Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Doch was sich Mister Ex-Nazi auch einfallen lassen würde, bei ihm, Tom Sydow, war er an den Falschen geraten. Ein hohes Tier bei der SS – einer, der die Hacken zusammengeschlagen und anschließend Hunderte von Leuten massakriert hatte? Schon möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich. Einer von der rücksichtslosen Sorte. Von diesen Fanatikern, die nicht hatten einsehen wollen, dass das Dritte Reich unweigerlich den Bach runtergehen würde. Von diesen Werwölfen, die den Kanal auch nach Kriegsende immer noch nicht voll gehabt und dem Führer, Himmler oder welchem braunen Arschloch auch immer unverbrüchliche Treue geschworen hatten. Sydows Züge verhärteten sich, und während er so dastand, fiel ihm das Brieffragment wieder ein, auf dem der Name Himmlers aufgetaucht war. ›Wie von Ihnen, Reichsführer Himmler, mit Schreiben vom 9.4. gewünscht, anbei die erbetene Liste mit …‹ Um auf die Idee zu kommen, dass sich der Name von Mister Persilschein auf dieser Liste befand, musste man wirklich nicht Sherlock Holmes heißen. Das verstand sich quasi von selbst. Die Frage war nur, in wessen Händen sich der Rest des Schreibens und die ihm beigefügte Liste befand. Beziehungsweise wie umfangreich sie war und welche weiteren Überraschungen sie noch zutage fördern würde. Wer weiß, fragte sich Sydow, wie viele alte Kameraden von Herrn Saubermann in diese Affäre verwickelt sind. Und wie viele von ihnen sich bis in höchste Positionen vorgearbeitet haben.
Besser, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht allzu viele Gedanken darauf zu verschwenden, ermahnte sich der Kripo-Beamte, beugte das Knie und begann, die herumliegenden Trümmer zu inspizieren. Zu dumm, dass er auf sich allein gestellt war. In einem derartigen Durcheinander glich die Suche nach Indizien derjenigen nach der Nadel im Heuhaufen, aber da Krokowski alle Hände voll zu tun hatte, musste er sich notgedrungen damit abfinden.
Die verkohlten Fasern einer Tischdecke in der Hand, musste Sydow automatisch an Onkel Erwin denken. Was hatte ihm der jetzige Herr Kriminalrat und einstige Mentor eingeschärft? Spuren gibt es immer, vor allem da, wo man sie am wenigsten vermutet. Aha. Nahm man sich diese Maxime zu Herzen, musste es sie folglich auch hier geben.
Die Frage war lediglich, wo.
Einen Fluch auf den Lippen, rappelte sich Sydow wieder auf. Das mit den Spuren war leichter gesagt als getan. Um sicherzugehen, dass ihm nichts entging, hatte der Brandstifter bestimmt jeden Quadratmeter abgesucht. Darauf konnte er sich getrost verlassen. Und was, wenn der Handlanger von Herrn Saubermann bereits fündig geworden war? Sydow machte ein missmutiges Gesicht. In diesem Fall würde ein gewisser Herr Hauptkommissar ganz schön bescheuert aus der Wäsche gucken.
Und mit leeren Händen dastehen.
»Verdammte Sch…«, stieß Sydow im Angesicht des demolierten Bettgestells und der herumliegenden Schubladen hervor, brach die bevorstehende Schimpfkanonade jedoch abrupt ab, rannte zur Tür und von dort aus die Stufen bis zum Treppenabsatz hoch, der sich auf halber Höhe zwischen Erdgeschoss und Souterrain befand. Typisch Sydow!, gestand er sich kopfschüttelnd ein. Auf so eine Idee wäre selbst ein Anfänger gekommen.
Im Gegensatz zum Keller hatte das stille Örtchen ziemlich wenig abgekriegt, und zu Sydows Freude sah es dort richtig ordentlich aus. Wenn er jedoch geglaubt hatte, sein Geistesblitz würde ihn ans Ziel führen, sah er sich getäuscht. Das Abflussrohr in die oberen Etagen, die noch nicht wieder instand gesetzt worden waren, war unversehrt, die Möglichkeit, darin etwas zu verstecken, offenbar nicht genutzt worden. Pech gehabt, Herr Kriminalhauptkommissar. Wieder mal auf dem Holzweg, und das nicht zu knapp.
Im Begriff, das heimliche Gemach wieder zu verlassen, blieb Sydows Blick an dem Zeitungsstapel haften, der dort aus naheliegenden Gründen deponiert worden war. An sich war dies nichts Besonderes, da sich kein normaler Mensch Klopapier leisten konnte. Was Sydow auffiel, war die penible Ordnung, mit der die gefalteten Bögen aufeinandergeschichtet waren, und da er nichts unversucht lassen wollte, hob er den Stapel auf, setzte sich auf die Treppe und sah ihn sich genauer an.
Und wurde sofort fündig.
*
»Bedenkt man, was ich deinetwegen riskiere, ist jetzt aber eine Stange Camel fällig«, machte Fritz Lindner, genannt Flitze, aus seiner Beunruhigung keinen Hehl. »Du weißt doch: Iwan hört mit.«
»Bist eben ein wahrer Freund, Flitze«, redete Sydow dem Redakteur der Berliner Zeitung, einem hoffnungslosen Kettenraucher, gut zu, während er die Umgebung der Telefonzelle in unmittelbarer Nähe des Kemperplatzes nicht aus den Augen ließ. »Wäre glatt aufgeschmissen, wenn ich dich nicht hätte.«
»Auch schon gemerkt?«, ließ sich die Stimme am anderen Ende der Leitung vernehmen.
»Klar doch, Flitze.«
Stille. Sydow dachte schon, der Freund aus gemeinsamen Pennälerzeiten habe aufgelegt, als sich der Starreporter der Berliner Zeitung erneut zu Wort meldete. »Es ist so, wie du vermutest. Was die Ausgaben betrifft, die du mir genannt hast, handelt es sich um Bilder von ein und der gleichen Person.« Ein Anfall von Raucherhusten, danach wieder Stille. »Eine Person, die mir nicht ganz unbekannt ist«, schob Sydows Schulfreund hinterher, um mehrere Sekunden später hinzuzufügen: »Und dir auch nicht, Tommy-Boy.«
»Jetzt machst du mich aber neugierig.«
»Eine Stange Camel – ja oder nein? Sonst halte ich es in Sibirien nicht aus.«
Obwohl ihm nicht danach war, musste Sydow grinsen. »In Ordnung, Flitze«, versprach er, wohl wissend, auf was er sich da eingelassen hatte. »Und nun lass hören.«
»Gerne«, flachste Lindner. »Sitzt du gut?«
»Leider nein.«
»Dann halt dich irgendwo fest«, setzte der Redakteur noch eins drauf und gab den Namen des Mannes preis.
Vor Überraschung blieb Sydow glatt die Spucke weg, und selbst nachdem er die Nachricht verdaut hatte, konnte er es immer noch nicht glauben. Das also war der Mann, dessen Konterfei Lilian Matuschek fein säuberlich aus der Berliner Zeitung ausgeschnitten hatte. Und das gleich ein halbes Dutzend Mal. Der Mann, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erpressen versucht hatte. »Mein lieber Schwan!«, ächzte er. »Auf den wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Wäre es zu viel verlangt, wenn du mir aus eurem Archiv jeweils eine …«
»… Kopie besorgst?«, lachte Lindner in den Hörer hinein. »Aber klar doch, Schwarm aller ledigen Damen. Ich lass sie dir ins Präsidium bringen. Postwendend. Du kennst ja den Preis.« Nachdenklich geworden, fügte der Redakteur hinzu: »Darf man fragen, um was es geht?«
»Tut mir leid, Flitze«, hielt sich Sydow bedeckt. »Je weniger du weißt, umso besser.«
»Mit anderen Worten: Es geht um Kopf und Kragen.«
»Nach allem, was bis jetzt geschehen ist, schon«, gab Sydow zur Antwort, während er die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren ließ. Zwei Tote, ein mysteriöser Geheimbund und zu guter Letzt noch die Attacke mit der Panzerfaust – über Langeweile konnte er wahrhaftig nicht klagen. »Was nicht heißt, dass ich keinen Wert auf dein Detailwissen lege.«
»Dafür bin ich also gut genug«, frotzelte der Redakteur, ließ sich aber doch noch herab, Sydow umfassend ins Bild zu setzen. »Wenn du schlau bist, Tom«, schloss er seinen mehrminütigen Bericht, »dann machst du einen Bogen um den Kerl. Mit dem ist wirklich nicht gut Kirschen essen.«
»Weiß ich, Flitze«, bekräftigte Sydow, während ein gequältes Lächeln über seine Züge glitt. »Weiß ich. Dafür ist es jedoch leider zu spät.«
»Hätte mich auch gewundert, wenn gerade du jetzt den Schwanz einziehst«, antwortete sein Schulfreund in anerkennendem Ton, woraufhin ihm für kurze Zeit die Stimme versagte. »Also viel Glück, Tom. Und halt die Ohren steif.«