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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Auf einen Schlag wie elektrisiert, würdigte Sydow ihn keines Blickes, sondern zückte seine Waffe, duckte sich und spähte auf die Terrasse hinaus. Das Maschinengewehrfeuer war verebbt, und als er sich ins Freie wagte, war von der Havel aus das Aufheulen eines Motors zu hören.

Sydow zögerte keine Sekunde. Die Walter PPK in der Hand, stürmte er in den Garten und von dort aus auf das Ufer zu. Das Motorboot, aus dem die Schüsse abgefeuert worden waren, war höchstens 20 Meter davon entfernt. An Bord befanden sich zwei Maskierte, einer davon am Steuer und der zweite am Heck, die Browning im Anschlag, mit der er in aller Gemütsruhe auf ihn zielte. Er schien es überhaupt nicht eilig zu haben, seiner Sache mehr als sicher.

Einem Impuls folgend, der jeglicher Vernunft spottete, blieb Sydow stehen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, und der Regenschleier, der über der Havel niedergegangen war, rückte unerbittlich näher. Um ihn außer Gefecht zu setzen, hätte es keines Meisterschützen bedurft, doch aus einem unerfindlichen Grund nahm sich der Maskierte an Bord des Schnellbootes viel Zeit. Nicht sicher, ob es sich bei dieser Begegnung um einen Albtraum handelte, ließ Thomas Randolph von Sydow, Hauptkommissar der Kripo Berlin, die Waffe sinken und starrte den Maskierten unverwandt an. Warum, wurde ihm im gleichen Moment klar. Er hatte den MG-Schützen, der keinerlei Anzeichen von Eile zeigte, schon einmal gesehen.

Und den Maskierten am Steuer auch.

Die Frage nach dem Wann, die sich Sydow im gleichen Moment stellte, blieb freilich unbeantwortet. Schuld daran war der bewaffnete Maskierte, dessen Lässigkeit schlagartig wie weggeblasen war. Die Hände gegen die linke Brusthälfte gepresst, bäumte er sich urplötzlich auf, torkelte auf die Bordkante zu und verlor das Gleichgewicht. Ein ersticktes Gurgeln, Aufspritzen der Gischt, Schaumkronen, die sich mit seinem Blut vermischten. Dann war der Schütze, der das Leben von SS-Obersturmführer Ewald jäh beendet hatte, tot.

Der Maskierte am Steuer des Schnellbootes war es jedoch nicht. Kaum war sein Komplize über Bord gegangen, hatte er den Motor aufheulen lassen, Gas gegeben und jagte mit Höchstgeschwindigkeit davon, ungeachtet der Kugeln, die vom Bootssteg des Nachbargrundstückes auf ihn abgefeuert wurden. Keine fünf Sekunden, und er war hinter den Regenböen, die wie Geißelhiebe über Schwanenwerder fegten, verschwunden.

Mit dem Gefühl, durch nichts mehr zu erschüttern zu sein, legte Sydow die restlichen Meter zum Ufer zurück, wandte sich nach links und sah die Person, die ihre Parabellum immer noch im Anschlag hielt, entgeistert an. Um zu begreifen, wen er da vor sich hatte, musste er schon zweimal hinsehen, und selbst dann war ihm die Verärgerung immer noch ins Gesicht geschrieben.

Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht.

»Ich denke, Sie sind mir eine Erklärung schuldig!«, rief er der Endzwanzigerin zu, während sie die Parabellum rasch unter ihrem Trenchcoat verschwinden ließ. Im Gegensatz zu ihrem ersten Aufeinandertreffen war der Traum aller Männer nicht wiederzuerkennen. Das brünette Haar streng gescheitelt, war das Gesicht von Gladys McCoy von tiefen Falten durchzogen, von der Affektiertheit, die sie an den Tag gelegt hatte, war nichts mehr übriggeblieben.

»Das denke ich auch, Herr Kriminalhauptkommissar«, entgegnete die Britin, vergrub die Hände in ihrem Trenchcoat und schlenderte am Ufer entlang auf ihn zu. Der Regen fiel in dicken Tropfen, und als sie Sydow gegenübertrat, war von der Aura, die sie umgab, kaum noch etwas zu spüren. Miss Pin-up hatte sich in Luft aufgelöst, wie Sydow überrascht feststellen musste. »Sieht ganz danach aus, als seien wir aufeinander angewiesen.«

»Ach, wirklich?«

»Meiner Meinung nach schon«, erwiderte Gladys McCoy mit Blick auf den Maskierten, der mit dem Gesicht nach unten im aufgewühlten Wasser trieb. »Sonst wird sich die Zahl der Leichen, mit denen wir beide es zu tun bekommen haben, im Verlauf des Tages noch erheblich steigern.«

»Um wie viele denn?«, raunzte Sydow, nicht willens, sich so einfach um den Finger wickeln zu lassen.

»Darüber kann man nur spekulieren«, lautete die Antwort, während sich Gladys McCoy mit dem Handrücken die Regentropfen aus dem Gesicht wischte. »Wenn wir Pech haben, werden es Zehntausende sein.«

27

Berlin-Mitte, Flakbunker Humboldthain | 18.30 h

»Frage: Uhrzeit?«, schnarrte der Maskierte, um den sich knapp ein Dutzend Getreue geschart hatte. Von den Leichen der vier Rotarmisten, achtlos aufeinandergetürmt, nahm keiner von ihnen Notiz. Die Luft im Inneren des ehemaligen Flakbunkers roch nach Mäusekot und Urin, und im Licht der Taschenlampen, deren Kegel an der Betondecke entlangtanzten, sahen die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS wie Untote aus.

»Halb sieben, Nummer eins!«, bellte einer der Umstehenden, wie die übrigen mit der Uniform eines Rotarmisten bekleidet. »Noch eineinhalb Stunden bis zum Beginn von Ablenkungsmanöver drei.«

»Und der Kommandotrupp für unser Hauptziel?«

»Bereit zum Losschlagen!«, stieß das knapp 30-jährige Muskelpaket, Ex-Oberleutnant der Waffen-SS, wie aus der Pistole geschossen hervor und wies mit der Kinnspitze in Richtung der Uniformierten, die rechts von ihm mit geschulterter Kalaschnikow Aufstellung genommen hatten. »Und zu allem entschlossen.«

»Das will ich auch hoffen, Oberleutnant«, antwortete der Maskierte, der Zivilkleidung trug, in markigem Ton. Mit Ausnahme des Oberleutnants hatte keiner der Uniformierten je sein Gesicht gesehen, und dabei würde es auch bleiben. »Dass eine Menge davon abhängt, brauche ich ja wohl nicht zu betonen.«

»Natürlich nicht, Nummer eins«, gab der SS-Mann zurück. »Wie immer können Sie sich auf mich verlassen. Was auch geschieht, ›Operation Wotan‹ wird unter allen Umständen ausgeführt werden. Ohne Rücksicht auf Verluste. Koste es, was es wolle.«

Der Maskierte, dessen Fistelstimme in merkwürdigem Gegensatz zu seinem herrischen Auftreten stand, reagierte mit der Andeutung eines Nickens. »Das sind wir, die Mitglieder der ›Gruppe W 45‹, dem Andenken des Führers und seiner welthistorischen Mission auch schuldig. Nur noch zwei Stunden, und wir alle werden an der Schwelle eines neuen Zeitalters stehen. Die Zeit der Werwölfe, des Kampfes im Untergrund, der konspirativen Tarnung sind damit unwiderruflich vorbei.« Auf dem besten Wege, sich in Rage zu reden, schnappte der Maskierte nach Luft, und die Atmosphäre, welche die herumliegenden Trümmer, Schutthaufen und eingestürzten Betonwände schufen, hätte gespenstischer nicht sein können. Auf den hageren Mittvierziger schien dies jedoch keinerlei Eindruck zu machen. »Kameraden!«, rief er mit sich überschlagender Stimme aus. »Die Zeit zum Handeln ist gekommen. Fragt nicht danach, ob unser Unternehmen von Erfolg gekrönt sein wird, fragt nicht, welche Opfer es euch abverlangen wird. Was zählt, ist allein der Erfolg, nicht unser aller Leben. Steht doch eines unverrückbar fest: Unser Plan, die Amerikaner zum Losschlagen gegen die bolschewistischen Untermenschen zu verleiten, muss und wird gelingen. Darauf, und nur darauf, sollten sich unsere Gedanken konzentrieren. Haben wir uns verstanden?«

»Jawohl, Nummer eins!«, hallte es zwischen den Betonwänden hin und her. »Heil Hitler!«

»Noch irgendwelche Fragen?«

Zum Unwillen des Maskierten meldete sich der Oberleutnant zu Wort. »Und Nummer drei?«, fragte er in unterwürfigem Ton. »Eigentlich müsste er doch längst …«

»Keine Sorge«, fiel ihm der Maskierte ins Wort und warf einen raschen Blick auf die Uhr. »Was das Schicksal von Nummer drei betrifft, brauchen wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Gedanken mehr zu machen.«

Auf der Stirn des Oberleutnants, dessen stramme Haltung sich spürbar gelockert hatte, machten sich tiefe Runzeln breit. »Keine Gedanken mehr?«, echote er. »Was hat das zu bedeuten?«

»Das bedeutet, er ist unabkömmlich«, erwiderte der Maskierte, wobei er das letzte Wort besonders betonte. »Sämtliche von ihm ausgeübten Funktionen werden ab sofort von Nummer zwei wahrgenommen.« Der Maskierte gab ein nervöses Räuspern von sich, massierte die Nasenflügel und schritt mit demonstrativer Gelassenheit auf den Oberleutnant zu. »Wenn wir gerade dabei sind, Kamerad –«, seine Fistelstimme sank zu bedrohlichem Flüstern herab, »was ist denn eigentlich mit der Volksgenossin, mit deren Hilfe Kamerad Maschke den Coup an der Glienicker Brücke inszeniert hat? Mit der Gespielin eines gewissen Paul Mertens, meine ich.«

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