Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Während der ersten Tage seiner Vermessungsexpedition hatte er überhaupt nicht gesprochen und war überaus erleichtert gewesen, dass er es nicht musste. Doch jetzt fing er allmählich wieder an zu reden – zwar missfiel ihm der heisere, gequälte Klang der Worte, doch er störte ihn jetzt nicht so sehr, weil ja sonst niemand da war, der es hören konnte.
Er hörte Wasser über Steine gurgeln, und als er jetzt einen Vorhang aus Weidenschösslingen durchbrach, lag der Bach zu seinen Füßen, und die Sonne brach sich glitzernd auf dem Wasser. Er kniete sich hin, trank und bespritzte sich das Gesicht, dann wählte er die Stellen am Ufer aus, die er als Messpunkte benutzen wollte. Er grub Notizbuch, Tinte und Federkiel aus der Ledertasche, die er über der Schulter trug, und fischte das Astrolabium aus seinem Hemd.
Er hatte ein Lied im Kopf – schon wieder. Sie schlichen sich an, wenn er gerade nicht hinsah, und in seinem inneren Ohr erklangen die Melodien wie Sirenen auf einem Felsen, die nur darauf warteten, ihn zu zerschmettern.
Allerdings nicht dieses hier. Er lächelte vor sich hin, während er den Zeiger des Astrolabiums verschob und einen Baum am anderen Ufer als Fixpunkt wählte. Es war eines von den Kinderliedern, die Brianna Jemmy oft vorsang. Eins dieser fürchterlichen Lieder, die man nicht mehr loswurde, wenn man sie einmal im Kopf hatte. Während er seine Vermessungen durchführte und in seinem Buch notierte, sang er vor sich hin, ohne sich daran zu stören, wie verzerrt die Töne waren.
»Hörst du die … Regenwürmer husten … wenn sie durchs … dunkle Erdreich zieh’n …«
Fünftausend Acres. Was zum Teufel sollte er nur damit anfangen? Was zum Teufel sollte er nur anfangen – Ende der Frage.
»Wenn sie … sich winden, um zu … verschwinden … auf Nimmer … Nimmerwiederseh’n …«
Ich fand schnell heraus, warum mein Name Tsatsa’wi so viel zu bedeuten schien; der Name des Dorfes war Kalanun’yi – Rabendorf. Ich sah zwar keine Raben, als wir auf die Dorfstraße ritten, hörte aber einen heiser von den Bäumen rufen.
Das Dorf lag ganz bezaubernd in einem schmalen Flusstal am Fuß eines Hügels. Um das eigentliche Dorf breiteten sich Felder und Obstgärten aus. Ein Flüsschen strömte daran vorbei, stürzte einen kleinen Katarakt hinunter und floss weiter unten im Tal in etwas hinein, das wie ein riesiges Bambusdickicht aussah – Röhricht, dessen riesige, belaubte Stängel in der frühen Nachmittagssonne glänzten wie mit Gold bestäubt.
Von den Dorfbewohnern wurden wir mit herzlicher Begeisterung begrüßt, reichlich beköstigt und mit einem Unterhaltungsprogramm bedacht, das einen Tag und eine Nacht dauerte. Am Nachmittag des zweiten Tages lud man uns ein, einer Bittzeremonie beizuwohnen, in deren Verlauf die für die Jagd zuständige Gottheit um ihr Wohlwollen und ihren Schutz für die Expedition in Sachen Geisterbär angerufen wurde, die am nächsten Tag stattfinden sollte.
Bis zu meiner Begegnung mit Jackson Jolly war es mir nie in den Sinn gekommen, dass es bei den indianischen Schamanen nicht minder unterschiedliche Talente geben könnte als unter den Mitgliedern des christlichen Klerus. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits diverse Exemplare beider Gattungen erlebt, doch da die Mysterien der Sprache als Filter fungierten, war mir bis jetzt nicht klar gewesen, dass die Berufung zum Schamanen nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Besitz einer faszinierenden Persönlichkeit, spiritueller Kräfte oder eines Talentes zum Predigen war.
Als ich jetzt beobachtete, wie die Gesichter der Menschen, die sich im Haus von Peter Bewlies Schwiegervater drängten, langsam glasig wurden, begriff ich, dass Jackson Jolly letzteres Talent völlig fehlte, wie es auch immer um seinen persönlichen Charme oder seine Verbindungen zur Geisterwelt bestellt sein mochte.
Mir war aufgefallen, dass die Gesichter einiger Gemeindemitglieder einen gewissen Ausdruck der Resignation annahmen, als der Schamane seinen Platz vor dem Kaminfeuer einnahm. Er war in eine rote Flanelldecke gehüllt, die einem Schultertuch ähnelte, und trug eine geschnitzte Maske, die ein Vogelgesicht darstellte. Als er mit lauter, monotoner Stimme zu sprechen begann, verlagerte die Frau neben mir das Gewicht schwerfällig von einem Bein auf das andere und seufzte.
Das Seufzen war ansteckend, aber es war nicht so schlimm wie das Gähnen. Innerhalb von Minuten stand die Hälfte der Leute in meiner Nähe mit klaffenden Mündern da, und ihre Augen tränten wie die Springbrunnen. Mir selbst schmerzten die Kinnmuskeln vom Zusammenpressen, und ich sah, dass Jamie die Augen zukniff wie eine Eule.
Jolly war zweifellos ein aufrichtiger Schamane, doch er schien auch ein langweiliger zu sein. Der Einzige, den seine Bittrufe zu fesseln schienen, war Jemmy, der mit ehrfurchtsvoll aufgerissenem Mund in Briannas Armen hing.
Der Gesang für die Bärenjagd war ziemlich monoton und bestand aus endlosen Wiederholungen von »He! Hayuya’haniwa, hayuya’haniwa, hayuya’haniwa …« Dann folgten leichte Variationen des Themas, wobei jeder Vers mit einem herzhaften – und arg verblüffenden – »Yoho!«, endete, als seien wir alle im Begriff, mit ’ner Buddel voll Rum Kurs auf des toten Manns Kiste zu nehmen.
Allerdings legte die Gemeinde im Verlauf dieses Liedes ein wenig mehr Begeisterung an den Tag, und mir dämmerte schließlich, dass das Problem wahrscheinlich gar nicht bei dem Schamanen lag. Der Geisterbär plagte das Dorf schon seit Monaten; sie mussten diese Zeremonie bereits mehrfach erfolglos durchexerziert haben. Nein, es lag nicht daran, dass Jackson Jolly ein schlechter Prediger war; es war nur so, dass seiner Gemeinde der Glaube fehlte.
Nach dem Ende des Liedes stampfte Jolly heftig auf den Boden der Feuerstelle, um seine Worte zu unterstreichen, dann zog er einen Salbeizweig aus seinem Beutel, stieß ihn in die Flammen und begann, durch den Raum zu marschieren, wobei er den Rauch mit den Händen über der Gemeinde verteilte. Die Menge teilte sich zuvorkommend, als er vor Jamie aufmarschierte und ihn und die Beardsley-Zwillinge mehrmals singend umkreiste und mit duftenden Rauchschwaden parfümierte.
Jemmy fand das ausgesprochen komisch. Seiner Mutter, die neben mir stand und vor unterdrücktem Gekicher bebte, ging es nicht anders. Jamie stand aufrecht da und machte ein extrem würdevolles Gesicht, während Jolly – der ziemlich klein war – wie eine Kröte um ihn herumhüpfte und seine Rockschöße anhob, um ihm den Rücken einzuräuchern. Ich wagte es nicht, Brianna ins Auge zu sehen.
Als diese Phase der Zeremonie abgeschlossen war, bezog Jolly erneut am Feuer Position und begann zu singen. Die Frau neben mir schloss die Augen und verzog sacht das Gesicht.
Mir schmerzte allmählich der Rücken. Endlich beendete der Schamane sein Tun mit einem Ausruf. Dann trat er zurück, zog die Maske ab, wischte sich den Schweiß rechtschaffener Arbeit von der Stirn und machte ein zufriedenes Gesicht. Danach trat der Dorfobere vor, um eine Rede zu halten, und es kam Bewegung in die Menge.
Ich reckte mich so unauffällig wie möglich und fragte mich, was es wohl zum Abendessen geben würde. Davon abgelenkt, bemerkte ich zunächst nicht, dass die Unruhe spürbarer wurde. Schließlich richtete sich die Frau neben mir abrupt auf und sagte laut etwas im Kommandoton. Sie legte den Kopf schief und lauschte.
Der Dorfobere verstummte abrupt, und ringsum begannen die Leute, nach oben zu blicken. Körper erstarrten und Augen weiteten sich. Ich hörte es auch, und meine Arme überzogen sich plötzlich mit Gänsehaut. Die Luft war von Flügelrauschen erfüllt.
»Was in aller Welt ist das?«, flüsterte Brianna mir zu, die Augen wie alle anderen nach oben gerichtet. »Die Niederfahrt des Heiligen Geistes?«
Ich hatte keine Ahnung, doch es wurde immer lauter – viel lauter. Die Luft begann zu vibrieren, und das Geräusch hörte sich an wie fortgesetztes Donnergrollen.