Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Du auch, Flitze«, antwortete Sydow und hängte auf.
Kaum imstande, seine Rührung zu verbergen, hielt Sydow geraume Zeit inne. Schließlich nahm er den obersten von einem halben Dutzend Zeitungsartikeln zur Hand, den er auf dem Telefonapparat deponiert hatte, faltete ihn auseinander und starrte das quadratische Loch in seiner Mitte wutentbrannt an. »Und nun zu dir, Mister Persilschein«, flüsterte er. »Damit du nicht noch mehr Unheil anrichten kannst.«
23
Washington D. C., Weißes Haus | 10.10 h Ortszeit
»Verdammt knifflige Situation«, konstatierte George C. Marshall, Außenminister und ehemaliger Fünfsternegeneral, als Forrestals Bericht zur Lage in Berlin beendet war. »Und was gedenken Sie zu tun, Mr. President?«
»Gar nichts.«
»Gar nichts?«, hakte der 67-jährige, knorrige und in Ehren ergraute Ex-Stabschef nach.
»Falls Sie den Einsatz militärischer Mittel meinen, George«, kam Verteidigungsminister Forrestal seinem Oberbefehlshaber zuvor, »es wurde vor Kurzem eine Staffel B-29 vom Typ Superfortress nach England verlegt.«
»Atomar bestückt«, ergänzte der Präsident und nahm auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. »Wenn alles glattgeht, müsste sie in diesen Minuten dort ankommen.«
Im Oval Office kehrte Schweigen ein, und die Kabinettsmitglieder, die sich auf den Sesseln im Arbeitszimmer des Präsidenten niedergelassen hatten, wichen Trumans Blick aus.
Mit 45 einer der Jüngeren, war es der Postminister, der das Schweigen brach. »Meiner Ansicht nach genügt das vollauf«, stellte er kategorisch fest. »Wenn Sie mich fragen, Mr. President, sollten wir in Bezug auf Berlin jeglichem Ärger aus dem Wege gehen.«
»Was heißt hier Ärger?«, begehrte Marshall auf. Der Außenminister, Organisator des nach ihm benannten Hilfsprogramms, konnte sein Temperament kaum zügeln. »Schließlich waren es doch wohl die Russen, denen wir die Sperrung der Zufahrtswege zu verdanken haben.«
»Vor oder nach Einführung der D-Mark in Berlin?«, fragte der Finanzminister spitz.
»Eine Frage von untergeordneter Bedeutung, finden Sie nicht?«, fuhr Marshall seinen Nebenmann an, nicht willens, den Seitenhieb auf sich sitzen zu lassen. »Gesetzt den Fall, Sie würden etwas von militärischen Belangen verstehen, kämen Sie vermutlich zur gleichen Schlussfolgerung wie ich. Kurz gesagt: Die Russen verstehen nur eine Sprache, und zwar die der Gewalt. Wenn wir die Hände in den Schoß legen, wird es unweigerlich zum nächsten Zwischenfall kommen. Darauf können Sie Gift nehmen, John.«
»Lieber nicht, George. Sonst würden die Militärs das ganze Geld verplempern. Muss ich extra betonen, dass wir uns keine militärischen Abenteuer mehr leisten können?«
»Leuten wie Ihnen, die immer nur ans Geld denken, sollte man eigentlich den Mund verbieten«, schäumte Marshall, der am Sieg über Hitler entscheidenden Anteil gehabt hatte.
Das war auch der Grund, weshalb Trumans Rüge relativ moderat ausfiel. »Ich muss doch sehr bitten, Gentlemen«, fiel er den beiden Streithähnen ins Wort. »Wenn wir übereinander herfallen, ist niemandem damit gedient.«
»Uneinigkeit wäre ja wohl das Letzte, was wir in der gegenwärtigen Situation brauchen können«, haute Forrestal in die gleiche Kerbe und lenkte das Gespräch auf seinen Gegenstand zurück. »Zumal vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen mit Stalin zu befürchten ist, dass es die Russen wohl kaum bei diesem Nadelstich belassen werden.«
»Und was, wenn es ein Unfall war?«, wandte der Postminister kleinlaut ein. »Wäre ja wohl nicht die erste Skymaster, die in Tempelhof eine Bruchlandung hingelegt hat.«
»Tut mir leid, Sie korrigieren zu müssen«, trumpfte Marshall hochnäsig auf. »Wenn ich Jim vorhin richtig verstanden habe, liegen Beweise vor, dass die Maschine vom Boden aus beschossen worden ist. Stimmt’s, oder hab ich recht?«
»Stimmt«, antwortete Forrestal, den Blick auf Truman geheftet, der sich bislang herausgehalten hatte. »Woraus folgt, dass wir uns auf eine Strategie einigen sollten. Getreu der Devise: Gib dem Russen einen Finger, beißt er dir die ganze Hand ab. Oder liege ich da falsch, Mr. President?«
»Keineswegs, Jim. Zumindest, was Ihre Einschätzung der Russen betrifft.«
»Will heißen – noch einen Mucks, und wir bomben sie in die Steinzeit …«
»Ihre Schlussfolgerung, George«, antwortete Truman gedehnt und sah Marshall über den Rand seiner Brille hinweg an. »Nicht meine.«
»Darf man fragen, welche Optionen uns Ihrer Meinung nach offen stehen?«
»Jede Menge.«
»Bei allem schuldigen Respekt, Sir: Ich wüsste nicht, welche.«
Rein äußerlich die Ruhe selbst, schlug Truman die Beine übereinander und sah die Mitglieder seines Kabinetts der Reihe nach an. »Eins gilt es zu bedenken, Gentlemen – falls wir Nuklearwaffen einsetzen, sollten wir gute Gründe dafür haben. Gute Gründe und absolut wasserdichte Fakten. Mir nichts, dir nichts den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, kommt für mich nicht infrage.«
Truman hatte den Satz noch nicht vollendet, als das Telefon schrillte.
»Truman hier.«
Im Verlauf des nun folgenden Gesprächs wurde Truman immer blasser, und solange die Kabinettsmitglieder zurückdenken konnten, hatten sie ihn noch nie so betroffen erlebt. »Das darf doch nicht wahr sein!«, warf er nach einer Weile ein, mit dem Ergebnis, dass seine Minister fragende Blicke austauschten. Dass es schlechte Nachrichten waren, mit denen der Präsident konfrontiert wurde, konnte sich jeder denken, und als Truman auflegte, hatte die Spannung ihren Siedepunkt erreicht. »Das war Clay«, rückte Truman nach längerem Schweigen heraus, wobei er sowohl Marshalls als auch Forrestals Blick sorgsam mied. »Sieht ganz danach aus, als ob die Russen tatsächlich hinter dem Flugzeugabsturz stecken.«
»Und wie kommt er darauf, Sir?«
»Ganz einfach, George«, antwortete der Präsident, dem die Genugtuung in der Stimme des Außenministers nicht entgangen war, »bei dem Geschütz, mit dem die Skymaster vom Himmel geholt worden ist, scheint es sich um eine russische Flugabwehrkanone vom Typ 2M-3 zu handeln. Das Neueste vom Neuen sozusagen. Fundort: unmittelbar unter der Einflugschneise.« Truman setzte seine Brille ab und starrte ins Leere. »Aber das ist längst noch nicht alles«, fügte er zerknirscht hinzu.
»Noch nicht alles?«, echote Forrestal, der ahnte, worauf das Gespräch hinauslaufen würde. Und weiter: »Soll das etwa heißen, es hat einen neuerlichen Anschlag gegeben?«
Truman nickte.
»In welcher Form, Sir?«
»Zur Abwechslung einmal in Form einer Bombe, Jim«, versetzte Truman mit grimmigem Humor.
»Einer Bombe?«, riefen mehrere Anwesende gleichzeitig aus.
»Ganz recht, Gentlemen«, bekräftige Truman mit Blick auf ein Porträt von Washington, das über dem Kamin am anderen Ende des Oval Office hing. »Clays Bericht zufolge hat es drei Tote gegeben – zwei Wachsoldaten und einen Zivilisten, der gerade dabei war, das Hauptquartier zu verlassen.«
»Und die Bombe?«
»Fernzündung«, antwortete Truman mit belegter Stimme. »Im Klartext: Um wen es sich bei den Tätern auch immer gehandelt haben mag, sie haben einen russischen Moskwitsch 400 in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs abgestellt, das Weite gesucht und die circa 20 Kilogramm Sprengstoff, die zuvor in der Limousine deponiert worden waren, per Fernzündung zur Explosion gebracht.«
»Verzeihung, wenn ich Ihnen ins Wort falle, Sir«, ließ der Außenminister nicht locker, »aber wenn ich Sie richtig verstehe, kann es in Bezug auf die Täter doch wohl kaum noch Zweifel geben.«
»Eine Flugabwehrkanone, die einfach stehen gelassen, ein Moskwitsch, von dem aus eine Bombe gezündet wird – tut mir leid, Gentlemen, aber meiner Ansicht nach stinkt die Sache zum Himmel.«