Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Die Nachrichten werden gewiß sehr interessant sein«, sagte Dessalles. »Der Fürst ist in der Lage, genau orientiert zu sein …«
»Ach ja, sehr interessant!« fügte auch Mademoiselle Bourienne hinzu.
»Gehen Sie hin, und holen Sie ihn mir«, wandte sich der alte Fürst an Mademoiselle Bourienne. »Sie wissen, auf dem kleinen Tisch, unter dem Briefbeschwerer.«
Mademoiselle Bourienne sprang freudig auf.
»Nein, nein!« rief er, die Stirn runzelnd. »Geh du hin, Michail Iwanowitsch!«
Michail Iwanowitsch stand auf und ging nach dem Arbeitszimmer. Aber kaum war er hinausgegangen, als der alte Fürst unruhig um sich blickte, die Serviette hinwarf und selbst ging.
»Nichts verstehen sie; sie bringen mir nur alles in Unordnung.«
Während er draußen war, sahen Prinzessin Marja, Dessalles, Mademoiselle Bourienne und selbst Nikolenka einander schweigend an. Eiligen Schrittes kehrte der alte Fürst, von Michail Iwanowitsch begleitet, zurück; er brachte den Brief und einen Bauplan mit, legte aber beides neben sich hin, ohne den Brief jemandem bei Tisch zum Lesen zu geben.
Nachdem sie in den Salon gegangen waren, gab er den Brief der Prinzessin Marja, breitete den Plan des neuen Gebäudes vor sich aus, heftete seine Augen darauf und befahl der Prinzessin, den Brief vorzulesen. Als Prinzessin Marja dies getan hatte, blickte sie ihren Vater fragend an. Er betrachtete seinen Plan und war augenscheinlich ganz in seine Gedanken versunken.
»Wie denken Sie darüber, Fürst?« erlaubte sich endlich Dessalles zu fragen.
»Ich? Ich?« erwiderte der Fürst, als wäre es ihm unangenehm, aus seinen Gedanken aufgestört zu werden; er wandte die Augen nicht von seinem Bauplan ab.
»Gut möglich, daß der Kriegsschauplatz uns so nahe kommt, daß …«
»Ha-ha-ha! Der Kriegsschauplatz!« unterbrach ihn der Fürst. »Ich habe Ihnen schon gesagt und wiederhole es: der Kriegsschauplatz ist Polen, und über den Niemen wird der Feind nie vordringen.«
Erstaunt blickte Dessalles den Fürsten an, der vom Niemen sprach, während doch der Feind bereits am Dnjepr stand; aber Prinzessin Marja, der die geographische Lage des Niemens nicht gegenwärtig war, hielt das, was ihr Vater sagte, für wahr.
»Sobald der Schnee schmilzt, werden sie in den polnischen Sümpfen versinken. Sie können sie jetzt nur nicht sehen«, sagte der Fürst; er dachte offenbar an den Feldzug des Jahres 1807, der nach seiner Vorstellung erst ganz vor kurzem stattgefunden hatte. »Bennigsen hätte nur früher in Preußen einrücken sollen; dann hätte die Sache eine andere Wendung genommen …«
»Aber, Fürst«, wandte Dessalles schüchtern ein, »in dem Brief ist von Witebsk die Rede …«
»Was? In dem Brief? Ja …«, erwiderte der Fürst mißmutig. »Ja … ja …« Sein Gesicht nahm plötzlich einen finsteren Ausdruck an. Er schwieg eine Weile. »Ja, er schreibt, die Franzosen seien geschlagen worden; an welchem Fluß war es doch?«
Dessalles schlug die Augen nieder.
»Der Fürst schreibt davon nichts«, antwortete er leise.
»Schreibt davon nichts? Na, aus den Fingern habe ich es mir doch nicht gesogen.«
Alle schwiegen lange.
»Ja … ja … Nun, Michail Iwanowitsch«, sagte er plötzlich, indem er den Kopf in die Höhe hob und auf den Bauplan zeigte, »setz mir mal auseinander, wie du das umändern willst …«
Michail Iwanowitsch trat zu dem Plan hin; der Fürst sprach mit ihm ein paar Worte über den Plan des neuen Gebäudes, dann warf er der Prinzessin Marja und dem Erzieher Dessalles einen zornigen Blick zu und ging in sein Zimmer.
Prinzessin Marja hatte den verlegenen, erstaunten Blick, welchen Dessalles auf ihren Vater gerichtet hatte, wohl bemerkt, und auch sein Schweigen war ihr aufgefallen; jetzt war sie überrascht, daß ihr Vater den Brief des Sohnes auf dem Tisch im Salon vergessen hatte. Aber sie fürchtete sich, Dessalles nach dem Grund seiner Verlegenheit und seines Schweigens zu fragen; ja, sie fürchtete sich sogar, daran auch nur zu denken.
Am Abend kam, vom Fürsten geschickt, Michail Iwanowitsch zu Prinzessin Marja, um den Brief des Fürsten Andrei zu holen, den der Vater im Salon vergessen hatte. Prinzessin Marja übergab ihm den Brief. Obgleich es sie Überwindung kostete, entschloß sie sich doch, Michail Iwanowitsch zu fragen, was ihr Vater tue.
»Der Fürst ist immer sehr eifrig beschäftigt«, erwiderte Michail Iwanowitsch mit einem respektvollen, aber etwas spöttischen Lächeln, bei dessen Anblick Prinzessin Marja ganz blaß wurde. »Er beunruhigt sich wegen des neuen Wohngebäudes. Vorhin hat er ein wenig gelesen; aber jetzt« (hier ließ Michail Iwanowitsch die Stimme sinken) »sitzt er am Schreibtisch und beschäftigt sich wahrscheinlich mit dem Testament.« (In der letzten Zeit war es eine Lieblingsbeschäftigung des Fürsten, die Papiere zurechtzumachen, die er nach seinem Tod hinterlassen wollte und die er sein Testament nannte.)
»Und wird Alpatytsch nach Smolensk geschickt?« fragte Prinzessin Marja.
»Gewiß; er wartet schon lange auf seine Abfertigung.«
III
Als Michail Iwanowitsch mit dem Brief in das Zimmer des Fürsten zurückkehrte, saß dieser am offenen Schreibtisch; er hatte die Brille aufgesetzt und die Augen durch einen Schirm geschützt; auch die Kerzen waren durch Schirme abgeblendet. In der weit weggestreckten Hand hielt er einige Papiere, die er in einer etwas feierlichen Haltung las; es waren dies seine Remarques, wie er sie nannte, die nach seinem Tod dem Kaiser zugestellt werden sollten.
Als Michail Iwanowitsch eintrat, hatte dem Fürsten die Erinnerung an jene Zeit, wo er das geschrieben hatte, was er jetzt las, die Tränen in die Augen gelockt. Er nahm den Brief aus Michail Iwanowitschs Hand entgegen, steckte ihn in die Tasche, legte die Papiere weg und rief den schon lange wartenden Verwalter Alpatytsch herein.
Auf einem Blättchen Papier hatte der Fürst sich notiert, was Alpatytsch in Smolensk kaufen sollte; nun ging er im Zimmer auf und ab, neben dem an der Tür wartenden Alpatytsch immer vorbei, und erteilte diesem seine Aufträge.
»Erstens Briefpapier, hörst du wohl? Acht Buch, hier, nach Probe; mit Goldschnitt … da ist die Probe; es soll genauso sein. Dann Lack, Siegellack, von der Art, wie es Michail Iwanowitsch auf einen Zettel geschrieben hat.«
Er war einen Augenblick stehengeblieben, nahm aber nun seine Wanderung wieder auf und blickte auf seinen Merkzettel.
»Dann gibst du dem Gouverneur persönlich den Brief über die letztwillige Verfügung ab.«
Ferner waren noch Riegel für die Türen des neuen Gebäudes nötig, genau von der Fasson, die der Fürst selbst ausgesonnen hatte. Und es mußte ein solider Pappkasten bestellt werden zur Verpackung des Testaments.
Die Erteilung der Aufträge an Alpatytsch hatte schon mehr als zwei Stunden gedauert; aber noch immer ließ ihn der Fürst nicht fort. Er setzte sich hin, dachte nach, schloß dabei die Augen und schlummerte ein.
»Nun, geh nur, geh nur! Wenn noch etwas nötig ist, werde ich dich rufen lassen.«
Alpatytsch verließ das Zimmer. Der Fürst trat wieder an seinen Schreibtisch, blickte in ihn hinein, berührte mit der Hand seine Papiere, schloß wieder zu und setzte sich an den Tisch, um den Brief an den Gouverneur zu schreiben.
Es war schon spät, als er den Brief siegelte und aufstand. Er hätte nun gern geschlafen, wußte aber, daß er nicht einschlafen werde und daß ihm im Bett die schlimmsten Gedanken kommen würden. Er rief Tichon und ging mit ihm durch die Zimmer, um ihm zu zeigen, wo sein Bett für diese Nacht aufgeschlagen werden solle. Beim Umhergehen prüfte er jedes Winkelchen.
Überall schien es ihm schlecht; aber am schlechtesten war sein gewohntes Sofa in seinem Zimmer. Dieses Sofa war ihm furchtbar, wahrscheinlich wegen der bedrückenden Gedanken, von denen er, während er dort gelegen hatte, gequält worden war. Nirgends war es gut; aber verhältnismäßig am besten war noch ein Winkel im Sofazimmer, hinter dem Klavier: dort hatte er noch nie geschlafen.