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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Tichon trug mit einem Diener das Bett dorthin und begann es aufzustellen.

»Nicht so, nicht so!« schrie der Fürst und rückte es selbst eine Spanne weit aus der Ecke heraus und dann wieder näher heran.

»Nun, endlich habe ich alles erledigt; jetzt kann ich mich ausruhen«, dachte der Fürst und ließ sich von Tichon auskleiden.

Während dieser Prozedur runzelte er ärgerlich die Stirn wegen der Anstrengung, die es ihn kostete, sich den Schlafrock und die Beinkleider ausziehen zu lassen, ließ sich, als alles fertig war, schwerfällig auf das Bett sinken und schien etwas zu überlegen, während er verächtlich auf seine gelben, dürren Beine blickte. Aber er überlegte nichts, sondern zögerte nur angesichts der ihm bevorstehenden Mühe, diese Beine aufzuheben und sich im Bett zurechtzulegen. »Ach, wie schwer das alles ist! Ach, wenn diese Mühen doch bald zu Ende wären und ihr mich davonließet!« dachte er. Die Lippen zusammenpressend machte er endlich diese Anstrengung und legte sich hin. Aber kaum lag er, als auf einmal das ganze Bett unter ihm im Takt vorwärts und rückwärts zu gehen anfing, gleichsam schweratmend und stoßend. Das begegnete ihm fast jede Nacht. Er machte die Augen, die er soeben geschlossen hatte, wieder auf.

»Keine Ruhe! Verdammte Bande!« brummte er im Zorn gegen irgend jemand. »Ja, ja, es war noch etwas Wichtiges; etwas sehr Wichtiges hatte ich mir für die Nacht im Bett verspart. Die Riegel? Nein, von denen habe ich gesagt. Nein, es war etwas anderes, etwas im Salon. Prinzessin Marja hatte irgendwelchen Unsinn geschwatzt. Dessalles, dieser Dummkopf, hatte etwas gesagt. Etwas in der Tasche … Ich komme nicht darauf.«

»Tichon, wovon haben wir bei Tisch gesprochen?«

»Vom Fürsten Andrei …«

»Schweig! schweig!« Der Fürst klatschte mit der Hand auf den Tisch. »Ja, ich weiß, es war da ein Brief vom Fürsten Andrei. Prinzessin Marja las ihn vor. Dessalles sagte etwas von Witebsk. Jetzt will ich ihn lesen.«

Er ließ sich den Brief aus seiner Tasche holen, das Tischchen mit der Limonade und der nach Art eines Taues gewundenen Wachskerze an das Bett rücken, setzte die Brille auf und begann zu lesen. Jetzt erst, in der Stille der Nacht, bei dem schwachen Licht, das unter dem grünen Lampenschirm hervordrang, verstand er beim Lesen des Briefes zum erstenmal dessen ernsten Sinn.

»Die Franzosen in Witebsk; in vier Tagesmärschen können sie bei Smolensk sein; vielleicht sind sie schon da. Tichon!« Tichon sprang auf. »Nein, es ist nicht nötig, nicht nötig!« rief der Alte.

Er schob den Brief unter den Leuchter und schloß die Augen. Und vor seinem geistigen Blick stand die Donau, der helle Mittag, das Schilfdickicht, das russische Lager, und er, ein junger General, ohne eine einzige Falte im Gesicht, frisch, heiter und rotwangig, tritt in das bunte Zelt Potjomkins, und ein brennendes Gefühl des Neides gegen den Günstling erfüllt ihn jetzt noch in gleicher Stärke wie damals. Und er erinnert sich an jedes Wort, das damals bei der ersten Begegnung mit Potjomkin gesprochen wurde. Und er glaubt, eine kleine, dicke, üppige Frau mit gelblichem, fettem Gesicht vor sich zu sehen, die Kaiserin; alles ist ihm gegenwärtig: ihr Lächeln, ihre Worte, als sie ihn zum erstenmal in liebenswürdiger Art empfing. Und er erinnert sich an das Gesicht derselben Kaiserin auf dem Katafalk und an den Streit, den er damals an ihrem Sarg mit Subow hatte um das Recht, herantreten und ihr die Hand küssen zu dürfen.

»Ach, könnte ich nur recht schnell, recht schnell in jene Zeiten zurückkehren, und wäre nur die ganze Gegenwart recht bald, recht bald zu Ende! Wenn sie mich nur alle in Ruhe ließen!«

IV

Lysyje-Gory, das Gut des Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski, lag sechzig Werst von Smolensk entfernt, ostwärts, und drei Werst von der Straße nach Moskau.

An dem Abend, an welchem der Fürst dem Verwalter Alpatytsch seine Aufträge erteilte, ließ Dessalles die Prinzessin Marja bitten, ihn zu empfangen, und teilte ihr mit, da der Fürst sich nicht ganz wohl befinde und keine Maßnahmen für seine Sicherheit treffe, aus dem Brief des Fürsten Andrei sich aber ergebe, daß ein Verbleiben in Lysyje-Gory nicht ungefährlich sei, so rate er ihr ganz ergebenst, selbst einen durch Alpatytsch zu befördernden Brief an den Gouverneur in Smolensk zu schreiben, mit der Bitte, sie von dem Stand der Dinge und dem Maß der Gefahr, welcher Lysyje-Gory ausgesetzt sei, in Kenntnis zu setzen. Den Brief an den Gouverneur hatte Dessalles für die Prinzessin Marja schon selbst geschrieben; sie unterschrieb ihn, und er wurde dem Verwalter übergeben mit der Weisung, ihn dem Gouverneur einzuhändigen und, wenn Gefahr bestehe, so schnell wie möglich zurückzukehren.

Nachdem Alpatytsch alle Aufträge empfangen hatte, trat er, von seinen Hausleuten begleitet, auf dem Kopf einen weißen Kastorhut, ein Geschenk des Fürsten, in der Hand so wie der Fürst einen Stock, aus dem Haus, um in den mit einem ledernen Verdeck versehenen und mit drei rehbraunen Pferden bespannten Reisewagen zu steigen.

Der Klöppel des Glöckchens war festgebunden und die Schellen mit Papier umwickelt. Der Fürst erlaubte niemandem in Lysyje-Gory mit Geläut zu fahren. Aber Alpatytsch hatte bei einer weiteren Fahrt an dem Glöckchen und den Schellen sein Vergnügen. Seine Untergebenen, der Dorfschreiber, der Buchführer, die Leuteköchin, die herrschaftliche Köchin, zwei alte Frauen, der Laufbursche, die Kutscher und mehrere andere Gutsleute, begleiteten ihn hinaus.

Seine Tochter packte mehrere Federkissen mit Baumwollbezug in den Wagen, zum Anlehnen und zum Daraufsitzen. Seine alte Schwägerin schob verstohlen ein Bündelchen hinein. Einer der Kutscher faßte ihn unter den Arm und half ihm beim Einsteigen.

»Na, na, Weiberbagage! Diese Weiber, diese Weiber!« brummte Alpatytsch schnaubend und hastig vor sich hin, geradeso wie der Fürst zu reden pflegte, und setzte sich in den Wagen.

Nachdem Alpatytsch dem Dorfschreiber die letzten Weisungen betreffs der auszuführenden Arbeiten erteilt hatte (hierbei kopierte er den Fürsten nicht mehr), nahm er den Hut von seinem kahlen Kopf und bekreuzte sich dreimal.

»Wenn da etwas los ist … dann komm doch gleich zurück, Jakow Alpatytsch; um Christi willen, denk an uns und habe mit uns Mitleid!« rief seine Frau, die damit auf die Gerüchte über den Gang des Krieges und die Nähe des Feindes hindeutete.

»Weiber, Weiber, Weiberbagage!« murmelte Alpatytsch und fuhr los. Er betrachtete rings um sich die Felder, die teils mit schon gelb gewordenem Roggen, teils mit dichtem, noch grünem Hafer bestanden waren, teils noch schwarz dalagen, da das zweite Umpflügen eben erst begonnen hatte.

Alpatytsch blickte während des Fahrens nach den langen Streifen der Roggenfelder hin, auf denen man an einzelnen Stellen schon angefangen hatte zu schneiden, freute sich über die außerordentlich gute Ernte an Sommergetreide in diesem Jahr, machte seine wirtschaftlichen Berechnungen über Aussaat und Ernte und rekapitulierte die Aufträge des Fürsten, um nur nichts zu vergessen.

Nachdem die Pferde unterwegs zweimal gefüttert waren, kam Alpatytsch am Abend des 4. August in der Stadt an.

Auf dem Weg war er Wagenzügen und Truppen begegnet und hatte andere überholt. Als er sich Smolensk näherte, hatte er in der Ferne schießen gehört, sich aber darüber nicht weiter aufgeregt. Am stärksten hatte es ihn befremdet, daß er in der Nähe von Smolensk ein prächtiges Haferfeld sah, das Soldaten abmähten, offenbar als Futter, und auf dem Truppen lagerten; durch diesen Umstand fühlte sich Alpatytsch befremdet, vergaß ihn aber doch bald wieder, da er an seine eigenen Angelegenheiten zu denken hatte.

Alle Interessen in Alpatytschs Leben hatten sich schon seit mehr als dreißig Jahren ausschließlich innerhalb des Willensbereiches des Fürsten bewegt, und aus diesem Kreis war er nie hinausgekommen. Alles, was sich nicht auf die Erfüllung der Befehle des Fürsten bezog, hatte für Alpatytsch kein Interesse, ja existierte für ihn überhaupt nicht.

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