Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Alpatytsch begab sich mit eiligerem Schritte, als es sonst in seiner Gewohnheit lag, auf den Hof und ging geradewegs unter das Schuppendach zu seinen Pferden und seinem Wagen. Der Kutscher schlief. Er weckte ihn, befahl ihm anzuspannen und ging ins Haus auf den Flur. Aus dem Zimmer der Wirtsleute war das Weinen eines Kindes, das laute, krampfhafte Schluchzen einer Frau und die heisere, zornig schreiende Stimme Ferapontows zu hören. Die Köchin lief, als Alpatytsch eintrat, ganz verstört wie eine geängstigte Henne im Flur umher.
»Halbtot hat er sie geschlagen … seine Frau! So furchtbar hat er sie geschlagen, durch das ganze Zimmer hat er sie geschleppt …!«
»Weswegen denn?« fragte Alpatytsch.
»Sie bat ihn, er möchte sie mit einem Wagen fortschaffen. ›Ich muß doch als Mutter für die Familie sorgen‹, sagte sie. ›Schaff mich fort; morde mich nicht mit den kleinen Kindern! Alle Leute‹, sagte sie, ›sind schon weggefahren; wozu bleiben wir noch hier?‹ sagte sie. Und da hat er sie geprügelt. So furchtbar hat er sie geprügelt, und in der Stube umhergeschleppt hat er sie!«
Alpatytsch nickte wie zustimmend zu diesen Worten mit dem Kopf und ging, da er nichts weiter davon hören mochte, zu dem der Stube der Wirtsleute gegenüberliegenden Zimmer hin, in welchem er seine Einkäufe liegen hatte.
»Du Bösewicht, du Mörder!« schrie in diesem Augenblick eine magere, blasse Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm und mit heruntergerissenem Kopftuch, welche aus der Tür herausgestürzt kam und die Treppe hinunter auf den Hof lief.
Hinter ihr her kam Ferapontow aus dem Zimmer; als er Alpatytsch erblickte, schob er sich seine Weste zurecht, brachte sein Haar in Ordnung, gähnte und ging hinter Alpatytsch her in dessen Zimmer.
»Willst du denn schon abfahren?« fragte er.
Ohne auf die Frage zu antworten und ohne sich nach dem Wirt umzuwenden, suchte Alpatytsch die eingekauften Sachen zusammen und fragte, wieviel er ihm für das Quartier schuldig wäre.
»Wir berechnen uns schon noch miteinander! Nun, bist du beim Gouverneur gewesen?« fragte Ferapontow. »Was hast du denn für Bescheid bekommen?«
Alpatytsch antwortete, daß der Gouverneur ihm nichts Bestimmtes gesagt habe.
»Können wir uns etwa bei unserem Geschäft davonmachen?« sagte Ferapontow. »Und bis Dorogobusch gibt man für eine Fuhre sieben Rubel. Ich sage ja: die Kerle sind die reinen Unchristen!« Dann fuhr er fort: »Seliwanow, der hat es am Donnerstag gut getroffen; er hat sein Mehl an die Armee für neun Rubel den Sack verkauft. Na, wie ist’s? Willst du noch Tee trinken?« fügte er hinzu.
Während die Pferde angespannt wurden, tranken Alpatytsch und Ferapontow zusammen Tee und unterhielten sich über den Getreidepreis, über die Ernte und über das gute Erntewetter.
»Das Schießen ist doch stiller geworden«, sagte Ferapontow, nachdem er drei Tassen Tee getrunken hatte, und stand auf. »Gewiß haben die Unsrigen gesiegt. Es war ja auch angekündigt worden, sie würden den Feind nicht hereinlassen. Ja, ja, ein starkes Heer! Und neulich hieß es, Matwjei Iwanowitsch Platow habe sie in die Marina getrieben und so gegen achtzehntausend an einem Tag ersäuft.«
Alpatytsch nahm seine Einkäufe zusammen, übergab sie dem eintretenden Kutscher und bezahlte dem Wirt, was er schuldig war. Man hörte vom Torweg her, wie der Reisewagen hinausfuhr: die Räder rasselten, die Hufe klapperten, die Schellen klingelten.
Der Mittag war schon lange vorüber; die eine Hälfte der Straße lag im Schatten, die andere war hell von der Sonne beschienen. Alpatytsch warf einen Blick durch das Fenster und ging zur Tür. Auf einmal erscholl ein seltsamer Laut: ein fernes Pfeifen und ein ferner Schlag, und gleich darauf ertönte das ineinanderfließende Getöse einer gewaltigen Kanonade, von der die Fenster erzitterten.
Alpatytsch trat auf die Straße hinaus; auf der Straße liefen zwei Männer nach der Brücke zu. Von verschiedenen Stellen her hörte man das Pfeifen und Einschlagen der Kanonenkugeln und das Platzen der Granaten, die in der Stadt niederfielen. Aber diese Töne waren viel weniger zu vernehmen und zogen die Aufmerksamkeit der Einwohner in weit geringerem Grad auf sich als der Donner der Kanonade, der von außerhalb her nach der Stadt herübertönte. Es war dies das Bombardement, das Napoleon um fünf Uhr aus hundertunddreißig Geschützen auf die Stadt hatte eröffnen lassen. Anfänglich begriff das Volk die Bedeutung dieses Bombardements noch nicht.
Der Schall der niederfallenden Granaten und Kanonenkugeln erweckte zunächst nur Neugier. Ferapontows Frau, die bis dahin immer noch unter dem Schuppendach geheult hatte, wurde still, kam mit dem Kind auf dem Arm zum Torweg hinaus, blickte schweigend auf das Volk und horchte nach den ungewohnten Tönen hin.
Auch die Köchin und der Ladendiener kamen ans Tor. Alle bemühten sich mit fröhlicher Neugier, die über ihre Köpfe hinfliegenden Geschosse mit den Augen zu verfolgen. Um die Straßenecke herum kamen einige Männer in lebhaftem Gespräch.
»Das hat einmal eine Wucht!« sagte der eine. »Das Dach und die Decke hat es kurz und klein geschlagen.«
»Und die Erde hat es aufgewühlt wie ein Schwein«, fügte der andre hinzu. »Ja, das ist etwas Großartiges; da hat er uns einmal recht aufgemuntert!« bemerkte er lachend. »Sei nur froh, daß du noch beiseite sprangst; sonst hättest du etwas abbekommen.«
Die Volksmenge wandte sich zu diesen Männern. Sie blieben stehen und erzählten, daß dicht neben ihnen Kanonenkugeln in ein Haus eingeschlagen wären. Unterdessen flogen unaufhörlich andere Geschosse, bald mit schnellem, mürrischem Sausen Kanonenkugeln, bald mit angenehm klingendem Pfeifen Granaten, über die Köpfe der Volksmenge hin; aber kein einziges Geschoß fiel in der Nähe nieder; alle flogen drüber weg. Alpatytsch setzte sich in seinen Wagen; der Wirt stand am Tor.
»Was hast du da zu suchen?« schrie er der Köchin zu, die mit aufgestreiften Ärmeln, im roten Unterrock, die nackten Ellbogen hin und her bewegend, nach der Straßenecke gegangen war, um zu hören, was da erzählt wurde.
»Erstaunlich, erstaunlich!« sagte sie einmal über das andere. Aber als sie die Stimme des Wirtes hörte, kam sie, den aufgeschürzten Unterrock zurechtziehend, wieder zurück.
Wieder, aber diesmal sehr nahe, pfiff etwas wie ein von oben nach unten herabfliegender Vogel; Feuer blitzte mitten auf der Straße auf; ein Knall ertönte, und die Straße wurde von Rauch verdunkelt.
»Du Biest von Kugel, was richtest du da an?« schrie der Wirt und lief zu der Köchin hin.
In dem gleichen Augenblick fingen auf verschiedenen Seiten Weiber kläglich zu heulen an; das kleine Kind weinte erschrocken los; schweigend und mit bleichen Gesichtern drängte sich das Volk um die Köchin. Aus diesem Schwarm heraus waren die Schmerzenslaute und Klagen der Köchin deutlich vernehmbar.
»O weh, ach, ach, liebe Leute! Meine lieben, guten Leute! Laßt mich nicht sterben! Meine lieben, guten Leute!«
Fünf Minuten darauf war niemand mehr auf der Straße. Die Köchin, der ein Granatsplitter die Hüfte zerrissen hatte, hatte man in die Küche getragen. Alpatytsch, sein Kutscher, Ferapontows Frau mit ihren Kindern und der Hausknecht saßen im Keller und horchten. Der Donner der Geschütze, das Pfeifen der Geschosse und das klägliche Gestöhn der Köchin, welches alle andern Laute übertönte, verstummten keinen Augenblick. Die Wirtin schaukelte bald ihr kleines Kind hin und her und redete ihm beruhigend zu, bald fragte sie flüsternd einen jeden, der in den Keller kam, wo ihr Mann sei, der auf der Straße geblieben war. Der Ladendiener, der ebenfalls in den Keller kam, teilte ihr mit, ihr Mann sei mit vielen anderen Leuten in die Kathedrale gegangen, wo das wundertätige Muttergottesbild von Smolensk ausgestellt worden sei.
Als es zu dämmern begann, wurde die Kanonade schwächer. Alpatytsch ging aus dem Keller hinaus und trat in die Haustür. Der vorher klare Abendhimmel war ganz mit Rauch überzogen. Und durch diesen Rauch schimmerte die junge, hochstehende Mondsichel seltsam hindurch. Seit der frühere furchtbare Geschützdonner schwieg, schien über der Stadt Ruhe zu lagern, die nur durch ein scheinbar durch die ganze Stadt verbreitetes Geräusch von Schritten, von Gestöhn, von fernem Geschrei und vom Knistern der Feuersbrünste unterbrochen wurde. Das Stöhnen der Köchin war jetzt verstummt. Auf zwei Seiten erhoben sich schwarze Rauchsäulen von Feuersbrünsten und zerteilten sich oben. Auf der Straße gingen und liefen, nicht in geordneten Reihen, sondern wie Ameisen aus einem zerstörten Haufen, Soldaten in verschiedenen Uniformen und nach verschiedenen Richtungen. Vor Alpatytschs Augen liefen einige von ihnen auf Ferapontows Hof. Alpatytsch trat in den Torweg. Irgendein Regiment, das hastig und sich drängend zurückging, versperrte die Straße.