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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Die Stadt wird dem Feinde überlassen werden; fahren Sie weg, fahren Sie weg«, sagte zu ihm ein Offizier, der ihn bemerkt hatte; dann wandte er sich sogleich zu den Soldaten und schrie sie an:

»Ich will euch lehren, auf die Höfe zu laufen!«

Alpatytsch kehrte in das Haus zurück, rief den Kutscher und sagte ihm, daß sie jetzt fahren wollten. Hinter Alpatytsch und dem Kutscher traten auch alle Hausgenossen Ferapontows aus dem Haus. Als sie den Rauch und sogar das Feuer der Brände sahen, das jetzt in der hereinbrechenden Dunkelheit sichtbar wurde, erhoben die Weiber, die bis dahin geschwiegen hatten, auf einmal ein lautes Klagen und Jammergeschrei. Wie um ihnen zu sekundieren, erscholl ein gleiches Geschrei am andern Ende der Straße. Alpatytsch und der Kutscher brachten mit zitternden Händen die verwirrten Zügel und Stränge der Pferde unter dem Schuppendach in Ordnung.

Als Alpatytsch aus dem Tor herausfuhr, sah er, daß in Ferapontows offenstehendem Laden ein Dutzend Soldaten unter lauten Gesprächen ihre Brotbeutel und Tornister mit Weizenmehl und Sonnenblumenkernen füllten. In demselben Augenblick trat, von der Straße kommend, Ferapontow herein. Als er die Soldaten erblickte, wollte er sie zunächst heftig anschreien; aber plötzlich hielt er inne, griff sich in die Haare und brach in eine Art von schluchzendem Lachen aus.

»Schleppt alles weg, Kinder! Laßt es nicht diesen Teufeln in die Hände fallen!« schrie er, griff selbst nach einigen Säcken und warf sie auf die Straße.

Einige von den Soldaten liefen erschrocken hinaus, andere aber fuhren fort einzusacken. Als Ferapontow den reisefertigen Alpatytsch erblickte, wandte er sich zu ihm.

»Es ist zu Ende mit Rußland!« schrie er. »Alpatytsch, es ist zu Ende! Ich will selbst alles anzünden. Es ist zu Ende!« Damit lief Ferapontow auf den Hof.

Auf der Straße zogen, sie in ihrer ganzen Breite versperrend, ununterbrochen Soldaten vorüber, so daß Alpatytsch nicht abfahren konnte und sich gezwungen sah zu warten. Ferapontows Frau saß mit ihren Kindern gleichfalls auf einem Bauernwagen und wartete darauf, daß sie würde herausfahren können.

Es war schon völlige Nacht. Am Himmel standen die Sterne, und ab und zu schimmerte der meist vom Rauch verhüllte junge Mond hindurch. Wo sich der Weg zum Dnjepr hinabsenkte, mußten die Fuhrwerke Alpatytschs und der Wirtin, die sich langsam zwischen den Reihen der Soldaten und den andern Wagen fortbewegten, wieder stillhalten. Nicht weit von der Straßenkreuzung, wo die Fuhrwerke hielten, brannten in der Querstraße ein Haus und mehrere Budenläden. Das Feuer war schon heruntergebrannt. Bald schien die Flamme zu ersterben und sich in dem schwarzen Rauch zu verlieren, bald schlug sie auf einmal wieder hell empor und beleuchtete mit seltsamer Deutlichkeit die Gesichter der Menschen, die dichtgedrängt an der Straßenkreuzung standen. Vor dem Feuer huschten schwarze Menschengestalten vorbei, und durch das nie verstummende Knistern der Glut hindurch hörte man reden und schreien. Alpatytsch, der von seinem Wagen heruntergestiegen war, weil er sah, daß dieser so bald doch nicht weiterkommen könne, bog in die Querstraße ein, um sich den Brand anzusehen. Soldaten liefen unaufhörlich an dem Feuer vorbei irgendwohin und wieder zurück, und Alpatytsch sah, wie zwei derselben und mit ihnen ein Mann in einem Friesmantel aus dem Brand brennende Balken über die Straße nach einem Nachbargrundstück schleppten; andere trugen Arme voll Heu.

Alpatytsch trat zu einem großen Menschenhaufen hin, der gegenüber einem hohen, lichterloh brennenden Speicher Posten gefaßt hatte. Alle Wände waren vom Feuer ergriffen, die Hinterwand hatte sich schief gezogen, das Bretterdach war zusammengeknickt, die Balken brannten. Offenbar wartete die Menge auf den Augenblick, wo das Dach herunterstürzen werde. Auf eben dieses bevorstehende Ereignis wartete auch Alpatytsch.

»Alpatytsch!« rief auf einmal den alten Mann eine bekannte Stimme an.

»Väterchen, Euer Durchlaucht!« antwortete Alpatytsch, der sofort die Stimme seines jungen Fürsten erkannt hatte.

Fürst Andrei, in den Mantel gehüllt, hielt auf einem Rappen hinter dem Menschenhaufen und blickte Alpatytsch an.

»Wie kommst du denn hierher?« fragte er.

»Euer … Euer Durchlaucht«, stieß Alpatytsch heraus und begann zu schluchzen. »Euer … Euer … sind wir denn wirklich verloren? Der Vater …«

»Wie kommst du hierher?« fragte Fürst Andrei noch einmal.

Die Flamme loderte in diesem Augenblick hell auf und ließ Alpatytsch das blasse, ausgemergelte Gesicht seines jungen Herrn deutlich erkennen. Er erzählte, wozu er hierher gesandt sei, und daß er jetzt Mühe habe fortzukommen.

»Wie ist das, Euer Durchlaucht? Sind wir wirklich verloren?« fragte er wieder.

Fürst Andrei zog, ohne ihm eine Antwort zu geben, sein Notizbuch heraus, hob das Knie in die Höhe und schrieb mit Bleistift auf einem ausgerissenen Blatt. Er schrieb an seine Schwester:

»Smolensk wird dem Feind überlassen werden. In einer Woche wird Lysyje-Gory von den Franzosen besetzt sein. Fahrt sofort nach Moskau. Antworte mir sogleich, wann ihr abfahrt; schicke die Antwort durch besonderen Boten nach Uswjasch.«

Nachdem er dies geschrieben und das Blatt dem alten Verwalter eingehändigt hatte, setzte er ihm mündlich auseinander, wie die Abreise des Fürsten, der Prinzessin und des Sohnes nebst seinem Lehrer bewerkstelligt werden und wie und wohin ihm sogleich Antwort gesandt werden solle. Er war mit seinen Anweisungen noch nicht fertig, als ein Stabsoffizier zu Pferde, von einem Gefolge begleitet, zu ihm heransprengte.

»Sie sind Oberst?« schrie der Stabsoffizier mit deutscher Klangfarbe und mit einer Stimme, die dem Fürsten Andrei bekannt vorkam. »In Ihrer Gegenwart werden Häuser angezündet, und Sie stehen ruhig dabei? Was soll das heißen? Sie werden sich dafür zu verantworten haben!« schrie Berg, der jetzt Gehilfe des Chefs des Stabes des stellvertretenden Stabschefs des Kommandeurs des linken Flügels der Infanterie der ersten Armee war, »ein sehr angenehmer Posten, der die Blicke auf sich zieht«, wie sich Berg auszudrücken pflegte.

Fürst Andrei blickte ihn an und fuhr, ohne ihm zu antworten, in seinem Gespräch mit Alpatytsch fort:

»Bestelle also, daß ich bis zum zehnten auf Antwort warten werde; sollte ich aber am zehnten noch nicht die Nachricht erhalten haben, so werde ich selbst alles stehen- und liegenlassen und nach Lysyje-Gory kommen.«

»Ich habe Ihnen das nur deshalb gesagt, Fürst«, sagte Berg, der inzwischen den Fürsten Andrei erkannt hatte, zu seiner Entschuldigung, »weil es meine Pflicht ist, die mir erteilten Befehle auszuführen; denn diese führe ich immer auf das genaueste aus. Bitte, nehmen Sie mir nichts übel.«

Es krachte etwas im Feuer. Die Flamme beruhigte sich für einen Augenblick. Schwarze Rauchwolken wälzten sich unter dem Dach hervor. Noch einmal krachte es furchtbar im Feuer, und etwas Großes, Wuchtiges stürzte herab.

»Hu-hu-hu!« heulte die Menge auf und begleitete damit den Einsturz des Speicherdaches. Von dem verbrennenden Getreide verbreitete sich ein Geruch, wie wenn Kuchen gebacken würde. Die Flamme loderte wieder in die Höhe und erleuchtete die freudig erregten und zugleich erschöpften Gesichter der Menschen, die um den Brand herumstanden.

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