Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Sieh an, der Herr Kommissar – na, wenn das keine Überraschung ist«, hörte Sydow eine verschmitzte Stimme sagen, nicht ohne Respekt, aber auch mit unüberhörbarem Spott. Froh, dem tristen Anblick zu entgehen, drehte er sich auf dem Absatz um und blinzelte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Die Sonne blendete ihn, und es dauerte seine Zeit, bis er den Rufer erspäht hatte. »Ach, du bist’s, Kalle!«, rief Sydow überrascht aus, als er in dem Betreiber der Imbissbude in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores einen alten Bekannten aus der Zeit florierender Schwarzmärkte erkannte. Mit denen war es zwar definitiv vorbei, dem Wohlergehen von Fluppen-Kalle hatte dies jedoch offenbar keinen Abbruch getan. »Was machst du denn hier?«
»Geschäfte«, gab der Ex-Schwarzhändler zurück, seit seinem letzten Zusammentreffen mit Sydow um einiges rundlicher, um nicht zu sagen dicker geworden. »Sie wissen doch, Herr Kommissar – mit den Geschäften ist es wie mit den Weibern. Da muss man jede Gelegenheit beim Schopf packen.«
Sydow rang sich ein Lächeln ab und blickte in Richtung Siegessäule. Eigentlich hätte er sich schon längst auf die Socken machen müssen, aber wie die Dinge nun einmal lagen, ließ ihn dieser Ort nicht los. Sechs Jahre. Kaum zu glauben. Sechs Jahre war das alles bereits her. Und doch schien es, als sei es erst gestern gewesen. Die Hetzjagd durch halb Berlin, die Gestapo ständig im Nacken. Das Wiedersehen mit Rebecca, die sich das Staatsgeheimnis schlechthin unter den Nagel gerissen hatte. Und dann erst die Landung von McLeod auf der Ost-West-Achse, nur einen Katzensprung entfernt von hier. Verglichen damit waren der Start, das Sperrfeuer der Flak und der anschließende Flug nach England das reinste Vergnügen gewesen.
»Warum so nachdenklich, Herr Kommissar?«, ließ Fluppen-Kalle seine Reminiszenzen schließlich wie eine Seifenblase zerplatzen. »Ausgerechnet an einem so schönen Tag.«
»So schön nun auch wieder nicht, Kalle«, erwiderte Sydow und kramte in der Tasche seines Jacketts herum. Ganz allmählich begann sich bei ihm der Hunger zu regen. Wie pflegte Tante Lu doch zu sagen: Mit leerem Magen zum Dienst – wo kämen wir da hin!
»Lassen Sie stecken, Herr Kommissar – geht auf mich«, forderte der ehemalige Kleinganove Sydow auf und hielt ihm einen Hot Dog mit Senf vor die Nase. Der wiederum roch so gut, dass Sydow einfach nicht widerstehen konnte.
»Beamtenbestechung, Kalle – pass auf, sonst landest du dafür im Knast«, flachste Sydow und biss herzhaft zu. Eines musste man diesem Schlitzohr ja lassen. Dafür, dass er auf der Schwarzen Börse am Brandenburger Tor einer der gewieftesten Lieferanten von Glimmstängeln gewesen war, hatte er eine atemberaubende Metamorphose durchgemacht. »Aber wem sag ich das – hinter schwedischen Gardinen kennst du dich ja bestens aus.«
Aus dem Munde des rotwangigen Wurstverkäufers kam ein herzhaftes Lachen. »Nichts für ungut, Herr Kommissar, aber die Zeiten, in denen ich mit Lucky Strike, Camel oder Pall Mall gehandelt habe, sind unwiderruflich vorbei. D-Mark heißt jetzt die Devise. Was Besseres als die Währungsreform hätte einem wie mir gar nicht passieren können. Das muss man diesem Erhardt und diesem Adenauer ja lassen.«
Wie genau der alte Gauner aus dem Wedding die Kurve in Richtung soziale Marktwirtschaft gekriegt hatte, wollte Sydow nicht wissen. Der Tag war weiß Gott anstrengend genug gewesen. Und längst noch nicht zu Ende. Allein schon beim Gedanken, was noch alles auf ihn zukommen würde, verging ihm der Appetit.
»Stimmt was nicht, Herr Kommissar?«, schob der Neu-Unternehmer, der mit richtigem Namen Karlheinz Pasewalk hieß, flugs hinterher. Einem wie ihm konnte man nichts vormachen. Darauf war er mächtig stolz.
»Wenn du mich so fragst, Kalle – ja«, gab Sydow prompt zurück, angelte das Foto von Lilian Matuschek aus dem Jackett und schob es über den Tresen. Auf einen Versuch mehr oder weniger kam es ja wohl nicht an. »Kommt dir die Dame da bekannt vor?«
Zu Sydows Verblüffung biss Fluppen-Kalle tatsächlich an. »Von wegen Dame«, bekam er sich vor Heiterkeit fast nicht mehr ein, dämpfte jedoch umgehend den Ton. Mit Ausnahme eines Stadtstreichers, der seine Imbissbude links liegen ließ, war jedoch niemand in der Nähe, und nachdem er sich vergewissert hatte, ob die Luft tatsächlich rein war, fuhr Pasewalk fort: »Wenn das eine war, will ich Adolf …«
»Lieber nicht, Kalle«, würgte Sydow den schrägen Humor seines Gesprächspartners ab und steckte das Foto wieder ein. »Also: War dir die Tote bekannt?«
»Hab ich mir doch gleich gedacht, dass es mit der ein schlimmes Ende nehmen würde«, mokierte sich Fluppen-Kalle und warf ein paar Bouletten auf den Rost.
»Wieso denn?«
»Weil sie ein oberkrummes Ding gedreht hat – darum.«
»Na, du hast’s gerade nötig, Kalle«, amüsierte sich Sydow und vertilgte den Rest seines Hot Dogs.
»Nicht, was Sie denken, Herr Kommissar«, setzte sich Pasewalk mit erhobenen Händen zur Wehr. »Für einen wie mich war das Ding, das Lili gedreht hat, eine Nummer zu groß.«
Sydow wischte sich den Mund ab und machte ein treudoofes Gesicht. »Lili?«
»An Ihnen ist wirklich ein Schauspieler verloren gegangen, Herr Kommissar«, lachte Pasewalk, der ihn sofort durchschaute. »Nichts für ungut: Mir können Sie so leicht nichts vormachen.«
»Wenn dem so ist, lass hören, Kalle.«
»Weil Sie’s sind, Herr Kommissar. Die anderen in der Friesenstraße können mich nämlich mal.« Nach einem neuerlichen Blick in die Runde und einem Griff zum Spatel, mit dem er die Bouletten gekonnt umdrehte, wandte sich Pasewalk wieder seinem Gesprächspartner zu. »Wie gesagt«, kam Fluppen-Kalle auf das Thema zurück. »Lili hat ihre Karten überreizt. Stimmt schon, ging ihr ziemlich mies in letzter Zeit. Kaum Kundschaft, und wenn, war es keine, mit der sich Kohle machen ließ. Wenn du obendrein noch mit dem Saufen anfängst, biste geliefert.«
»Kundin von dir?«
»Kann man so sagen. Ist vor vier, fünf Wochen zum ersten Mal hier aufgekreuzt. Na ja, auf diese Weise kommt man eben ins Gespräch. Sieht so aus, als sei es ihr unmittelbar nach dem Krieg besser gegangen. Ein spendabler Ami, und schon läuft der Laden. Falls Sie verstehen, was ich meine, Herr Kommissar.«
»Bin von Muttern aufgeklärt worden, Kalle.«
»Na, dann isses ja gut, Herr Kommissar. Wie gesagt – nachdem Adolf und Konsorten das Handtuch geworfen hatten, ist Lili recht gut über die Runden gekommen. Sah ja wohl zudem ganz passabel …«
»Heute Morgen nicht mehr.«
Pasewalk machte ein ernstes Gesicht. »Wieso? Stimmt irgendwas nicht mit ihr?«
»Mord.«
»Au backe.«
»Ein Grund mehr, mir alles zu beichten, findest du nicht auch?«
»Auf alle Fälle, Herr Pfarrer.« Fluppen-Kalle kratzte sich hinterm Ohr. Danach räusperte er sich, beugte sich nach vorn und sagte: »Wenn mich nicht alles täuscht, hatte sie vor, jemanden zu erpressen. Im großen Stil.«