der Zeit unveränderten Einfluss auf Putin wir ja bereits sprachen. Es wurde schnell und hart für Ordnung gesorgt: Man ließ Pugatschow abblitzen, Guzerijew verlor seinen staatlichen Posten, und Slawneft kam in die ihr zugedachten Hände – in die von Abramowitsch.

Woloschin & Co. konnte der interne Aufstieg einiger Figuren, die für die »Familien«-Gruppe völlig nutzlos und deshalb unannehmbar waren, nicht kaltlassen. Vor allem betraf das Igor Setschin, den Chef der Präsidentenkanzlei. Dieser Mann hatte als langjähriger Vertrauter Putins und dessen engster Mitarbeiter in den Jahren der Bürgermeisterschaft in Sankt Petersburg den Präsidenten immer mehr in seine verführerischen Netze gelockt. Oder Juri Saostrowez, stellvertretender Direktor des FSB für wirtschaftliche Sicherheit, der es zu diesem Zeitpunkt ernsthaft auf den Posten des Vorsitzenden des Staatlichen Zollkomitees (GTK) der Russischen Föderation abgesehen hatte.

Auf diese Weise entstand die Idee für einen Spielzug, der Wladimir Putin zwingen würde, seine übereifrigen Vertreter staatlicher Machtorgane aus dem großen Spiel zu entfernen. Ihr unverändert induktives Denken hatte der Kreml-Leitung einen üblen Streich gespielt: Wenn jemand in der Vergangenheit gut gearbeitet hat, dann tut er es auch jetzt. Schließlich wurde das Szenario von 1996 gewählt, das unter dem Arbeitstitel »Kopierpapierkarton« in die Geschichte eingegangen ist: Zunächst wird die Situation hochgekocht, es entsteht die Gefahr einer Diskreditierung des Präsidenten im Einzelnen und der Macht im Ganzen, wonach das Staatsoberhaupt die einzig richtigen Kaderentscheidungen fällt.

Aber zur Realisierung dieses Spielzugs brauchte man einen neuen Kopierpapierkarton, genauer gesagt, einen Rammbock. Man musste einen starken Spieler finden, der die Aufmerksamkeit Putins und der Welt auf die Unannehmbarkeit der neuen Träger verborgener Macht richtet und sich damit dem Beschuss stellt. Für die Rolle des Rammbocks wurde Michail Chodorkowski ausgewählt.

Ich meine keineswegs, dass MBCh von der Mannschaft Woloschin/Abramowitsch ganz bewusst hinter Gitter gebracht wurde. Natürlich nicht. Sie waren aufrichtig davon überzeugt, Chodorkowski würde nichts geschehen, denn das war nach den Spielregeln einfach nicht möglich. Auf jeden Fall würde er nicht ohne Woloschins Zustimmung hinter Gitter kommen, er war schließlich an allen Entscheidungen dieser Größenordnung beteiligt. Was daraus wurde, wissen wir. Man wollte den Eigentümer von JUKOS als Schwergewicht benutzen, das Igor Setschin niederreißen sollte. Aber es kam ein wenig anders: Setschin konnte sich ducken, das Gewicht schnellte über seinen Kopf hinweg, schlug mit großem Krach gegen die Wand und traf beim Rückschlag Woloschin.

Das jedoch geschah erst im Herbst 2003. Anfang des Jahres sah für MBCh und seine Freunde alles viel rosiger und optimistischer aus. Man bereitete die Übernahme des von Abramowitsch kontrollierten Sibneft durch JUKOS vor. Parallel dazu wurde entschieden, dass Chodorkowski von kremlnahen Freunden belastendes Material über Putins engstes Umfeld erhalten und es veröffentlichen sollte. Unter anderem sollte er es dem Präsidenten direkt ins Gesicht schleudern.

Der Machtapparat würde die Zähne fletschen, und dann ginge es nach dem Szenario von 1996 weiter: Putin müsste wählen zwischen Zukunft und Vergangenheit, zwischen Fortschritt und Korruption, zwischen der »transparentesten« Firma des Landes und den düsteren Geschäftemachern von Rosneft und dergleichen – im Großen und Ganzen also zwischen der Festigung seines guten Rufs bei den Eliten und damit gleichzeitig auch auf internationaler Ebene und dessen hoffnungsloser Schädigung. Putin ist klug, er musste das Erste wählen. Der Sieg gehört uns.

Zu Chodorkowski passte die Rolle des Rammbocks geradezu ideal. Jung, gutaussehend, reich, mit offensichtlich aufkeimenden, aber noch nicht ausgereiften politischen Ambitionen. Von Politik verstand er gar nichts, wollte sich aber bereits ins Gefecht stürzen. Ein solcher Mensch war über seine Bereitwilligkeit gut zu lenken.

Wäre es nicht auch ohne Rammbock gegangen? Nein, er war technisch notwendig. Es gibt Fragen, die im direkten Dialog unter vier Augen weder erörtert noch gelöst werden können. Woloschin und Abramowitsch konnten ihre Freundschaft mit Putin nicht aufs Spiel setzen. Sie mussten auf dem Höhepunkt des Konflikts aus dem Hinterhalt gesprungen kommen, nicht früher.

Verschiedene Beobachter haben davon gesprochen, dass MBCh Opfer seiner Pläne einer Umwandlung Russlands in eine parlamentarische Republik geworden ist. Ich denke, dass die Bedeutung dieses Faktors stark überschätzt wird. Dennoch bin ich von zwei Dingen überzeugt:

•Derartige Pläne wurden unter den Fittichen von JUKOS tatsächlich ausgearbeitet. Auf jeden Fall gingen bis zum 2. Juli 2003, dem Tag der Verhaftung von Platon Lebedew, Dutzende der Firma eng verbundene Vertreter durch Moskau und erzählten überschwänglich von einer kommenden Mehrheit im Parlament und Chodorkowski als Ministerpräsidenten. Nach dem 2. Juli wurden derartige Gespräche sofort eingestellt.

•Die Idee, dass Chodorkowski Ministerpräsident in einer halbparlamentarischen Republik werden könnte, stammte auch von der damaligen Präsidentenadministration – man musste die Idee an einem Versuchskaninchen ausprobieren.

Die Situation spitzte sich am 19. Februar 2003 zu, als Chodorkowski bei einer Zusammenkunft des Russischen Industrie- und Unternehmerverbandes mit dem Präsidenten im Kreml völlig durchschaubar auf die Rückläufe (Schmiergelder) anspielte, die im Zusammenhang mit dem Aufkauf von Rosneft durch die vergleichsweise kleine Erdölfirma Sewernaja Neft geflossen waren. Als Käufer war der Senator Andrei Wawilow in Erscheinung getreten.

Bei einem Marktpreis von etwa 150 Millionen Dollar ging Sewernaja Neft für ganze 400 Millionen über den Tisch, was verständlicherweise einige Gerüchte und unschöne analytische Einschätzungen aufkommen ließ. Putin reagierte geradezu rasend auf MBChs Worte. Denn Wladimir Putin ist ja ein durchaus gerechtigkeitsliebender Mensch, er lebt nach »Grundsätzen« (was dem Begriff der Moral im Gaunerjargon gleichkommt) und bemüht sich, diese nie zu verletzen. Faktisch gab er Chodorkowski folgende Antwort:

Verehrter Michail Borissowitsch! Sie machen die Andeutung, meine Leute hätten etwas gestohlen. Das kann schon sein. Aber haben Sie Ihr JUKOS etwa bei einer ehrlichen Auktion nach marktüblichen Preisen ersteigert? Nein! Ihr JUKOS ist mittlerweile 40 Milliarden Dollar wert. Und wenn meine Leute etwas stibitzt haben, dann waren es lächerliche 200 bis 250 Millionen. Wir befassen uns hier aber nicht mit einer Revision der »großen Privatisierung«. Wir wachen über unsere gemeinsamen Interessen. Auch über Ihre, Michail Borissowitsch. Wenn ich mich nicht irre, hat Ihnen in den drei Jahren meiner Präsidentschaft niemand vorgeschlagen, Sie mögen mich an Ihrem Besitz teilhaben lassen. Ich habe mich nicht in Ihre Geschäfte eingemischt, oder? Warum stecken Sie dann Ihre Nase in meine Geschäfte, mit denen Sie nicht das Geringste zu tun haben? Lassen Sie uns Klartext reden. Entweder sind wir alle ehrliche Leute: Sie, ich und auch Setschin. Und wir schauen dem anderen nicht auf die Finger. Oder wir sind alle Diebe und Gauner. Aber dann werde ich beweisen können, dass auch Sie ein Dieb und Gauner sind, diese Möglichkeiten habe ich.

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