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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Den ersten Fluch seines 22-jährigen Lebens auf den Lippen, richtete sich Borodin auf, ließ den Karabiner ins kniehohe Gras sinken und schlug die Hände vors Gesicht. Seit jenem Tag, als er dem Tod entronnen war, war er sich nicht mehr so erbärmlich vorgekommen wie jetzt.

Erbärmlich, ausgelaugt und nutzlos.

Nikolai Borodin begann zu schluchzen. Es waren die ersten Tränen, die er seit sieben Jahren vergoss, und er war absolut machtlos gegen sie. Den Kopf gesenkt, kauerte der Ukrainer neben dem Steg, ohne Gefühl für Zeit, Ort und die Welt ringsum.

Und so kam es, dass er die Schritte, die sich auf dem zum Steg führenden Kiesweg näherten, nicht hörte. In seiner Verzweiflung, die ihn wie eine Woge unter sich begrub, hörte er die attraktive Endzwanzigerin nicht einmal zu dem Zeitpunkt, als sie bereits unmittelbar neben ihm stand, das Gewehr aufhob und den Blick über die gramgebeugte Gestalt schweifen ließ.

Borodin bemerkte die Frau erst, als sie ihm auf die Schulter tippte, die Brille zurückgab, die im Gras gelandet war, und ihm mitfühlend ins Ohr flüsterte: »Secret Service Seiner Majestät, junger Mann. Ich würde vorschlagen, Sie überlassen den Dreckskerl uns.«

25

Sowjetisches Ehrenmal Tiergarten, britischer Sektor

| 16.50 h

Iwan hört mit – über diesen Sydow und seinen Kumpel Lindner konnte Kuragin nur schmunzeln. Allein schon die Annahme, dem MGB würde ihre Aktion verborgen bleiben, erheiterte ihn. Das Abhören von Telefonaten war ja wohl inzwischen zur Routine geworden. Das hätte der Genosse Redakteur einer Zeitung im Ostsektor eigentlich wissen müssen. Trotzdem oder gerade deswegen würde diesem Schreiberling kein Haar gekrümmt werden. Wer weiß, für was dieser Dilettant noch zu gebrauchen ist, dachte Kuragin, rauchte seinen Zigarillo zu Ende und schnippte ihn in einen Gully. Also wirklich, lachte der MGB-Major in sich hinein. Wirklich zum Schmunzeln, dieser Typ.

Wenn, ja, wenn die gegenwärtige Lage nicht so brisant gewesen wäre.

Um nicht unnötig aufzufallen, wandte sich Kuragin der acht Meter hohen Bronzestatue im Zentrum des Ehrenmals an der ehemaligen Ost-West-Achse zu. Es stellte einen Rotarmisten mit geschultertem Gewehr dar und erinnerte an die Schlacht um Berlin. Der Wachwechsel war gerade vorüber, und abgesehen von den Rotarmisten, die entlang der Pfeilerreihe Aufstellung genommen hatten, war die Anlage menschenleer.

Zumindest dem Anschein nach.

Mit Blick zum Himmel, an dem dunkle Wolken heraufzogen, passierte Kuragin die Pfeilerreihe und ging die Stufen hinunter, die in den rückwärtigen Teil des Ehrenmals führten. Hoffentlich bleibt uns beiden die nächste Schlacht um Berlin erspart, dachte er bei sich, während er sich instinktiv nach der Bronzestatue umwandte. Beim nächsten Mal wird es nämlich keine Ehrenmale mehr geben.

Und auch keine Gewinner oder Verlierer.

Kurz davor, sich von ihm übermannen zu lassen, bot Kuragin dem Trübsinn die Stirn. Noch war das von ihm befürchtete Szenario nicht Wirklichkeit geworden. Und das war im Moment das Wichtigste.

Auf den Mann, der auf der von Ziersträuchern umgebenen Parkbank saß, konnte er sich wenigstens verlassen. Das hatte die Zusammenarbeit mit dem zwei Jahre älteren Stalinverehrer bewiesen. Kodak, so sein Tarnname, arbeitete beflissen und diskret, und vor allem arbeitete er höchst effizient. »Dobryj den«,11 begrüßte Kuragin seinen V-Mann bei der Berliner Polizei und ließ sich neben ihm auf der Parkbank nieder.

»Guten Tag, Genosse«, antwortete Kodak irritiert.

»Warum so nervös?«

»Aufgrund des Risikos, wie immer.«

»Keine Sorge«, spielte Kuragin die Besorgnis seines Kontaktmannes herunter, begleitet vom Plätschern des Springbrunnens, der inmitten des von außen nicht einsehbaren Gevierts lag. »Wir befinden uns hier auf sowjetischem Territorium. Was kann Ihnen also schon passieren.«

Kodak hob einen Kieselstein auf und wog ihn in der Fläche der rechten Hand. »Hier ja wohl nichts«, raunzte er verstimmt. »Aber wenn ich wieder im Einsatz bin, dürfte es ziemlich ungemütlich werden.«

Kuragin zog die Brauen hoch. »Hört sich an, als sei Ihnen jemand auf den Fersen. Keine Sorge: Sollte Ihre Tarnung auffliegen, können Sie sich voll und ganz auf mich verlassen.«

»Gut zu wissen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.«

»Auf alle Fälle«, gab Kuragin lächelnd zurück, ohne seinen Nebenmann eines Blickes zu würdigen. »Und da dem so ist, sollten Sie mich nun mit den neusten Informationen versorgen. Speziell über einen Mitarbeiter Ihrer Behörde namens von Sydow.«

Kodak blickte überrascht auf. »Ach, daher weht der Wind«, murmelte er und warf den Stein ins Gebüsch. »Ja, der hat im Moment allerhand zu tun. Um es genau zu sagen, kann sich der Herr Kollege vor Arbeit kaum retten.«

»Und wieso?«

»Erst die Leiche am Lehrter Bahnhof, dann die nächste im Grunewald – so viel wie heute hat der gute Herr von Sydow schon lange nicht mehr zu tun gehabt.«

»Aristokrat?«

»Wenigstens einer, der sich nichts darauf einbildet.«

»Viel zu tun, sagten Sie?«

»Jede Menge. Was genau gerade am Laufen ist, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Jedenfalls nichts Genaues. Sicher ist, dass es ordentlich zur Sache geht.«

»Inwiefern?«

»Auf Sydow ist geschossen worden. Im Verlauf einer Tatortbesichtigung im Grunewald. Mit einer Panzerfaust.«

»Wie bitte?«

Kodak nickte. »Deutsche Wertarbeit, Genosse. Sieht nach etwas Größerem aus.«

»Etwas Größerem, soso.«

»Wie Genosse Stalin nicht müde wird zu betonen: Der Faschismus ist noch lange nicht tot.«

»Will heißen?«

»Auf der Schulter des Mannes, der im Grunewald verscharrt wurde, war eine Wolfsangel eintätowiert. Todesursache: Genickschuss. Motiv unbekannt.«

»Ein Werwolf also.«

»Ins Schwarze getroffen, Genosse Major«, erwiderte Kodak mit unüberhörbarer Ironie. »Und jetzt kommt’s –

zum Zeitpunkt der Tat soll sich etwa ein Dutzend Personen am Ort des Geschehens rumgetrieben haben. Behauptet zumindest der Grünschnabel von der Spurensicherung.« Kodaks Stimme sank zu einem ahnungsvollen Flüstern herab. »Riecht verdammt noch mal nach einem Komplott. Nach irgendeiner groß angelegten Aktion.«

»Und die Leiche am Lehrter Bahnhof?«

»Das ist es ja gerade. Mit hoher Wahrscheinlichkeit scheint es zwischen den beiden Morden einen Zusammenhang zu geben. Das Interessante daran: Dem Vernehmen nach soll die Frau, die von einer Rangierlok überrollt worden ist, einen an Himmler adressierten Papierfetzen bei sich gehabt haben. Absender: ein sogenannter ›Reichswerwolf‹.«

In seiner Eigenschaft als MGB-Major war Juri Andrejewitsch Kuragin zwar Einiges gewohnt. Was er da zu hören bekam, ließ die Fassade der Abgebrühtheit, die er sich über die Jahre hinweg angeeignet hatte, jedoch bröckeln. »An Himmler?«, brach es aus Kuragin hervor, während es ihn nicht mehr auf der Parkbank hielt. »Wissen Sie das genau?«

Auf dem Gesicht des V-Mannes tauchte sein Heinz-Rühmann-Lächeln auf. »Worauf Sie sich verlassen können. Schließlich ist man ja nicht umsonst Polizeifotograf.« Kodak lehnte sich entspannt zurück. »Mit besten Beziehungen zur Pathologie.«

Kuragin zündete sich einen Zigarillo an und hielt ihm die Schachtel hin. »Wie es sich für einen V-Mann des MGB wohl auch gehört«, revanchierte er sich, nachdem sein Mittelsmann die Offerte abgelehnt hatte. »Spaß beiseite – wen haben Sie an der Angel?«

»Dr. Heribert Peters, Pathologe in Moabit. Duzfreund und Skatpartner.« In einer Pose, die Außenstehende als gelangweilt empfunden hätten, genoss Kodak die letzten Strahlen der Nachmittagssonne, bevor sie hinter einem pechschwarzen Wolkengebirge verschwand. Fast gleichzeitig frischte der Wind auf und wirbelte die ersten Birkenblätter durch die Luft. »Wie mir mein Freund unter dem Siegel des Vertrauens zu flüstern geruhte, scheint der Tote im Grunewald regelrecht exekutiert worden zu sein. Klamotten: Fehlanzeige.«

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