Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Kutusow hörte sich die Sache an, schnalzte mit den Lippen und wiegte den Kopf hin und her.
»In den Ofen … ins Feuer damit! Und ein für allemal sage ich dir, mein Lieber«, fuhr er fort, »alle solche Sachen kommen ins Feuer. Laßt doch die Soldaten das Getreide schneiden und das Holz verbrennen, wenn’s ihnen nur gut geht. Ich habe das weder befohlen noch erlaubt, aber bestrafen kann ich keinen dafür. Ohne dies geht es nun einmal nicht. Wo man Holz hackt, da fallen Späne.« Er warf noch einen Blick auf das Papier. »Oh, diese verdammte deutsche Gewissenhaftigkeit!« brummte er und schüttelte den Kopf.
16
»So, das wäre alles«, sagte Kutusow, nachdem er das letzte Schriftstück unterzeichnet hatte, und stand schwerfällig auf. Er reckte die Falten seines weißen, dicken Halses glatt und schritt mit heiter werdendem Gesicht auf die Tür zu.
Die Popenfrau bekam einen roten Kopf und griff nach ihrer Schüssel, die sie, obgleich alles schon so lange vorbereitet war, nun beinahe doch nicht rechtzeitig übergeben hätte. Mit einer tiefen Verbeugung reichte sie sie Kutusow hin.
Der Oberkommandierende kniff die Augen zusammen, lächelte, faßte die Popenfrau unter das Kinn und sagte: »Was für ein schönes Kind! Ich danke dir, mein Täubchen!«
Er zog aus der Hosentasche ein paar Goldstücke und legte sie ihr auf die Schüssel.
»Nun, wie lebst du denn hier so?« fragte Kutusow, indem er sich in das für ihn hergerichtete Zimmer begab.
Die Popenfrau lachte, daß man die Grübchen in ihrem frischen Gesicht sah, und trat hinter ihm in die Stube.
Ein Adjutant kam zum Fürsten Andrej auf die Freitreppe hinaus und lud ihn zum Frühstück ein. Nach einer halben Stunde wurde Bolkonskij wieder zu Kutusow hineingerufen.
Kutusow lag in demselben aufgeknöpften Uniformrock auf einem Lehnstuhl. Er hielt ein französisches Buch in der Hand, legte aber beim Eintritt des Fürsten Andrej ein Falzbein hinein und klappte es zu. Es waren »Die Schwanenritter«[161] von Madame de Genlis, wie Fürst Andrej auf dem Umschlag las.
»Na, setz dich, setz dich hierher, wir wollen uns unterhalten«, sagte Kutusow. »Eine traurige Nachricht, sehr traurig. Aber vergiß nicht, mein Freund, daß ich dir ein Vater bin, ein zweiter Vater …«
Fürst Andrej erzählte Kutusow alles, was er vom Tod seines Vaters wußte, und erzählte auch von dem, was er in Lysyja-Gory gesehen hatte, als er dort vorbeigeritten war.
»So weit … so weit haben sie es nun gebracht!« brummte plötzlich Kutusow mit erregter Stimme vor sich hin, offenbar hatte ihm die Erzählung des Fürsten Andrej die Lage, in der sich ganz Rußland befand, klar vor Augen geführt.
»Aber wartet nur, wartet nur noch ein Weilchen!« fügte er mit grimmigem Gesichtsausdruck hinzu und sagte, da er offenbar dies aufregende Gespräch nicht fortsetzen wollte: »Ich habe dich hier hergerufen, um dich bei mir zu behalten.«
»Ich danke Euer Durchlaucht«, erwiderte Fürst Andrej, »aber ich fürchte, ich tauge nicht mehr für den Stab«, sagte er mit einem Lächeln, das Kutusow nicht entging. Kutusow sah ihn fragend an.
»Vor allem«, fuhr Fürst Andrej fort, »habe ich mich an das Regiment gewöhnt, die Offiziere liebgewonnen, und die Mannschaften haben mich, glaube ich, auch ganz gern. Es würde mir leid tun, von diesem Regiment fortzugehen. Wenn ich der Ehre, bei Ihnen zu bleiben, entsage, so können Sie versichert …«
Ein gutmütiger, kluger und zugleich leicht spöttischer Ausdruck leuchtete in Kutusows feistem Gesicht auf. Er unterbrach Bolkonskij.
»Das tut mir leid, du wirst mir fehlen. Aber du hast recht, hast ganz recht. Es ist nicht hier, wo wir Männer brauchen. Ratgeber haben wir genug, aber Männer keine. Wir hätten andre Regimenter, wenn alle, die hier ihren Senf dazu geben, in der Front dienten wie du. Ich sehe dich noch bei Austerlitz, sehe dich noch mit der Fahne in der Hand …« sagte Kutusow zum Fürsten Andrej, dessen Gesicht bei dieser Erinnerung eine freudige Röte überflog.
Kutusow zog ihn an der Hand zu sich heran, hielt ihm seine Wange zum Kuß hin, und wieder sah Fürst Andrej Tränen in den Augen des alten Mannes. Obgleich Fürst Andrej wußte, daß Kutusow überhaupt leicht zu Tränen neigte und, aus dem Wunsch heraus, ihm Teilnahme an seinem Verlust zu zeigen, heute besonders liebenswürdig und mitfühlend gegen ihn war, so freute er sich doch über diese anerkennende Erinnerung an Austerlitz und war stolz darauf.
»Geh du mit Gott deinen eignen Weg. Ich weiß, daß dein Weg ein Weg der Ehre sein wird.« Er schwieg. »Ich habe schon in Bukarest bedauert, daß du nicht dort warst, hätte nach dir schicken sollen.« Dann sprang Kutusow auf ein anderes Thema über und fing vom Türkischen Krieg und Friedensschluß zu reden an.
»Ja, da haben sie mir nicht wenig Vorwürfe gemacht«, fuhr Kutusow fort, »sowohl für den Krieg als auch für den Frieden. Aber es kam alles zur rechten Zeit. Tout vient à point à celui qui sait attendre. Und auch dort waren nicht weniger Ratgeber als hier …«, fügte er hinzu, wieder auf die Berater zurückkommend, die ihn offenbar beschäftigten. »Ach, diese Ratgeber, diese Ratgeber!« sagte er. »Hätte ich auf die alle gehört, so säßen wir jetzt noch in der Türkei, hätten noch keinen Frieden geschlossen und den Krieg noch nicht beendet. Alles soll immer sehr schnell gehen, aber schließlich kommt es doch so, daß das Schnelle immer am längsten dauert. Wenn Kamenskij nicht gestorben wäre, so wäre er verloren gewesen. Mit dreißigtausend Mann stürmte er Festungen. Eine Festung zu nehmen, ist nicht schwer, aber es ist schwer, einen Feldzug zu gewinnen. Zu diesem Zweck muß man weder stürmen noch attackieren, aber man braucht Geduld und Zeit. Kamenskij führte gegen Rustschuk Soldaten ins Treffen, ich dagegen nur diese beiden Kämpen: Geduld und Zeit, und habe damit mehr Festungen genommen als Kamenskij und die Türken gezwungen, Pferdefleisch zu essen.« Er wiegte den Kopf hin und her. »Und die Franzosen, traut meinem Wort«, fuhr er erregt fort und schlug sich vor die Brust, »werde ich auch noch so weit bringen, daß sie Pferdefleisch essen!« Und wieder traten ihm Tränen in die Augen.
»Aber wir werden doch wohl eine Schlacht annehmen müssen?« fragte Fürst Andrej.
»Man wird wohl müssen; wenn es alle wollen, wird nichts zu machen sein … Aber glaube mir, mein Lieber, es gibt keine stärkeren Kämpen als diese beiden: Geduld und Zeit; die schaffen alles. Die Ratgeber aber n’entendent pas de cette oreille, voilà le mal. Die einen wollen, die andern wollen wieder nicht. Was soll man also tun?« fragte er, sichtlich auf Antwort wartend. »Ja, was würdest du da befehlen?« wiederholte er, und aus seinem Auge leuchtete ein tiefer, kluger Blick.
»Ich werde dir sagen, was man tun muß«, fuhr er fort, da Fürst Andrej keine Antwort gab. »Ich werde dir sagen, was man tun muß und was ich tun werde. Dans le doute, mon cher« – er hielt inne – »abstiens-toi«, vollendete er dann nach dieser kleinen Pause. »Und nun lebe wohl, lieber Freund, denke daran, daß ich deinen Verlust von ganzem Herzen mit dir trage und für dich nicht der Durchlauchtigste, nicht Fürst und nicht Oberkommandierender bin, sondern ein Vater. Wenn du etwas brauchst, wende dich direkt an mich. Leb wohl, Lieber!«
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»Die Schwanenritter«: von Madame de Genlis, vgl. Anm. 29.