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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Anna Pawlowna lächelte trübe und bemerkte, Kutusow habe dem Kaiser bisher immer nur Unannehmlichkeiten bereitet.

»Ich habe in der Adelsversammlung geredet und geredet«, fiel ihr Fürst Wasili ins Wort, »aber man wollte nicht auf mich hören. Ich habe gesagt, seine Wahl zum Befehlshaber der Landwehr werde dem Kaiser nicht gefallen. Aber sie hörten nicht darauf.

Es herrscht eine wahre Manie, zu frondieren«, fuhr er fort. »Und gegen wen? Und das kommt alles daher, daß wir den dummen Enthusiasmus der Moskauer nachäffen wollen«, sagte Fürst Wasili, der für einen Augenblick vergaß, daß man sich bei Helene über den Enthusiasmus der Moskauer lustig machen, bei Anna Pawlowna aber von ihm entzückt sein mußte. Aber er kam sogleich wieder in das richtige Geleise. »Nun, paßt sich das etwa, daß Graf Kutusow, der älteste General in Rußland, im Kameralhof sitzt? Den Oberbefehl zu bekommen wird ihm ja doch nicht gelingen. Kann denn etwa zum Oberkommandierenden ein Mann ernannt werden, der nicht zu Pferde sitzen kann, der bei Beratungen einschläft und dessen unmoralischer Lebenswandel allgemein bekannt ist? Ein nettes Renommee hat er sich in Bukarest gemacht! Von seinen Eigenschaften als General will ich nicht reden; aber kann denn in einem solchen Augenblick zum Oberkommandierenden ein Mensch ernannt werden, der altersschwach und blind ist? Jawohl, geradezu blind. Ein blinder General, das wird sich vorzüglich machen! Er sieht gar nichts. Es wird das reine Blindekuhspiel werden … Absolut nichts sieht er!«

Niemand hatte etwas darauf zu entgegnen.

Am 24. Juli war dies vollständig richtig. Aber am 29. Juli wurde Kutusow in den Fürstenstand erhoben. Diese Erhebung konnte ja nun freilich auch die Bedeutung haben, daß man sich von ihm freizumachen wünschte, und darum war das Urteil des Fürsten Wasili noch nicht als unrichtig erwiesen, wiewohl er sich jetzt nicht mehr beeilte es auszusprechen. Aber am 8. August wurde ein Komitee, bestehend aus dem Generalfeldmarschall Saltykow, Araktschejew, Wjasmitinow, Lopuchin und Kotschubei, berufen, welches über die Kriegsangelegenheiten ein Gutachten abgeben sollte. Und dieses Komitee kam zu dem Schluß, die Mißerfolge seien auf die Vielköpfigkeit der Oberleitung zurückzuführen; und obgleich den Personen, die das Komitee bildeten, die Abneigung des Kaisers gegen Kutusow bekannt war, brachte das Komitee dennoch nach kurzer Beratung die Ernennung Kutusows zum Oberkommandierenden in Vorschlag. Und noch an demselben Tag wurde Kutusow zum unumschränkten Oberkommandierenden der Armee und des ganzen von den Truppen besetzten Gebietes ernannt.

Am 9. August traf Fürst Wasili bei Anna Pawlowna wieder mit dem Mann von großen Verdiensten zusammen. Der Mann von großen Verdiensten bemühte sich sehr um Anna Pawlownas Gunst, weil er den Wunsch hatte, zum Kurator eines weiblichen Erziehungsinstitutes ernannt zu werden. Fürst Wasili trat mit der Miene eines glücklichen Siegers ins Zimmer, mit der Miene eines Mannes, der das Ziel seiner Wünsche erreicht hat.

»Nun, Sie kennen gewiß schon die große Neuigkeit. Fürst Kutusow ist Feldmarschall. Alle Meinungsverschiedenheiten in der Oberleitung haben nun ein Ende. Ich bin so glücklich, so froh!« sagte Fürst Wasili. »Das ist endlich einmal ein Mann!« fügte er hinzu und blickte alle im Salon Anwesenden ernst und bedeutungsvoll an.

Der Mann von großen Verdiensten konnte trotz seines Wunsches, die Stelle zu bekommen, sich nicht enthalten, den Fürsten Wasili an das Urteil zu erinnern, das dieser vor kurzem ausgesprochen hatte. (Dies war unhöflich, sowohl gegen den Fürsten Wasili in Anna Pawlownas Salon als auch gegen Anna Pawlowna, welche diese Neuigkeit ebenso freudig begrüßt hatte; aber er konnte sich eben nicht beherrschen.)

»Aber, Fürst, es heißt doch, er sei blind«, bemerkte er, um damit den Fürsten Wasili an dessen eigene Worte zu erinnern.

»Sagen Sie das nicht; der sieht schon genug!« erwiderte Fürst Wasili schnell mit tiefer Stimme und einem besonderen Räuspern, mit jener Stimme und jenem Räuspern, womit er alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen gewohnt war.

»Sagen Sie das nicht; der sieht schon genug«, wiederholte er. »Und worüber ich mich besonders freue, das ist, daß der Kaiser ihm unumschränkte Gewalt über alle Armeen und den gesamten Kriegsschauplatz gegeben hat. Das ist eine Macht, wie sie noch nie ein Oberkommandierender besessen hat; er ist geradezu ein zweiter Herrscher«, schloß er mit einem siegesfrohen Lächeln.

»Gott gebe dazu seinen Segen!« sagte Anna Pawlowna.

Der Mann von großen Verdiensten, der in der höfischen Gesellschaft noch ein Neuling war, wollte gern Anna Pawlowna dadurch etwas Angenehmes erweisen, daß er für eine von ihr früher ausgesprochene Ansicht einen Beleg beibrachte, und äußerte daher:

»Es heißt, der Kaiser habe Kutusow diese Macht nur ungern übertragen. Er soll rot geworden sein wie ein junges Mädchen, dem man Lafontaines ›Jaconde‹ vorliest, als er zu ihm sagte: ›Der Herrscher und das Vaterland übertragen Ihnen dieses ehrenvolle Amt.‹«

»Mag sein, daß sein Herz nicht dabei beteiligt war«, sagte Anna Pawlowna.

»O nein, nein!« fiel Fürst Wasili mit der Wärme eines eifrigen Verteidigers ein. Jetzt durfte er nicht mehr dulden, daß jemand von Kutusow etwas Nachteiliges sagte. Nach des Fürsten Wasili Ansicht war Kutusow nicht nur selbst ein vortrefflicher Mensch, sondern er wurde auch von allen vergöttert. »Nein, das ist unmöglich; der Kaiser hat ihn schon früher außerordentlich zu schätzen gewußt«, sagte er.

»Gott gebe nur«, sagte Anna Pawlowna, »daß Fürst Kutusow tatsächlich eine so umfassende Amtsgewalt erhalten hat und sich von niemandem Knüttel in die Räder werfen läßt.«

Fürst Wasili verstand sofort, auf wen das ging: »von niemandem«. Er bemerkte flüsternd:

»Ich weiß bestimmt, daß Kutusow als unerläßliche Bedingung verlangt hat, der Thronfolger dürfe nicht bei der Armee sein. Wissen Sie, was er zum Kaiser gesagt hat?«

Und Fürst Wasili führte die Worte an, die Kutusow angeblich zum Kaiser gesagt hatte: »Ich kann ihn nicht bestrafen, wenn er etwas schlecht macht, und nicht belohnen, wenn er etwas gut macht.«

»Oh, er ist ein überaus kluger Kopf, der Fürst Kutusow; ich kenne ihn seit langer Zeit«, fügte Fürst Wasili hinzu.

»Es heißt sogar«, sagte der Mann von großen Verdiensten, der noch keinen höfischen Takt besaß, »der durchlauchtige Fürst habe zur unerläßlichen Bedingung gemacht, daß der Kaiser selbst nicht zur Armee komme.«

Sowie er das gesagt hatte, wendeten sich im gleichen Augenblick Fürst Wasili und Anna Pawlowna von ihm weg und blickten einander traurig mit einem Seufzer über seine Naivität an.

VII

Während dies in Petersburg vorging, hatten die Franzosen bereits Smolensk passiert und rückten Moskau immer näher. Napoleons Geschichtsschreiber Thiers sagt in dem Bemühen, seinen Helden zu rechtfertigen, ebenso wie die anderen Geschichtsschreiber Napoleons, Napoleon sei wider seinen Willen zu den Mauern Moskaus hingeleitet worden. Er hat in demselben Maß recht, in welchem alle Geschichtsschreiber recht haben, die die historischen Ereignisse aus dem Willen eines einzelnen Menschen zu erklären suchen; er hat in demselben Maß recht, in welchem die russischen Geschichtsschreiber recht haben, welche behaupten, Napoleon sei durch die Kunst der russischen Heerführer nach Moskau gelockt worden. Hier kommt außer dem Gesetz der Retrospektivität (der rückschauenden Betrachtung), nach welchem alles Vorhergehende als eine Vorbereitung auf das stattgefundene Ereignis aufgefaßt wird, noch die Wechselseitigkeit in Betracht, durch welche die ganze Sache verwirrt wird. Wenn ein guter Schachspieler eine Partie verloren hat, so wird er fest überzeugt sein, daß der Verlust der Partie von einem Fehler herrührt, den er begangen hat, und wird diesen Fehler in den Anfangsstadien des Spieles suchen; aber er vergißt dabei, daß bei jeder seiner Kombinationen, im Verlauf des ganzen Spieles, ihm ebensolche Fehler begegnet sind, und daß kein einziger Zug völlig korrekt gewesen ist. Der Fehler, auf den er seine Aufmerksamkeit richtet, scheint ihm nur deswegen bemerkenswert, weil der Gegner ihn ausgenutzt hat. Und um wieviel komplizierter als eine Schachpartie ist nun noch das Spiel des Krieges, das unter bestimmten zeitlichen Bedingungen vor sich geht, und wo nicht etwa ein einziger Wille leblose Maschinen lenkt, sondern alles das Resultat zahlloser Zusammenstöße der mannigfaltigsten selbständigen Willensregungen ist?

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