Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der Mann im Friesmantel reckte die Arme in die Höhe und rief:
»Prächtig, Kinder! Das Feuer hat schon gefaßt! Prächtig!«
»Es ist der Hausbesitzer selbst«, sagten einige aus der Menge.
»Nun also«, schloß Fürst Andrei sein Gespräch mit Alpatytsch, »dann bestelle alles, wie ich es dir gesagt habe«, und ohne zu Berg, der schweigend neben ihm geblieben war, ein Wort der Antwort zu sagen, trieb er sein Pferd an und ritt in die Querstraße.
V
Von Smolensk aus zogen sich die russischen Truppen immer weiter zurück, und die Feinde folgten ihnen. Am 10. August kam das Regiment, das Fürst Andrei befehligte, auf der großen Straße an dem Weg vorüber, der nach Lysyje-Gory abzweigte. Schon seit mehr als drei Wochen herrschten Hitze und Trockenheit. Täglich zogen am Himmel krause Wolken hin, die ab und zu die Sonne verdeckten; aber zum Abend klärte es sich immer wieder auf, und die Sonne ging in braunrotem Dunst unter. Nur in der Nacht erfrischte starker Tau die Erde. Das noch auf dem Feld stehende Getreide verdorrte und fiel aus. Die Sümpfe waren ausgetrocknet. Das Vieh, das auf den von der Sonne verbrannten Wiesen keine Nahrung fand, brüllte vor Hunger. Nur nachts und in den Wäldern, solange der Tau sich noch hielt, war es kühl. Aber auf der großen Landstraße, auf der die Truppen marschierten, merkte man selbst bei Nacht und in den Wäldern nichts von dieser Abkühlung. In dem Sandstaub des mehr als eine Spanne tief zertretenen und aufgewühlten Weges war kein Tau zu spüren. Sowie es morgens dämmerte, wurde der Marsch angetreten. Lautlos bewegte sich alles in dem weichen, dunstigen, bei Nacht nicht abgekühlten, heißen Staub vorwärts, in den die Wagen und die Geschütze bis an die Naben, die Fußgänger bis an die Knöchel einsanken. Ein Teil dieses Sandstaubes wurde durch die Füße und Räder zusammengeknetet; aber ein anderer Teil stieg in die Höhe, stand als Wolke über den Truppen und setzte sich in den Augen, den Haaren, den Ohren, den Nasenlöchern und ganz besonders in den Lungen der Menschen und Tiere fest, die auf diesem Weg dahinzogen. Je höher die Sonne stieg, um so höher erhob sich auch diese Staubwolke, und durch diesen feinen, heißen Staub hindurch konnte man in die Sonne, auch wenn sie nicht von Wolken verhüllt war, mit bloßem Auge hineinsehen. Die Sonne erschien als ein großer, purpurner Ball. Wind war nicht vorhanden, und die Menschen erstickten fast in dieser unbeweglichen Luft. Auf dem Marsch banden sie sich Tücher um Nase und Mund. Kam man zu einem Dorf, so stürzten alle zu dem Ziehbrunnen hin. Man schlug sich um das Wasser und trank es bis auf den schmutzigen Grund aus.
Fürst Andrei kommandierte ein Regiment, und seine Zeit und sein Interesse waren hinreichend damit ausgefüllt, daß er sein Regiment in guter Ordnung hielt, für das Wohlergehen seiner Leute sorgte und die notwendigen Befehle empfing und erteilte. Der Brand von Smolensk und die Räumung dieser Stadt bildeten für des Fürsten Andrei gesamte Anschauungsweise eine Epoche. Ein neues Gefühl des Hasses gegen den Feind ließ ihn seinen eigenen Kummer vergessen. Er widmete sich völlig der Tätigkeit für sein Regiment, sorgte treu für seine Mannschaft und für seine Offiziere und war gegen sie freundlich. Im Regiment wurde er »unser Fürst« genannt; man war stolz auf ihn und liebte ihn. Aber gut und freundlich war er nur gegen die Angehörigen seines Regiments, gegen Timochin und Leute von dessen Art, gegen völlig neue Menschen aus einer fremden Sphäre, gegen Menschen, die von seiner Vergangenheit nichts wissen und nichts verstehen konnten; aber sowie er mit einem seiner früheren Kameraden aus dem Stab zusammentraf, kehrte er sofort wieder alle Stacheln heraus und nahm einen boshaften, spöttischen, geringschätzigen Ton an. Alles, was in ihm die Erinnerung an die Vergangenheit wachrief, stieß ihn ab, und daher war sein Bestreben, wo er mit dieser seiner früheren Welt in Berührung kam, lediglich darauf gerichtet, sich nichts Unrechtes zuschulden kommen zu lassen und seine Pflicht zu erfüllen.
Allerdings erschien dem Fürsten Andrei alles in trübem, düsterem Licht, namentlich nachdem Smolensk, das man nach seiner Ansicht hätte verteidigen können und verteidigen müssen, am 6. August geräumt war, und nachdem sich für seinen kranken Vater die Notwendigkeit ergeben hatte, zu flüchten und das so sehr geliebte Lysyje-Gory der Plünderung preiszugeben, das er selbst gebaut und mit Einwohnern besiedelt hatte; aber trotzdem war Fürst Andrei dank seiner Stellung als Regimentskommandeur imstande, an einen anderen Gegenstand zu denken, der mit allgemeinen Fragen in gar keinem Zusammenhang stand: eben an sein Regiment. Am 10. August kam die Heeresabteilung, zu der sein Regiment gehörte, an Lysyje-Gory seitwärts vorbei. Fürst Andrei hatte zwei Tage vorher die Nachricht erhalten, daß sein Vater, sein Sohn und seine Schwester nach Moskau abgereist seien. Obgleich Fürst Andrei unter diesen Umständen nun eigentlich in Lysyje-Gory nichts mehr zu tun hatte, entschloß er sich mit der ihm eigenen Passion, in seinem Gram zu wühlen, dennoch, einen Abstecher dorthin zu machen.
Er ließ sich ein frisches Pferd satteln und ritt, von der marschierenden Kolonne seitlich abbiegend, nach seinem väterlichen Gut, wo er geboren war und seine Kindheit verlebt hatte. Als er an dem Teich vorbeikam, an dem sonst immer Dutzende von Weibern unter munterem Geschwätz ihre Wäsche mit den Holzschlegeln klopften und spülten, bemerkte er, daß niemand am Teich war und das losgerissene Floß, halb vom Wasser überspült, schief mitten auf dem Teich schwamm. Fürst Andrei ritt zu dem Wächterhäuschen hin. Bei dem steinernen Eingangstor war kein Mensch zu sehen, und die Tür stand offen. Die Gartenwege waren schon mit Unkraut bewachsen, und Kälber und Pferde gingen im englischen Garten umher. Fürst Andrei ritt nach den Treibhäusern: die Glasscheiben waren zerbrochen, von den Bäumen in Kübeln manche umgeworfen, andere vertrocknet. Er rief nach dem Gärtner Taras; aber niemand antwortete. Als er dann um die Treibhäuser herum nach dem Vorplatz bog, sah er, daß der Lattenzaun völlig zerstört und die Pflaumen mitsamt den Zweigen von den Bäumen heruntergerissen waren. Ein alter Bauer (Fürst Andrei hatte ihn in seiner Kindheit manchmal am Tor gesehen) saß auf einer grünen Bank und flocht Bastschuhe.
Er war taub und hatte nicht gehört, daß Fürst Andrei herangeritten kam. Er saß auf derselben Bank, auf der sonst der alte Fürst immer gern gesessen hatte; neben ihm hing der Bast auf den Zweigen einer umgeknickten, vertrockneten Magnolie.
Fürst Andrei ritt nach dem Haus hin. Mehrere Linden in dem alten Garten waren umgehauen; eine scheckige Stute mit ihrem Fohlen ging dicht vor dem Haus zwischen den Rosenstöcken umher. Am Haus waren die Fensterläden geschlossen. Nur ein einziges Fenster unten war offen. Ein Gutsjunge, der den Fürsten Andrei erblickte, lief schnell ins Haus hinein; Alpatytsch, der seine Familie fortgeschickt hatte, war allein in Lysyje-Gory zurückgeblieben; er saß im Haus und las die Heiligenlegenden. Sobald er von der Ankunft des Fürsten Andrei erfuhr, kam er, noch mit der Brille auf der Nase und sich im Gehen den Rock zuknöpfend, eilig aus dem Haus, trat auf den Fürsten zu, brach, ohne ein Wort zu sagen, in Tränen aus und küßte dem Fürsten Andrei das Knie.
Dann wandte er sich, ärgerlich über seine eigene Schwäche, ab und begann ihm über den Stand der Dinge Bericht zu erstatten. Alle Kostbarkeiten und Wertgegenstände waren nach Bogutscharowo gebracht. Auch das Korn, etwa hundert Tschetwert, war dorthin transportiert; das Heu hatten die Soldaten genommen, auch hatten sie das noch unreife, nach Alpatytschs Angabe in diesem Jahr ungewöhnlich gute Sommergetreide abgemäht. Die Bauern waren zugrunde gerichtet; die meisten waren ebenfalls nach Bogutscharowo gezogen; ein kleiner Teil war zurückgeblieben.
Fürst Andrei fragte, ohne seinen Bericht zu Ende zu hören:
»Wann sind mein Vater und meine Schwester abgereist?« Er meinte damit, wann sie nach Moskau gefahren wären.