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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Und mit solch tüchtigen Kerlen geht man nun immer rückwärts und rückwärts!« sagte er. »Nun, auf Wiedersehen, General«, fügte er hinzu und lenkte sein Pferd, an Fürst Andrej und Denissow vorüber, in den Torweg.

»Hurra! Hurra! Hurra!« rief man ihm nach. Kutusow war in der Zeit, da ihn Fürst Andrej nicht gesehen hatte, noch dicker und aufgedunsener geworden und hatte noch mehr Fett angesetzt. Aber das dem Fürsten Andrej so wohlbekannte weiße Auge, die Narbe und der Ausdruck von Müdigkeit in seiner ganzen Gestalt waren unverändert. Er trug Uniformrock und weiße Gardereitermütze, eine Peitsche an dünnem Riemen hing ihm über die Schulter. Schwer, breit und schwankend saß er auf seinem munteren Pferdchen. »Fju … fju … fju …« pfiff er kaum hörbar, als er in den Hof einritt. Auf seinem Gesicht prägte sich jene Freude auf Ruhe aus, die ein Mensch empfindet, wenn er seinen Repräsentationspflichten nachgekommen ist und nun die Absicht hat, sich auszuruhen. Er zog den linken Fuß aus dem Steigbügel, hob, den ganzen Körper zusammenkrümmend und vor Anstrengung die Stirn runzelnd, das linke Bein mühselig bis zum Sattel, stützte sich mit dem Knie auf und ließ sich ächzend in die Arme der Kosaken und Adjutanten, die ihn auffingen, niederfallen.

Dann richtete er sich auf, sah sich mit zusammengekniffenen Augen um, blickte den Fürsten Andrej an, offenbar ohne ihn zu erkennen, und schritt mit seinem schwankenden Gang der Freitreppe zu. »Fju … fju … fju …« pfiff er wieder vor sich hin und blickte den Fürsten Andrej noch einmal an. Doch wie das bei alten Leuten oft der Fall zu sein pflegt, verknüpfte sich erst nach einigen Augenblicken der Eindruck, den das Gesicht des Fürsten auf ihn machte, mit der Erinnerung an dessen Persönlichkeit.

»Ah, willkommen, Fürst! Willkommen, mein Lieber! Kommen Sie …«, sagte er müde, sah sich nach ihm um und ging mit seinem schweren Schritt die Treppe hinauf, die unter seiner Last ächzte.

Dann knöpfte er sich den Rock auf und setzte sich auf ein Bänkchen, das auf dem Treppenabsatz stand.

»Na, was macht der Vater?«

»Gestern habe ich die Nachricht von seinem Tod erhalten«, erwiderte Fürst Andrej kurz.

Kutusow sah Bolkonskij mit weitgeöffneten, erschrockenen Augen an, dann nahm er die Mütze ab und bekreuzigte sich: »Er ruhe in Frieden! Gottes Wille sei über uns allen!« Er seufzte schwer und aus tiefster Brust und schwieg dann still. »Ich habe ihn aufrichtig geliebt und geachtet und fühle von ganzer Seele mit dir.«

Er umarmte den Fürsten Andrej, drückte ihn an seine fette Brust und ließ ihn lang nicht von sich. Als er ihn dann wieder losließ, bemerkte Bolkonskij, daß seine wulstigen Lippen zitterten und Tränen in seinen Augen standen. Er seufzte und stemmte sich mit beiden Armen auf die Bank, um aufzustehen.

»Komm, komm mit zu mir herein, da können wir miteinander reden«, sagte er.

Indessen war Denissow, der Vorgesetzten gegenüber ebensoviel Mut zeigte wie vor dem Feind, obgleich ihn die Adjutanten mit ärgerlichem Flüstern an der Freitreppe aufzuhalten versucht hatten, kühn und mit den Sporen gegen die Stufen schlagend, die Treppe hinaufgestiegen. Kutusow, die Arme immer noch auf die Bank gestützt, sah ihn unzufrieden an. Denissow nannte seinen Namen und erklärte, er habe Seiner Durchlaucht eine Sache mitzuteilen, die für das Wohl des Vaterlandes von großer Wichtigkeit sei. Kutusow warf einen müden Blick auf Denissow, zog mit ärgerlicher Gebärde die Hände wieder zurück, faltete sie über dem Bauch und sagte: »Für das Wohl des Vaterlandes? Nun, was denn, sprich!«

Denissow wurde rot wie ein Mädchen – dieses Erröten war auf dem alten, bärtigen Trinkergesicht eigentümlich anzusehen – und fing kühn an, seinen Plan über einen Durchbruch der feindlichen Operationslinie zwischen Smolensk und Wjasma auseinanderzusetzen. Denissow hatte selber in dieser Gegend gelebt und kannte das Gelände sehr gut. Der Plan schien zweifellos gut, besonders durch die Kraft der Überzeugung, die in Denissows Worten lag.

Kutusow sah schweigend auf seine Füße nieder und warf nur ab und zu einen Blick auf den Hof des Nachbarhauses, als erwarte er von dorther irgend etwas Unangenehmes. Und wirklich trat aus jenem Haus, wohin er sah, während Denissow sprach, ein General mit einer Aktenmappe unter dem Arm.

»Was?« rief Kutusow mitten durch Denissows Darlegungen hindurch. »Schon fertig?«

»Gewiß, Durchlaucht!« erwiderte der General.

Kutusow schüttelte den Kopf, als wolle er sagen: Wie kann das nur ein einziger Mensch alles fertig bringen! und fuhr dann fort, Denissow zuzuhören.

»Ich gebe mein heiliges Ehrenwort als russischer Offizier«, sagte Denissow, »daß ich Napoleons Verbindungen durchbrechen werde.«

»Bist du mit dem Oberintendanten Kirill Andrejewitsch Denissow verwandt?« unterbrach ihn Kutusow.

»Das ist ein Onkel von mir, Durchlaucht.«

»Oh! Wir waren gute Freunde«, sagte Kutusow heiter. »Schön, schön, mein Lieber; bleibe hier beim Stab. Morgen sprechen wir noch einmal darüber.«

Er nickte Denissow zu, wandte sich dann ab und streckte die Hand nach den Papieren aus, die ihm Konownizyn brachte.

»Wollen Euer Durchlaucht nicht ins Zimmer eintreten«, sagte der General vom Dienst mit unzufriedener Stimme. »Es sind unbedingt ein paar Pläne anzusehen und einige Papiere zu unterschreiben.«

Ein Adjutant trat aus der Tür und meldete, daß im Quartier alles bereit sei. Aber Kutusow wollte sichtlich erst alles erledigt haben, ehe er sich ins Zimmer zurückzog, und runzelte die Stirn.

»Nein, laß ein Tischchen hierher bringen, mein Lieber, ich werde es hier durchsehen«, entgegnete er.

»Bleib du hier«, fügte er zum Fürsten Andrej gewandt hinzu.

Fürst Andrej blieb auf der Freitreppe und hörte zu, was der General vom Dienst meldete.

Während seines Berichtes hörte Fürst Andrej hinter der Haustür das Flüstern von Frauenstimmen und das Knistern seidener Kleider. Nachdem er ein paarmal nach dieser Richtung hingesehen hatte, bemerkte er hinter der Tür eine volle, hübsche Frau in rosafarbenem Kleid und mit einem lilaseidenen Tuch um den Kopf, die eine Schüssel in der Hand hielt und offenbar auf das Eintreten des Oberkommandierenden wartete. Ein Adjutant erklärte dem Fürsten Andrej flüsternd, dies sei die Frau des Hauses, die Gattin des Popen, die Seiner Durchlaucht Salz und Brot entgegenbringen wolle. Ihr Gatte habe Seine Durchlaucht in der Kirche mit dem Kreuz empfangen, und sie erweise ihm nun die Ehre im Hause.

»Eine hübsche Person«, fügte der Adjutant lächelnd hinzu.

Bei diesen Worten drehte sich Kutusow um. Er hörte dem Vortrag des diensttuenden Generals, dessen Hauptinhalt eine Kritik der Stellung bei Zarewo-Saimischtsche war, ebenso zu, wie er soeben Denissow oder vor sieben Jahren das Wortgefecht im Kriegsrat von Austerlitz angehört hatte, hörte offenbar nur aus dem Grund zu, weil er Ohren hatte, die, obwohl in dem einen ein halbes Schiffstau steckte, eben hören mußten. Aber es war klar, daß nichts von allem, was ihm der General vom Dienst auch sagen mochte, Verwunderung oder Interesse in ihm wachrief, ja, daß er im voraus schon ganz genau wußte, was man ihm sagen würde, und das alles nur deshalb anhörte, weil er eben zuhören mußte, so wie man in der Kirche den Betgesang anhören muß. Alles, was Denissow gesagt hatte, war sachlich und klug gewesen. Der Bericht des Generals vom Dienst war noch sachlicher und noch klüger, aber es trat klar zutage, daß Kutusow sowohl Kenntnisse wie auch Geist geringschätzte und etwas anderes für das Entscheidende in der ganzen Sache hielt, etwas anderes, das von Kenntnissen und Geist unabhängig war.

Fürst Andrej beobachtete aufmerksam den Gesichtsausdruck des Oberkommandierenden, und das einzige, was er in ihm feststellen konnte, war Langweile, Neugier, was das Flüstern der Frauenstimmen hinter der Tür wohl zu bedeuten habe, und der Wunsch, den Anstand zu wahren. Es trat klar zutage, daß Kutusow Geist, Kenntnisse und sogar das patriotische Gefühl, das Denissow gezeigt hatte, geringschätzte, aber nicht etwa infolge eignen Verstandes, eignen Gefühles und eigner Kenntnisse, da er sich ja nie bemühte, diese zu zeigen, sondern aus einem ganz anderen Grund. Diese seine Geringschätzung entsprang seinem Alter, seiner Lebenserfahrung. Die einzige Verfügung, die Kutusow während des Berichtes erließ, bezog sich auf das Marodieren der russischen Truppen. Am Schluß seines Vortrags unterbreitete der General vom Dienst Kutusow noch ein Papier zur Unterschrift, demzufolge auf die Klage eines Gutsbesitzers hin mehrere Kommandeure wegen Abmähens von Grünhafer zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

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