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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Es ist so befohlen worden, damit Ordnung bleiben soll. Keiner darf sein Haus verlassen. Nicht ein Pulverkörnchen soll fortgeschafft werden. Alles soll hier bleiben!« rief ein anderer.

»Dein Sohn wäre an der Reihe gewesen«, fiel plötzlich ein kleiner Alter ebenfalls über Dron her, »aber dir ist wahrscheinlich dein vollgefressener Junge für die Soldaten zu schade gewesen, und da hast du meinem Wanka den Kopf scheren lassen. Aber es gibt eine Vergeltung nach dem Tode!«

»Ja, ja, eine Vergeltung nach dem Tode!«

»Ich bin kein Verräter an der Gemeinde gewesen«, warf Dron ein.

»Ja, natürlich, kein Verräter, aber einen Bauch hast du dir dabei angefressen! …«

Und die beiden Langen, die Betrunkenen, gaben ebenfalls ihren Senf dazu.

Als Rostow, von Iljin, Lawruschka und Alpatytsch begleitet, bei der Menge anlangte, trat Karp, den Finger in den Gürtel gesteckt, mit leisem Lächeln vor. Dron dagegen verkroch sich in den hinteren Reihen. Die Menge rückte enger zusammen.

»He! Wer ist denn hier der Dorfschulze?« schrie Rostow und trat mit raschen Schritten auf die Menge zu.

»Der Dorfschulze? Was wollen Sie …?« fragte Karp zurück.

Aber er hatte noch nicht Zeit gehabt auszureden, als ihm die Mütze herunterflog, und sein Kopf infolge eines schweren Schlages zur Seite taumelte.

»Die Mützen herunter, ihr Verräter!« schrie Rostows rassige Stimme. »Wo ist der Dorfschulze?« brüllte er wütend noch einmal.

»Den Dorfschulzen, den Dorfschulzen verlangt er … Dron Sacharytsch, Sie …«, hörte man hier und dort hastig fügsame Stimmen flüstern, und die Mützen wurden abgenommen.

»Wir können uns gar nicht auflehnen, wir müssen auf Ordnung halten«, murmelte Karp, und ein paar andere Stimmen im Hintergrund fielen zu gleicher Zeit ein: »Wie die Alten beschlossen haben … Ihr könnt uns mit eurer Obrigkeit viel …«

»Aufrührerische Reden wollt ihr führen? … Euch auflehnen? … Ihr Räuber! Ihr Verräter!« schrie Rostow wie ein Unsinniger mit einer Stimme, die nicht seine eigne war, und packte Karp am Kragen. »Bindet ihn! Bindet ihn!« brüllte er, obgleich niemand da war, der ihn hätte binden können, außer Lawruschka und Alpatytsch.

Dennoch lief Lawruschka auf Karp zu und packte ihn von hinten an den Armen. »Soll ich unsere Leute hinterm Berg herbeirufen?« schrie er.

Alpatytsch wandte sich an die Bauern und rief zwei mit Namen auf, die Karp binden sollten. Die Bauern traten gehorsam aus der Menge heraus und nahmen ihre Leibgurte ab.

»Wo ist der Dorfschulze?« schrie Rostow.

Mit finsterem, bleichem Gesicht trat Dron aus der Menge.

»Bist du der Dorfschulze? Binden, Lawruschka!« schrie Rostow, als könne auch dieser Befehl auf keinen Widerstand stoßen.

Und wirklich fingen noch zwei andere Bauern an, Dron zu binden, der, wie um ihnen zu helfen, seinen Gurt abnahm und ihn den beiden reichte.

»Und ihr anderen alle paßt mal auf!« Rostow wandte sich an die Bauern: »Jetzt geht’s marsch nach Hause, daß ich nichts mehr von euch höre noch sehe!«

»Was denn, wir haben doch gar nichts Unrechtes getan … Das war doch nur aus Dummheit … Damit haben wir nur Blödsinn angerichtet … Ich habe doch gleich gesagt, daß das wider die Ordnung ist …«, hörte man Stimmen, wobei einer dem andern Vorwürfe machte.

»Das habe ich euch doch gleich gesagt«, rief Alpatytsch, der nun wieder in seine Rechte eintrat. »Das war nicht schön, Kinder!«

»Eine Dummheit war’s von uns, Jakow Alpatytsch«, erwiderten ein paar Stimmen, und die Menge ging sogleich auseinander und zerstreute sich im Dorf.

Die zwei gebundenen Bauern wurden auf den Gutshof geführt. Die beiden Betrunkenen torkelten hinterher.

»Ei, schau, schau, wie dir’s ergangen ist!« sagte der eine zu Karp.

»Darf man denn so mit der Herrschaft reden? Was denkst du dir denn! Ein Schafskopf bist du«, bestätigte der andere. »Wirklich, ein Schafskopf!«

Zwei Stunden später standen die Fuhren auf dem Hof vor dem Herrenhause von Bogutscharowo. Die Bauern trugen lebhaft die Sachen der Herrschaft heraus und luden sie auf den Wagen, und Dron, der auf Prinzessin Marjas Bitte aus dem dunklen Loch, in das man ihn eingesperrt hatte, wieder herausgelassen worden war, stand auf dem Hof und stellte die Bauern an.

»Lade sie nicht so schlecht auf«, sagte einer der Bauern, ein langer Mensch mit einem runden, lächelnden Gesicht, zu einem andern, der aus den Händen eines Stubenmädchens eine Schatulle entgegengenommen hatte. »Die hat doch auch Geld gekostet. Wenn du sie so hineinwirfst und unter den Strick schiebst, wird sie sich abschaben. So etwas mag ich nicht leiden. Es muß immer ehrlich und rechtmäßig zugehen. Siehst du, so unter die Matte und nun noch Heu drauf, so geht es fein.«

»So viele Bücher, so viele Bücher«, staunte ein anderer Bauer, der die Bibliotheksschränke des Fürsten Andrej mit herausschleppte. »Stoßt nicht an! Aber schwer sind die, Kinder! Das sind mal alte gesunde Bücher!«

»Ja, wer die geschrieben hat, wird keine Zeit gehabt haben, alle Tage in die Schenke zu laufen«, meinte der Lange mit dem runden Gesicht und zeigte, bedeutsam blinzelnd, auf die Wörterbücher, die obenauf lagen.

Rostow, der seine Bekanntschaft der Prinzessin nicht aufdrängen wollte, ging nicht wieder zu ihr, sondern blieb im Dorf, um dort ihre Abreise abzuwarten. Als dann die Wagen der Prinzessin Marja vom Herrenhaus abfuhren, bestieg Rostow sein Pferd und geleitete sie etwa zwölf Werst bis auf den Weg, den unsere Truppen besetzt hatten. In der Herberge von Jankowo verabschiedete er sich ehrerbietig von ihr und erlaubte sich zum erstenmal, ihr die Hand zu küssen.

»Aber nicht doch, wie können Sie nur …«, erwiderte er errötend der Prinzessin Marja, die ihm für ihre Rettung, wie sie seine Tat nannte, ihren wärmsten Dank aussprach. »Jeder Polizeisoldat hätte dasselbe getan. Wenn wir nur gegen Bauern zu kämpfen hätten, wäre der Feind nicht so weit ins Land eingedrungen«, sagte er wie beschämt und bemüht, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ich bin nur glücklich, daß ich dadurch Gelegenheit hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen. Leben Sie wohl, Prinzessin, ich wünsche Ihnen Glück und Trost und hoffe, unter glücklicheren Umständen einmal wieder mit Ihnen zusammenzutreffen. Wenn Sie mich nicht erröten machen wollen, so danken Sie mir bitte nicht.«

Doch wenn ihm Prinzessin Marja nun auch nicht mehr mit Worten dankte, so tat sie es doch mit dem ganzen Ausdruck ihres vor Dankbarkeit und Innigkeit strahlenden Gesichtes. Sie konnte das nicht glauben, daß sie ihm nichts zu danken habe. Im Gegenteil, es stand für sie ganz zweifellos fest, daß sie, wenn er nicht gewesen wäre, entweder die Beute der Aufrührer oder der Franzosen geworden wäre. Sie wußte, daß er, nur um sie zu retten, sich selber offenkundigen, schrecklichen Gefahren ausgesetzt hatte, und deshalb war sie überzeugt, daß er ein Mensch von hochherzigem edlem Charakter war, der für ihre Lage und ihren Kummer Verständnis hatte. Immer wieder mußte sie an seine guten, ehrlichen Augen denken, und wie ihm die Tränen gekommen waren, als sie ihm, selber weinend, von ihrem Verlust erzählt hatte.

Als sich Rostow von Prinzessin Marja verabschiedet hatte und sie allein geblieben war, fühlte sie plötzlich, wie ihr die Tränen in die Augen traten, und es drängte sich ihr – nicht zum erstenmal – die sonderbare Frage auf, ob sie ihn liebe.

Auf der Weiterfahrt nach Moskau bemerkte Dunjascha, die mit Prinzessin Marja in einem Wagen fuhr, daß die Prinzessin, obgleich ihre Lage alles andere als erfreulich war, mitunter den Kopf zum Fenster hinausbog und wehmütig freudig lächelte.

Nun, was wäre dabei, wenn ich ihn wirklich liebte? dachte Prinzessin Marja.

Wenn sie sich auch über das Eingeständnis schämte, daß sie einen Mann liebe, dem es vielleicht nie in den Sinn käme, ihre Gefühle zu erwidern, so tröstete sie sich doch mit dem Gedanken, daß niemand je etwas davon erfahren werde, und daß es doch keine Sünde sei, wenn sie bis an ihr Lebensende, ohne jemandem etwas davon zu sagen, den Mann lieben werde, der ihre erste und einzige Neigung gewesen war.

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