Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Einmal in Fahrt, gab es für Marshall nun kein Halten mehr. »Was muss denn eigentlich noch passieren, Herr Postminister«, knirschte er, »bevor Sie endlich kapieren, dass wir an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg stehen? Wollen Sie etwa abwarten, bis Stalin und Co. das Weiße Haus in die Luft jagen? Wollen Sie das – ja oder nein? Tut mir leid – aber Sie sind doch wohl von allen guten Geistern verlassen.«
»Wenn Sie meinen, George«, gab der Postminister ungerührt zurück. »Sagen Sie aber hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«
»Vor was denn – zum Teufel noch mal? Sie wissen doch ebenso gut wie ich, dass uns die Russen nichts entgegenzusetzen haben.« Ein hintergründiges Lächeln im Gesicht, schweifte des greisen Außenministers Blick über die Gesichter seiner Kabinettskollegen. Geraume Zeit später ließ er die Katze aus dem Sack. »Einmal angenommen, Uncle Joe hätte seine Finger nicht im Spieclass="underline" Wäre das nicht trotzdem die Gelegenheit, den Russen ein für alle Mal klarzumachen, wer hier der Herr im Hause ist?«
»Wenn, dann aber ohne meine Zustimmung.«
»Jetzt hören Sie mal gut zu, Sie …«, begann Marshall, feuerrot im Gesicht, und schleuderte dem Postminister wütende Blicke entgegen. Doch Truman hob schließlich die Hand, und der Außenminister gab zähneknirschend klein bei.
»Damit nicht ausgerechnet hier der Dritte Weltkrieg ausbricht, Gentlemen, sollten wir zu einer Entscheidung kommen«, tadelte er die beiden Streithähne, worauf sich die allgemeine Aufregung legte. »Und darum schlage ich vor, unsere B-29-Bomber unmittelbar nach ihrer Ankunft in England in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Wie im Übrigen auch unsere Jungs in Berlin. Westeuropa natürlich nicht zu vergessen. Ich weiß zwar nicht, was noch auf uns zukommt, sollte der Fall der Fälle jedoch eintreten, müssen wir auf alles vorbereitet sein. Das Wichtigste ist, dass von dem, was bisher passiert ist, auf keinen Fall etwas nach außen dringt. Auf keinen Fall, verstanden? Das gilt auch für die Angehörigen sämtlicher Opfer, die am heutigen Tag ums Leben gekommen sind. Was diesen Punkt angeht, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen.«
»Und was ist mit den Briten?«, brummte Marshall vor sich hin. »Zumindest die sollten wir ja wohl informieren. Bis der Secret Service Lunte riecht, wird es bestimmt nicht lange dauern.«
»Na schön, George«, willigte Truman widerstrebend ein und wandte sich dem Verteidigungsminister zu. »Veranlassen Sie, dass die britische Stadtkommandantur von General Clay umgehend ins Bild gesetzt wird.«
»Und wann …«, wagte Forrestal einen vorsichtigen Versuch, die Meinung des Präsidenten zu erkunden. »wann sollten wir Ihrer Meinung nach zuschlagen?«
»Wie heißt es doch so schön«, tat Truman ihm widerstrebend den Gefallen, »aller guten Dinge sind drei. Will heißen: Noch so ein Nadelstich, und unsere Vögel werden in Richtung Russland starten.« Truman erhob sich und schlenderte zur Tür, die hinaus in den Rosengarten führte. Die Hand auf der Klinke, drehte er sich noch einmal um. »Und dann – aber erst dann! – werden wir Stalin mal so richtig auf den Zahn fühlen.«
24
Insel Schwanenwerder, amerikanischer Sektor | 16.50 h
Er war am Ziel. Endlich. Alles, was er jetzt brauchte, waren gute Nerven, ein wenig Geduld und einen geschärften Blick.
Und genau darin bestand das Problem.
Er hatte ein Repetiergewehr, befand sich in einer idealen Schussposition und war vom Nachbargrundstück aus nicht zu sehen. So weit, so gut. Das Problem indes war ein anderes, nämlich seine Kurzsichtigkeit. Wenn, dann war sie es, die ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde.
Ohne Blick für die Stechmücken, die in Scharen über ihn herfielen, legte Nikolai Borodin das russische Repetiergewehr vom Typ Mosin Nagant beiseite und atmete tief durch. Der Schweiß rann ihm in Strömen über seinen Körper, und aus dem Rhododendron, hinter dem er in Deckung gegangen war, stieg der Geruch welker Blüten auf. Von hier, dem Bootssteg einer verlassenen Nobelvilla, war die Terrasse des hochherrschaftlichen Anwesens an der Inselstraße gut zu überblicken, und hätte Ewald nicht auf dem Absatz kehrtgemacht, wäre er am Ziel seiner Wünsche gewesen.
Doch was auch geschehen würde, über Obersturmführer Ewald alias Paul Mertens war das Urteil bereits gesprochen. Und er, Nikolai Borodin, würde es vollstrecken.
So oder so.
Wie er so dalag, die Terrasse des Nachbargrundstückes im Blick, kehrten Borodins Gedanken in die Vergangenheit zurück. Vor nicht allzu langer Zeit war die Insel von Nobelvillen übersät gewesen, und alles, was Rang und Namen besaß, hatte hier Hof gehalten. So zum Beispiel Goebbels, Speer und wie sie alle sonst noch hießen – das reinste Nazi-Paradies. Heute, gut drei Jahre nach dem Krieg, war das anders. Die meisten Villen standen leer, unter anderem diejenige, in die er sich eingenistet hatte.
Von der ehemaligen Fabrikantenvilla gegenüber konnte man das nicht sagen. Fast schien es, als sei das Dritte Reich niemals untergegangen, und während Borodin das Anwesen im Auge behielt, loderte unbändiger Zorn in ihm empor. Die Fassade war frisch renoviert, der Tisch auf der Terrasse gedeckt, der Sonnenschirm aufgespannt und auch sonst fehlte es an nichts. Eine perfekte Sommeridylle, so schien es. Wäre da nur der Hausherr,
Ex-SS-Obersturmführer Paul Ewald, nicht gewesen.
Der Mann, den er bei nächstbester Gelegenheit erschießen würde.
Damit nicht noch in letzter Minute etwas schiefging, knöpfte sich Borodin erneut sein Repetiergewehr vor. Wie oft er es im Verlauf der letzten zwei Stunden überprüft hatte, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es keinen Weg zurück mehr gab. Und dass er sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen durfte.
Kaliber 7,62 mal 54 Millimeter, Reichweite 550 Meter, 15 Schuss pro Minute. Das würde reichen.
Das musste reichen.
Oder etwa nicht?
Wäre es nicht besser gewesen, zur Polizei zu gehen? Beweise hatte er ja wohl genug in der Hand. Genug, um Obersturmführer Paul Ewald hinter Schloss und Riegel zu bringen. Für immer. Nikolai Borodin stöhnte gequält auf, und während seine Hände den Gewehrlauf umklammerten, tauchten die Bilder aus der Vergangenheit wieder vor ihm auf. Bilder, die ihn seit jenem Tag im September immer wieder heimgesucht und ihm das Leben zur Hölle gemacht hatten. Solange er lebte, würde er sie nicht vergessen. Weder die Schreie, noch die Schüsse, noch die aufeinandergetürmten Leichen. Zehntausendfach, hunderttausendfach, millionenfach. Nein, von hier aus würde es kein Zurück mehr geben. Sonst käme er sich wie ein Verräter vor.
Durch das Lachen eines Kindes aufgeschreckt, war Borodin plötzlich hellwach, bog die Zweige auseinander und spähte auf die andere Seite hinüber. Kein Zweifel, dort drüben stand ein Mädchen. Drei Jahre alt, blond und von ausgelassener Fröhlichkeit.
Und seinem Vater, der soeben die Terrasse betrat, wie aus dem Gesicht geschnitten.
Fast mechanisch, ohne einen Moment nachzudenken, griff Borodin nach seinem Gewehr, schob den Lauf durch den Rhododendron und zielte. »Mein ist die Rache«, flüsterte er vor sich hin, doch als er abdrücken wollte, hob Ewald plötzlich seine Tochter hoch und wies mit ausgestrecktem Arm auf die Havel hinaus.
Jetzt nur keine Schwäche zeigen!, hämmerte es Borodin durch den Sinn, während der Lauf des Repetiergewehrs ziellos umherirrte. Sein Herz klopfte so heftig, dass er seine Waffe kaum noch ruhig halten konnte, und sein Atem hörte sich wie ein Blasebalg unter Hochdruck an. Aus Sekunden, die ungenutzt verstrichen, wurde eine Minute. Noch immer trug Ewald das Mädchen auf dem Arm, sprach mit ihm, strich ihm durch das Haar. Schieß endlich!, riefen ihm die Gespenster der Vergangenheit zu. Schieß! Keuchend vor Anstrengung, krümmten sich Borodins Finger um den Abzug, doch bevor der Ukrainer abdrücken konnte, machte Ewald kehrt und verschwand im Haus.