Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
2003 wurde er verhaftet. 2005 wurde er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, 2011 zu weiteren dreizehn Jahren (unter Anrechnung der bereits verbüßten). Sein Unternehmen JUKOS meldete in juristisch zweifelhafter Weise Ende 2006 Bankrott an, und seine Aktiva gingen faktisch kostenlos an Rosneft. Chodorkowski soll angeblich im August 2014 entlassen werden, aber sicher ist das nicht.
Chodorkowski muss unter unmenschlichen Bedingungen ausharren, die ein heutiger Europäer nicht überleben würde. 2003 bis 2005 und 2009 bis 2011 saß Chodorkowski in Moskau im Untersuchungsgefängnis Matrosskaja tischina, 2005 bis 2009 in Krasnokamensk, einer mikroskopisch kleinen und halb zerstörten Stadt 9 000 Kilometer von Moskau entfernt, fast an der Grenze zu China. Mittlerweile sitzt er in Karelien, unweit der finnischen Grenze, in der Siedlung Segescha. Zusammen mit MBCh hatte außerdem ein Dutzend Manager von JUKOS zu leiden, vor allem natürlich Platon Lebedew, der wichtigste Finanzexperte der einst größten Erdölfirma Russlands. Lebedew wurde ebenfalls zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. Den gesamten unerträglichen Weg durch die Gefängnisse ist er zusammen mit Chodorkowski gegangen.
Im Jahr 2013 hatten wir zwei Jubiläen: der fünfzigste Geburtstag von Michail Chodorkowski (im Juni) und der zehnte Jahrestag seiner Verhaftung (im Oktober) sowie des Falls JUKOS überhaupt. Deswegen ist es heute sinnvoll, auf diese zehn Jahre zurückzublicken und genauer zu fragen: Was war da eigentlich los? Wie kam es zum Fall JUKOS, und welchen Gesetzmäßigkeiten unterlag (und unterliegt) er?
Einige Beobachter der Affäre sind durchaus geneigt, den Autor dieser Zeilen zu den Initiatoren der Hetze gegen Chodorkowski & Co. zu zählen, wobei sie sich auf einen Bericht des Rats für Nationale Strategien mit dem Titel »Der Staat und die Oligarchie« berufen, der im Mai 2003 veröffentlicht wurde. Der Rat für Nationale Strategien ist eine gesellschaftliche Organisation, die vom Autor dieser Zeilen zusammen mit neunzehn weiteren russischen Politologen 2002 gegründet wurde. Der Bericht »Der Staat und die Oligarchie« beschreibt das System der Beziehungen zwischen der föderalen Macht und dem Großkapital. Unter anderem ist darin die Rede von den Plänen zu einer Transformation Russlands in eine parlamentarische Republik und einer Verminderung der Präsidialmacht, zu der MBCh oder zumindest seine nähere Umgebung im Verhältnis standen. (Davon bin ich auch heute, nach zehn Jahren, überzeugt.)
Platon Lebedew wurde am 2. Juli, Michail Chodorkowski am 25. Oktober 2003 festgenommen. Das war kurz nach der Veröffentlichung des besagten Berichts, weswegen einige bis heute nicht müde werden zu behaupten, »Belkowski hat Chodorkowski hinter Gitter gebracht«. Ich betone: Diese Auffassung ist völlig falsch und wurzelt vor allem darin, dass der Bericht seinerzeit viel Lärm auslöste und verurteilt wurde, obwohl nur wenige ihn gelesen haben. Das heutige Russland kann keine langen Texte ertragen.
Dennoch: Wer, wenn nicht ich, kann eine retrospektive Analyse dessen leisten, was mit Chodorkowski und seinem Umfeld in diesen zehn Jahren geschah? Ich werde versuchen, einige häufige Fragen aufzugreifen und meine Antworten darauf zu geben.
War Chodorkowskis Verfolgung politischer Natur? Hatte MBCh deswegen zu leiden, weil er die russischen oppositionellen Parteien finanziell unterstützte, wie einige Beobachter behaupten?
Ja und nein.
Argumentiert man mit den Begrifflichkeiten der offiziellen Politik (Parlamentswahlen, Finanzierung der Opposition und so weiter), dann handelt es sich um eine unpolitische Angelegenheit. MBCh half der linksliberalen Opposition in der Partei Jabloko in Abstimmung mit dem Kreml und der rechtsliberalen Union der rechten Kräfte (SPS) sowie den Kommunisten geradezu auf Initiative des Kremls.
Dabei verkündete Chodorkowski am 18. April 2003 in einer offiziellen Erklärung, die über die Kanäle der Nachrichtenagenturen verbreitet wurde, dass er als Bürger der Russischen Föderation beabsichtige, die »Partei der Macht«, also »Einiges Russland«, zu unterstützen. Damit war gemeint, dass die Opposition (auch wenn sie innerhalb des Systems agiert und sich loyal verhält) ein nicht obligatorisches Dessert darstellt, während man das Hauptgericht, die politische Stütze des Kremls, nicht zurückweist.
Der Kreml brauchte damals diese alternative Finanzierung der rechtsliberalen SPS, um den monopolistischen Einfluss von Anatoli Tschubais auf die von ihm gegründete Partei zu unterlaufen. Und was die KP der Russischen Föderation anbelangt, so hatte die föderale Macht von Ende 2002 bis Anfang 2003 zwei ungerechtfertigte Befürchtungen gegenüber den Kommunisten.
Erstens gab es die Sorge, die Kommunisten könnten bei den Wahlen zu viele Stimmen erhalten, zum Beispiel 30 Prozent oder mehr, was der KP unerwünschte Chancen gegeben hätte, mit dem Kreml um Regierungsposten zu feilschen. Aus diesem Grund entstanden in den Köpfen der machtnahen Denker verschiedene monströse Denkgebäude wie »Putin muss die KP anführen« – im April 2003 veröffentlichte der bekannte kremlnahe Intellektuelle Witali Tretjakow einen programmatischen Artikel dieses Inhalts in der Rosskijskaja gaseta.
Die zweite Befürchtung lag darin, die Kommunisten könnten Gelder von dem in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski erhalten. Verhandlungen dieser Art gab es tatsächlich seit Herbst 2002. Später behaupteten die Vertragspartner, ihnen sei das verfluchte Geld von Beresowski egal gewesen, sie wollten nur den Kreml provozieren, damit der ihnen schnellstens einen »genehmigten« Sponsor schickt.
Um beide Befürchtungen zu entkräften, musste die Kontrolle über die KP hinsichtlich Organisation und Finanzen verstärkt werden. Und genau darum bat man nun MBCh, der seine Vertreter in das Lager der Kommunisten geschickt hatte und auf ihre Kandidatenliste vorgedrungen war: mit dem ehemaligen JUKOS-Präsidenten Sergei Murawlenko und dem Veteran der politischen Fahndung Alexei Kondaurow. Offiziell nannte man das: »Sie beteiligen sich aus eigener Initiative am Kommunismus und tragen die Kosten selbst.«
Von dieser Zeit an begann Alexander Prochanow, der Chefredakteuer der linksnationalen Zeitung Zavtra, Objekte von JUKOS aufzusuchen und wortreiche Artikel im Geiste von »nicht blut-, sondern ölbefleckt« zu schreiben. Es war also ursprünglich nicht nur Woloschin, sondern auch Wladimir Putin, der die Finanzierung der Kommunisten legalisierte. Andererseits zog Putin im Herbst 2003 seine Zustimmung zurück, was wiederum nicht der Grund, sondern nur der Anlass der verstärkten Attacken auf MBCh und sein Geschäftsimperium war.
Wenn man jedoch das schicksalhafte Jahr 2003 durch die Lupe des politischen Apparates betrachtet, ist der Fall Chodorkowski ein klar politischer, denn er steht in direkter Verbindung mit den Spielen der politischen Hinterzimmer – einem Schlüsselelement der russischen Politik damals und heute.
Zu Beginn des Jahres 2003 wurde denen, die Putin auf den Thron gebracht hatten (Alexander Woloschin, die Familie Boris Jelzins und andere), klar, dass einige »Tschekisten aus Petersburg«, die der zweite Präsident aus seinem Verschlag hervorgeholt hatte, gefährlich an Stärke gewannen. Anfangs hatte man diese Leute nicht sonderlich ernst genommen. An der Macht befand sich de facto ein reines »Familienkommando«. Putin spielte eher eine repräsentative Rolle und war der »mongolische Kosmonaut«, dem man eingeschärft hatte, ja nicht auf die falschen Knöpfe zu drücken, damit kein Alarm ausgelöst werde.