Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ah! … Alpatytsch … Ah, Jakow Alpatytsch … Großartig! Sei nur nicht böse, um Christi willen … Großartig! Nicht?« riefen die Bauern und lachten ihm vergnügt zu.
Rostow sah die Betrunkenen an und lächelte.
»Oder vielleicht ergötzt das Euer Erlaucht?« fragte Jakow Alpatytsch mit gemessener Miene und zeigte mit der andern Hand, die er nicht vorn in den Rock gesteckt hatte, auf die beiden Alten.
»Nein, nein, das ist wenig ergötzlich«, sagte Rostow und ritt weiter. »Worum handelt es sich also?« fragte er.
»Ich erlaube mir, Euer Erlaucht zu melden, daß das rohe Volk hier seine Herrin nicht von ihrem Gut fortlassen will und damit droht, ihr die Pferde auszuspannen. Seit heute morgen steht alles gepackt da, und Ihre Durchlaucht kann nicht abfahren.«
»Das ist doch nicht möglich!« rief Rostow aus.
»Ich habe die Ehre, Ihnen die reine Wahrheit zu melden«, beteuerte Alpatytsch.
Rostow stieg vom Pferd, übergab es der Ordonnanz und ging mit Alpatytsch ins Haus, wobei er sich die Sache mit allen Einzelheiten erzählen ließ.
Tatsächlich hatten der gestrige Vorschlag der Prinzessin, den Bauern Getreide zu geben, und ihre Auseinandersetzungen mit Dron und der Volksmenge die ganze Sache so verfahren, daß Dron endgültig die Schlüssel abgegeben und sich auf die Seite der Bauern geschlagen hatte und auf Alpatytschs Ruf nicht mehr erschienen war. Und als am nächsten Morgen die Prinzessin anzuspannen befohlen hatte, um abzufahren, waren die Bauern scharenweise vor die Scheune geströmt und hatten ihr sagen lassen, daß sie die Prinzessin nicht aus dem Dorf lassen würden: es sei ein Befehl ergangen, daß niemand fortfahren solle, und sie würden ihr, wenn sie führe, die Pferde ausspannen. Alpatytsch war mehrmals zu ihnen hinausgegangen, um sie zu ermahnen, aber man hatte ihm zur Antwort gegeben, wobei Karp das große Wort geführt, während sich Dron in der Menge versteckt hatte, daß man die Prinzessin unmöglich weglassen könne, da der Befehl da sei, und daß die Prinzessin nur dableiben möge, dann wolle man ihr auf die alte Weise dienen und in allem gehorsam sein.
In dem Augenblick, als Rostow und Iljin in die Dorfstraße eingeritten waren, hatte Prinzessin Marja, obgleich Alpatytsch, die Kinderfrau und die Mädchen ihr abgeraten hatten, anzuspannen befohlen und abfahren wollen, als aber die heransprengenden Kavalleristen in Sicht gekommen waren, hatte man sie für Franzosen gehalten: die Kutscher waren ausgerissen, und die Frauen hatten im Haus ein Jammergeschrei erhoben.
»Väterchen! Beschützer! Dich hat Gott gesandt!« riefen gerührte Stimmen, als Rostow durch das Vorzimmer schritt.
Prinzessin Marja saß mutlos und erschöpft im Saal, als man Rostow zu ihr führte. Sie verstand weder, wer er war und warum er kam, noch was aus ihr werden würde. Doch als sie sein russisches Gesicht erblickte und an seinem Eintreten und dem ersten von ihm gesprochenen Wort einen Menschen ihrer eignen Gesellschaftskreise in ihm erkannte, warf sie ihm einen tiefen, leuchtenden Blick zu und fing mit abgerissener, vor Erregung zitternder Stimme zu reden an.
Auch Rostow fand in dieser Begegnung etwas Romantisches. Ein schutzloses, vom Leid niedergebeugtes Mädchen allein, der Willkür roher, aufrührerischer Bauern ausgesetzt! Und was für ein sonderbares Schicksal führt mich in diesem Augenblick hierher! dachte Rostow, während er ihr zuhörte und sie ansah. Und wie sanft, wie edel ihre Züge und ihr Gesichtsausdruck sind! dachte er und lauschte ihrer schüchternen Erzählung.
Als sie davon anfing, daß sich dies alles einen Tag nach der Beerdigung ihres Vaters zugetragen habe, fing ihre Stimme an zu zittern. Sie wandte sich ab, richtete dann aber sogleich, aus Angst, Rostow könne ihre Worte für einen Versuch, ihn zu rühren, halten, einen fragenden, erschrockenen Blick auf ihn. Rostow standen Tränen in den Augen. Prinzessin Marja bemerkte dies und sah ihn dankbar und mit einem jener leuchtenden Blicke an, die die Häßlichkeit ihres Gesichtes vergessen machten.
»Ich kann gar nicht sagen, Prinzessin, wie glücklich ich bin, daß der Zufall mich hierhergeführt hat und ich nun imstande sein werde, Ihnen meine Dienstbereitschaft zu beweisen«, sagte Rostow und erhob sich. »Bitte, reisen Sie getrost ab, ich stehe Ihnen mit meiner Ehre dafür, daß kein Mensch es wagen wird, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, wenn Sie mir nur erlauben wollen, Sie zu geleiten.« Und er verbeugte sich so ehrerbietig vor ihr, wie man sich vor Damen kaiserlichen Blutes zu verneigen pflegt, und wandte sich zur Tür.
Durch diese Ehrerbietung im Ton schien Rostow zeigen zu wollen, daß, obgleich er es für ein Glück ansah, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, er doch ihr Unglück nicht ausnutzen wolle, um ihr näherzutreten.
Prinzessin Marja verstand ihn und wußte diesen Ton zu schätzen.
»Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar«, sagte sie auf französisch, »und hoffe, daß dies alles nur ein Mißverständnis ist, an dem niemand die Schuld trägt.« Sie fing plötzlich an zu weinen. »Verzeihen Sie«, sagte sie.
Rostow verbeugte sich noch einmal sehr ernst und tief vor ihr und verließ das Zimmer.
14
»Nun wie war’s? Ist sie hübsch? Nein, Bruder, meine Rosafarbene ist einfach entzückend. Dunjascha heißt sie …«
Aber Iljin verstummte, als er in Rostows Gesicht blickte. Er sah, daß sich sein Held und Kommandeur in einer ganz anderen Stimmung befand. Rostow sah Iljin zornig an und ging, ohne ihm Antwort zu geben, mit hastigen Schritten dem Dorf zu.
»Ich werde es ihnen schon zeigen, werde es ihnen schon stecken, diesem Gesindel!« brummte er vor sich hin.
Mit fliegenden Schritten, nur um nicht gerade im Sturmschritt zu laufen, eilte Alpatytsch hinter ihm her, konnte ihn aber auch in diesem Trab kaum einholen.
»Was für einen Entschluß haben Sie zu fassen geruht?« fragte er, als er ihn erreicht hatte.
Rostow blieb stehen und trat plötzlich mit geballten Fäusten drohend an Alpatytsch heran.
»Entschluß? Was für einen Entschluß? Alter Knacks!« schrie er ihn an. »Hast wohl ruhig zugesehen? Was? Die Bauern sind aufständisch, und du verstehst nicht, mit ihnen fertig zu werden? Bist wohl selber ein Verräter? Ich kenne euch, das Fell sollte man euch allen abziehen …« Und als fürchte er, seinen Vorrat an heißem Zorn umsonst zu verpuffen, ließ er Alpatytsch stehen und ging schnell weiter.
Alpatytsch unterdrückte das Gefühl der Kränkung, eilte hastigen Schrittes hinter Rostow her und fuhr fort, ihm seine Erwägungen mitzuteilen. Er sagte, die Bauern seien verstockt und es wäre im Augenblick unklug, gegen sie anzukämpfen, solange man kein Militärkommando hinter sich habe. Ob es nicht besser wäre, vorerst ein Militärkommando holen zu lassen?
»Ich werde es ihnen schon einbleuen, das Militärkommando … Ich werde schon mit ihnen fertig werden«, rief Nikolaj unbedacht, der an seinem unsinnigen, tierischen Zorn und an der Gier, diesen Zorn auszulassen, fast erstickte.
Ohne zu wissen, was er tun werde, näherte sich Rostow mit unbewußt schnellem, entschiedenem Schritt der Menge. Und je näher er ihr kam, um so sicherer fühlte Alpatytsch, daß sein unsinniges Vorgehen ein gutes Resultat zeitigen werde. Und dasselbe fühlten auch die Bauern, als sie Rostows schnellen festen Gang und sein entschlossenes, finsteres Gesicht sahen.
Nachdem die Husaren ins Dorf eingeritten waren und sich Rostow zur Prinzessin begeben hatte, war in der Menge Verwirrung und Zwiespalt entstanden. Ein paar Bauern meinten, die Ankömmlinge seien doch Russen, und wie sollten sie da nicht empört darüber sein, daß man die Herrin nicht fortlassen wolle. Dron war derselben Ansicht, sobald er sie aber nur auszusprechen versuchte, fielen Karp und andere Bauern sogleich über den ehemaligen Dorfschulzen her.
»Jahrelang hast du die Gemeinde ausgesogen!« schrie ihn Karp an. »Dir kann alles gleich sein. Du gräbst dir deinen Pott mit Gold aus der Erde und bringst ihn in Sicherheit; was kümmert’s dich, ob unsere Häuser zerstört werden oder nicht?«