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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Was wäre es denn für uns für eine Anstrengung gewesen, noch zwei Tage dazubleiben? Schließlich wären die Franzosen von selbst abgezogen, weil sie kein Wasser für die Mannschaften und für die Pferde hatten. Er hatte mir sein Wort gegeben, nicht wegzugehen; aber auf einmal schickte er mir seine Disposition, daß er in der Nacht aufbrechen werde. Auf die Art ist eine ordentliche Kriegführung unmöglich, und wir können den Feind bald nach Moskau hinführen …

Es geht das Gerücht, daß Sie an Frieden denken. Gott behüte uns jetzt vor einem Friedensschluß! Wenn Sie nach all diesen Opfern und nach einem so sinnlosen Rückzug Frieden schließen wollten, würden Sie ganz Rußland gegen sich aufbringen, und jeder von uns würde es für eine Schande halten, die Uniform zu tragen. Da es einmal so weit gekommen ist, müssen wir uns auch schlagen, solange Rußland kann und solange wir Truppen auf den Beinen haben.

Das Kommando muß einer haben, nicht zwei. Ihr Minister ist vielleicht brauchbar dazu, ein Ministerium zu verwalten, aber als General ist er nicht etwa nur mäßig, sondern geradezu jammervoll; und einem solchen Mann hat man das Schicksal unseres ganzen Vaterlandes in die Hände gelegt … Wahrhaftig, ich verliere den Verstand vor Ärger; verzeihen Sie mir, daß ich so dreist schreibe. Das ist klar: wer da rät, den Minister die Armee kommandieren zu lassen und Frieden zu schließen, der liebt den Kaiser nicht und wünscht uns allen den Untergang. Also ich gebe Ihnen den guten Rat: setzen Sie die Landwehr in Bereitschaft. Denn der Minister führt in der meisterhaftesten Art und Weise unsere fremden Gäste hinter sich her nach der Hauptstadt. Das größte Mißtrauen erweckt bei der ganzen Armee der Herr Flügeladjutant Wolzogen. Man sagt, er stehe mehr auf Napoleons Seite als auf der unsrigen, und doch ist er es, der den Minister in allem berät. Ich bin gegen ihn nicht nur höflich, sondern gehorche ihm sogar wie ein Korporal, obwohl ich einen höheren Dienstrang habe. Das ist schmerzlich für mich; aber aus Liebe zu meinem Kaiser und Wohltäter gehorche ich. Mir tut nur der Kaiser leid, daß er seine prächtige Armee solchen Menschen anvertraut. Stellen Sie sich vor, daß wir durch unsern Rückzug mehr als fünfzehntausend Mann infolge von Erschöpfung und in den Hospitälern verloren haben; wenn wir angegriffen hätten, wäre das nicht geschehen. Ich bitte Sie um alles in der Welt: was wird unsere Mutter Rußland dazu sagen, daß wir uns so feige zeigen, und warum vertrauen wir unser braves, opferfreudiges Vaterland diesem Gesindel an und erfüllen das Herz eines jeden Untertanen mit Haß und Beschämung? Wovor brauchen wir denn Angst zu haben, und wen haben wir zu fürchten? Ich kann nichts dafür, daß der Minister unentschlossen, feige, unverständig und langsam ist und alle möglichen schlechten Eigenschaften besitzt. Die ganze Armee ist darüber unglücklich, schimpft auf ihn und wünscht ihm den Tod.«

VI

Man kann die Erscheinungen des sozialen Lebens, wie nach unzähligen anderen Einteilungsprinzipien, so auch danach einteilen, ob bei ihnen der Inhalt oder die Form vorwiegt. Zu diesen letzteren ist, im Gegensatz zu dem Leben auf dem Land, in den Provinzialstädten, ja selbst in Moskau, das Leben in Petersburg zu zählen, und ganz besonders das Leben in den Salons.

Dieses Leben unterliegt keinen Veränderungen. Seit dem Jahr 1805 hatten wir mit Bonaparte Frieden geschlossen und von neuem Streit bekommen, hatten Staatsverfassungen geschaffen und wieder aufgehoben; aber der Salon Anna Pawlownas und der der Gräfin Besuchowa waren genau dieselben geblieben, die sie, der eine sieben, der andere fünf Jahre vorher, gewesen waren. Ganz in derselben Weise wie früher sprach man bei Anna Pawlowna mit verständnisloser Verwunderung von Bonapartes Erfolgen und sah sowohl in diesen Erfolgen als auch in der Nachgiebigkeit der europäischen Monarchen gegen ihn lediglich das Resultat einer boshaften Verschwörung, deren einziger Zweck es sei, denjenigen Kreis der Hofgesellschaft, dessen Repräsentantin Anna Pawlowna war, zu ärgern und zu beunruhigen. Und die gleiche Unveränderlichkeit wies auch der Salon der schönen Helene auf, welche sogar Rumjanzew selbst seiner Besuche würdigte und für eine Frau von bemerkenswertem Verstand erklärte: hier sprach man im Jahr 1812 genauso wie im Jahre 1808 mit Enthusiasmus von der großen Nation und dem großen Mann und bedauerte lebhaft unseren Bruch mit Frankreich, der nach der Ansicht der Personen, die sich in Helenes Salon versammelten, baldigst durch einen Friedensschluß beendet werden müsse.

In der letzten Zeit, nach der Rückkehr des Kaisers von der Armee, hatte sich dieser beiden einander gegenüberstehenden Salonkreise eine gewisse Erregung bemächtigt, und es waren mehrmals Demonstrationen des einen Kreises gegen den andern erfolgt; aber die Richtung der beiden Kreise war unverändert geblieben. In Anna Pawlownas Kreis fanden von Franzosen nur eingefleischte Legitimisten Aufnahme, und der Patriotismus bekundete sich in der Forderung, man solle nicht mehr das französische Theater besuchen, und in der Entrüstung darüber, daß die Unterhaltung dieser Schauspielertruppe ebensoviel koste wie die Unterhaltung eines ganzen Armeekorps. Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz verfolgte man mit lebhaftestem Interesse und kolportierte die für unsere Armee günstigsten Gerüchte. In Helenes Kreis dagegen, der französisch gesinnt war und auch Rumjanzew zu seinen Mitgliedern zählte, wurde den Gerüchten über die Grausamkeit des Feindes und die Greuel des Krieges widersprochen und alle Versuche Napoleons, eine Aussöhnung herbeizuführen, anerkennend gewürdigt. In diesem Kreis schalt man auf diejenigen, die zu verfrühten Maßnahmen geraten hatten, so zu einer Verlegung des Hofes und der unter dem Protektorat der Kaiserinmutter stehenden weiblichen Erziehungsanstalten nach Kasan. Überhaupt wurde in Helenes Salon der ganze Krieg als eine leere Demonstration aufgefaßt, die sehr bald durch den Friedensschluß ein Ende finden werde, und es herrschte die Anschauung Bilibins, der jetzt in Petersburg Helenes Hausfreund war (jeder geistreiche Mann mußte in ihrem Salon verkehren), daß der Streit nicht durch das Pulver, sondern durch diejenigen, die es erfunden hätten, erledigt werde. In diesem Kreis machte man sich in ironischer und sehr geistreicher Weise, jedoch mit großer Vorsicht, über den Moskauer Enthusiasmus lustig, von welchem zugleich mit der Rückkehr des Kaisers Nachrichten nach Petersburg gelangt waren.

In Anna Pawlownas Kreis dagegen war man von diesem Enthusiasmus entzückt und sprach von den Moskauern wie Plutarch von den Patrioten des Altertums. Fürst Wasili, der immer noch dieselben hohen Ämter bekleidete, bildete das Verbindungsglied zwischen den beiden Kreisen. Er verkehrte, wie er sich ausdrückte, sowohl bei seiner guten Freundin Anna Pawlowna als auch in dem Diplomatensalon seiner Tochter, und bei dem beständigen Hin- und Herwechseln von einem Lager in das andere verwirrte er sich oft und sagte bei Helene etwas, was er bei Anna Pawlowna hätte sagen sollen, und umgekehrt.

Bald nach der Rückkehr des Kaisers beteiligte sich Fürst Wasili bei Anna Pawlowna an einem Gespräch über die Kriegsangelegenheiten, tadelte dabei Barclay de Tolly auf das schärfste, war sich aber noch nicht klar darüber, wer am zweckmäßigsten zum Oberkommandierenden zu ernennen sei. Ein anderer Gast, bekannt unter der Bezeichnung »ein Mann von großen Verdiensten«, erzählte, er habe heute gesehen, wie der zum Befehlshaber der Petersburger Landwehr ernannte Kutusow sich im Kameralhof an einer Beratung über die Einstellung der Wehrleute beteiligt habe, und knüpfte daran vorsichtig die Vermutung, daß Kutusow wohl der Mann sein könne, der allen Anforderungen entsprechen werde.

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