Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Die Situation war damals ganz anders«, sagte Braun, nachdem er einen ersten, verräterisch tiefen Zug aus seiner Zigarette genommen hatte. »Wir wußten nicht, womit wir es zu tun hatten. Sillmann und seine sogenannten Helfer waren Stümper, die mit Dingen herumgespielt haben, die sie nicht einmal begriffen.«
»Aber Sie begreifen sie?« fragte Nördlinger spöttisch.
»Ich?« Braun schüttelte heftig den Kopf. »Gott bewahre! Ich will von diesem ganzen esoterischen Firlefanz auch nichts verstehen. Ich muß ja schließlich auch nicht wissen, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, um den Stecker meiner Kaffeemaschine in die Steckdose zu schieben. Wir haben Spezialisten für so etwas. Glauben Sie mir, die wissen, was sie tun.«
»Und wenn nicht, sind wir die ersten, die es merken.«
Braun machte ein verärgertes Gesicht. »Jetzt hören Sie doch endlich auf...«
»Nein«, unterbrach ihn Nördlinger. »Jetzt hören Sie endlich auf, so zu tun, als wäre alles in Ordnung! Ich habe bereits vier Tote!«
»Vier?«
»Haben Sie Strelowsky vergessen?« fragte Nördlinger. »Oder arbeiten Ihre Informanten vielleicht doch nicht so gut?«
»Der hat damit gar nichts zu tun«, behauptete Braun. Er klang nicht sehr überzeugt. Wenn überhaupt, dann nur trotzig.
»Wollen Sie behaupten, es wäre ein Zufall?«
»Wer sich in Gefahr begibt, kommt nun einmal darin um«, antwortete Braun achselzuckend. »Dieser Kerl hat sich mit so vielen zwielichtigen Elementen abgegeben, daß es ihn irgendwann einmal erwischen mußte. Wahrscheinlich hat einer seiner unzufriedenen Mandanten ein bißchen zu fest hingelangt. Und erzählen Sie mir nicht, daß es schade um diesen Kerl ist.«
»Es reicht, Braun«, sagte Nördlinger spröde. »Sie haben gesagt, weshalb Sie hergekommen sind, und jetzt sollten Sie besser wieder gehen. Ich habe auch noch eine Menge zu tun.« Braun wirkte regelrecht verdutzt. Sein Gesichtsausdruck erinnerte Nördlinger an den eines Boxers, der einen Kampf über zehn Runden hinweg souverän geführt hatte und in der elften plötzlich ein paar Hiebe einstecken mußte, die vielleicht nicht wirklich gefährlich waren, aber weh taten. Dann lachte er; ziemlich nervös, wie Nördlinger fand.
»Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß Sie mich nicht leiden können.«
»Ich mag die Art nicht, in der Sie über Menschenleben reden«, sagte Nördlinger. »Und ich mag die Art nicht, in der Sie glauben, mich herumkommandieren zu können.«
»Ich glaube es nicht«, sagte Braun betont, und Nördlinger unterbrach ihn erneut und führte den Satz zu Ende:
»Ja, ja, Sie können es, ich weiß. Und jetzt gehen Sie bitte.« Für einen Moment sah es so aus, als hätte er den Bogen überspannt.
Braun nahm die Zigarette aus dem Mund und starrte ihn aus Augen an, in denen nicht einmal mehr die Spur eines Lächelns zu erkennen war, aber auch nichts mehr von dem überheblichen Funkeln, das er noch vorhin darin gelesen hatte. Dann aber stand er nur mit einem Achselzucken auf und deutete auf die Akten, die vor Nördlinger auf dem Tisch lagen. »Lesen Sie das bis morgen durch. Und geben Sie acht, daß sie nicht in falsche Hände geraten. Sie wissen, was diese Unterlagen anrichten können.« Er ging ohne ein weiteres Wort.
Nördlinger starrte die geschlossene Tür hinter ihm noch zwei oder drei Sekunden lang an, dann griff er mit einer wütenden Bewegung nach dem erstbesten Hefter, der vor ihm auf der Tischplatte lag, und schlug ihn auf. Die Blätter, die darin abgeheftet waren, waren karmesinrot, und die Schrift darauf nicht schwarz, sondern ebenfalls rot, wenn auch von einem sehr viel dunkleren Farbton. Das würde es schwierig machen, sie zu lesen, machte es zugleich aber auch fast unmöglich, sie zu kopieren; zumindest auf einem herkömmlichen Fotokopierer. Nördlinger war jedoch nicht in der Verfassung, auch nur eine der Akten zu lesen. Seine Hände hatten wieder zu zittern begonnen. Er hatte erwartet, daß er sich beruhigen würde, sobald Braun gegangen war, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Jetzt, als er allein war, schien sich seine Erregung erst richtig bemerkbar zu machen. Er starrte abwechselnd die Tür an, durch die Braun verschwunden war, und das Telefon auf seinem Schreibtisch, und es fiel ihm jedesmal schwerer, den Apparat nicht einfach zu nehmen und gegen die Tür zu werfen. Vielleicht sollte er es tun, überlegte er. Es würde zwar überhaupt nichts ändern, geschweige denn irgend etwas besser machen, aber vielleicht würde es ihn erleichtern.
Statt dessen griff er nach einer Weile wieder nach der Akte, die er gerade schon aufgeschlagen hatte, und begann zu lesen.
8
Die Vorhänge waren zugezogen, und sämtliche Lampen im Raum ausgeschaltet. Das einzige Licht war ein matter Schein, der von dem kleinen Computermonitor auf dem Schreibtisch kam. Der unsichere Schein reichte gerade aus, die Tastatur und einen kleinen Teil der Schreibtischplatte davor zu erhellen, und nicht einmal das richtig. Die meisten Buchstaben waren mehr zu erahnen als zu erkennen. Bremers Finger huschten trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit über die Tasten, und der kleine Cursorblock auf dem Bildschirm verwandelte seine Befehle im gleichen Tempo in eine Abfolge von Zahlen und Buchstaben. Kriminalrat Nördlinger wäre vermutlich höchst erstaunt gewesen, hätte er Bremer in diesem Moment sehen können. Aber daß er der modernen Kommunikationstechnik nicht gestattete, absolute Macht über sein Leben zu erlangen, bedeutete nicht, daß er nicht damit umgehen konnte.
Er schaltete das 56k-Modem ein, wartete, bis die winzige Leuchtdiode auf seiner Vorderseite von Rot auf Grün umsprang und drückte die ENTER-Taste des Computers. Eine Folge leiser, unmelodischer Töne erklang. Nur wenige Augenblicke später stand die Leitung zum Zentralrechner im Keller des Polizeipräsidiums, und auf dem Bildschirm vor Bremer erschien das Startmenü, ziemlich bunt und ziemlich einfallslos. Bremer tippte sein Paßwort ein, betätigte erneut die ENTER-Taste und wartete, daß ihm der elektronische Wachhund an der Pforte zum Allerheiligsten Einlaß gewährte. Nichts geschah. Zwei Sekunden verstrichen, dann fünf, dann wurde der Bildschirm dunkel, und eine grüne Leuchtschrift erklärte ihm:
PASSWORT FALSCH: BITTE RICHTIGES PASSWORT EINGEBEN:
Bremer runzelte die Stirn. Er war ziemlich sicher, das richtige Paßwort eingegeben zu haben. Selbst die Berliner Polizei hinkte nicht so weit hinter der technischen Entwicklung hinterher, daß die Computer nicht schon vor Jahren Einzug in ihre Arbeit gehalten hätten. Bremer hatte seinen Zugangscode in den letzten drei Jahren so oft eingegeben daß er sich schon gefragt hatte, wann er wohl das erstemal versehentlich damit unterschrieb. Es war praktisch unmöglich, daß er sich vertippt hatte.
Er gab den Code ein zweites Mal ein. Diesmal sah er hin und tippte sehr langsam. Erneut vergingen vier oder fünf Sekunden, dann erklärte ihm der Computer:
PASSWORT FALSCH: BITTE RICHTIGES PASSWORT EINGEBEN:
Nur ein Sekunde lang war Bremer verwirrt, dann übernahm Zorn die Stelle dieses Gefühls. An der Situation war ganz und gar nichts Rätselhaftes. Er war hundertprozentig sicher, seinen Zugangscode richtig eingegeben zu haben. Trotzdem funktionierte er nicht. Also hatte ihn jemand außer Kraft gesetzt. So einfach war das. Nördlinger hatte wirklich schnell reagiert. Bremer hatte zwar damit gerechnet, daß das geschehen würde, aber nicht, daß es so schnell passierte. Nördlinger hatte ihn gegen sieben vom Dienst suspendiert, und soviel er wußte, gingen die Operator im Rechenzentrum um fünf nach Hause. Nördlinger mußte entweder Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, um sein Paßwort sperren zu lassen - oder es war schon vorher geschehen. Bevor Bremer so freundlich gewesen war, ihm einen Vorwand zu liefern, um ihn kaltzustellen. Bremer tippte sein Paßwort noch einmal ein, hielt aber nach dem vorletzten Buchstaben inne, löschte die Eingabe und unterbrach nach kurzem Zögern die Verbindung. Der Computer würde die Leitung nach der dritten falschen Paßworteingabe sowieso von sich aus kappen, aber Bremer war nicht sicher, ob dieser unberechtigte Zugriffsversuch nicht irgendwo registriert wurde, vermutlich samt seiner Telefonnummer. Er mußte Nördlinger ja nicht auch noch freiwillig noch mehr Munition liefern. Er schaltete den Rechner ab, vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen und versuchte, in dem Durcheinander hinter seiner Stirn irgendwie wieder Ordnung zu schaffen. Er dachte nicht daran, so einfach aufzugeben. Vielleicht sollte er damit aufhören, sich über Nördlinger zu ärgern, und seine Energie lieber darauf verwenden, seine Probleme zu lösen. Genug davon hatte er schließlich. Bremer schaltete den Computer wieder ein, wartete voller Ungeduld, bis das Gerät gebootet hatte, und wählte ein zweites Mal die Nummer des Polizeirechners. Bremer war weit davon entfernt, ein Hacker zu sein, oder auch nur wirklich zu wissen, was solche Leute eigentlich taten, aber man mußte ja auch nicht alles unnötig verkomplizieren. Er kannte die Paßwörter einiger seiner Kollegen; darunter auch das Meilers. Er hatte es irgendwann durch Zufall aufgeschnappt und notiert, eigentlich ohne besonderen Grund. Man konnte schließlich nie wissen.