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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Wie auf Bestellung klingelte in diesem Moment das Telefon. Na endlich!, dachte Clay, der seine Sekretärin angewiesen hatte, sämtliche Anrufer abzuwimmeln. »Clay hier«, meldete sich der Viersternegeneral, den Hörer in der linken, den Kaffeebecher in der rechten Hand. »Was gibt’s?«

Am anderen Ende der Leitung war ein zögerliches Räuspern zu hören. Dann kam der Stabsoffizier, den er mit der Untersuchung des Absturzes der C-54 Skymaster beauftragt hatte, zur Sache.

Und Lucius D. Clays Kaffee wurde kalt.

»Sagen Sie das noch mal!«, stieß Clay ungläubig hervor, während er den Becher zur Seite schob. »Eine sowjetische Flugabwehrkanone vom Typ 2M-3?«

»In der Tat, Sir«, krächzte es aus dem Hörer, wobei dem Anrufer beinahe die Stimme versagte. »Sozusagen der letzte Schrei. Kaliber 25 Millimeter, zwei Rohre mit bis zu 300 Schuss pro Minute. Reichweite 3.000 Meter, circa eineinhalb Tonnen schwer. Direkt unter der Einflugschneise des Flughafens platziert. Die Bastarde haben genau gewusst, was sie tun.«

»Eineinhalb Tonnen schwer?« Clay machte ein ungläubiges Gesicht. »Dann müssen es aber verdammt viele Bastarde gewesen sein.«

»So um die sechs, sieben Stück. Sagt zumindest die Spurensicherung.«

»Und die Flugabwehrkanone?«

»Immer noch an Ort und Stelle, Sir.«

»Wie bitte?«

Aus dem Hörer erklang ein weiteres Räuspern. »Sie haben richtig gehört, Sir. Das Corpus Delicti ist immer noch da. Wie bestellt und nicht abgeholt. In Sichtweite des Jagdschlosses Grunewald. Von diesen russischen Scheißkerlen allerdings keine Spur. Sieht so aus, als sei ihnen jemand in die Quere gekommen.«

Clay fuhr mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken und schwieg. An dieser Sache war etwas faul. So sicher wie das Amen in der Kirche. Blieb zu klären, was. So dumm, das Neueste vom Neuen einfach liegen zu lassen, waren die Russen bestimmt nicht. Und ausgerechnet im britischen Sektor. Ausgeschlossen. Clay fuhr mit dem Handballen über die geschlossenen Lider. In was für einen Schlamassel bin ich da bloß hineingeraten!, dachte er gequält. »Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass es die Russen waren, Lieutenant?«

Dieses Räuspern konnte einen wirklich wahnsinnig machen. »Wer soll es denn sonst gewesen sein, Sir?«

»Gute Frage.«

»Von einem Motiv, das die Täter ja wohl haben, gar nicht zu reden.«

»Nun machen Sie aber mal halblang, junger Mann«, stauchte Clay seinen Gesprächspartner zusammen. »Einmal angenommen, Sie hätten recht – haben Sie überhaupt eine Ahnung, worauf sich Stalin und Co. folglich gefasst machen müssten?«

»Klar, Sir«, antwortete der Stabsoffizier in markigem Ton. »Wir würden Sie in die Steinzeit zurückbomben.«

»Und womit, Sie Schlauberger?«

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Kein Räuspern!, fuhr es Clay in einem Anflug von Galgenhumor durch den Sinn. Immerhin etwas. »Mithilfe von Bomben, Sir, oder liege ich da falsch?« Die Erleuchtung kam spät, aber nicht zu spät. »Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, Sir«, nahm der Lieutenant einen neuen Anlauf, nachdem er mitten im Satz stecken geblieben war, »dass Truman als Erstes Atomwaffen einsetzen würde?«

»Na, was denn sonst?«, schnauzte Clay seinen Gesprächspartner an. »Bin ich denn hier von lauter Idioten umgeben? Wenn, dann wäre das doch die einzige Möglichkeit, ihnen eins vor den Latz zu knallen. Oder muss ich Ihnen erzählen, dass die Russen immer noch über viereinhalb Millionen Mann unter Waffen haben? Gesetzt den Fall, wir würden denen mit der Atomkeule eins überbraten – was würde Ihrer Meinung nach geschehen?«

»Somit wäre hier in Berlin der Teufel los.«

»Was Sie nicht sagen!«, knirschte Clay entnervt. »Wenn die ihre 36 Panzerdivisionen in Marsch setzen, können wir einpacken. Kapiert, junger Mann? Als Westpoint-Absolvent müssten Sie das eigentlich wissen. In diesem oder einem ähnlichen Fall wäre die Kacke so richtig am Dampfen. Berlin, Persien, Korea – womöglich sogar gleichzeitig. Damit uns ja nicht langweilig wird.«

»Aber wenn es die Russen nicht waren, Sir, wer sonst?«

»Sehen Sie, junger Mann, jetzt kommen wir der Sache schon näher.« In Gedanken wieder bei der abgeschossenen C-54, hüllte sich der Gouverneur des US-Sektors in Schweigen. Da hatte er sich ja etwas Schönes eingebrockt, nichts im Vergleich zum D-Day, seinerzeit als Eisenhowers Stabschef. Das hier war eine Nummer größer. Und hoffentlich nicht eine Nummer zu groß für ihn.

»Sind Sie noch dran, Sir?«

Clay brummte etwas, das der Stabsoffizier nicht verstand und auch nicht verstehen sollte und kehrte in Gedanken in die Gegenwart zurück. »War das alles?«, fragte er, in der stillen Hoffnung, der Tag möge ihm keine weiteren Hiobsbotschaften mehr bescheren.

Der Lieutenant bejahte.

»Dann hören Sie jetzt mal gut zu, junger Mann«, redete Clay geradezu beschwörend auf ihn ein. »Das, worüber wir gerade gesprochen haben, bleibt unter uns. Ist das klar?«

»Selbstverständlich, Sir«, lautete die Antwort des Stabsoffiziers, aus dessen Tonfall ein gerüttelt Maß an Skepsis herauszuhören war. »Klarer Fall von oberster Geheimhaltungsstufe.«

»Und das gilt nicht nur für Sie und mich, kapiert? Wer die Klappe nicht hält, geht in den Bau. Am besten gleich ein paar Monate, damit dem Betreffenden nicht zu wohl wird. Oder er kommt vor ein Kriegsgericht, je nachdem. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, junger Mann?«

»Auf alle Fälle, Sir.«

»Sonst noch was, Lieutenant?«

Ein Knacken, gefolgt von betretenem Schweigen. Clay wollte gerade auflegen, als der Ordonnanzoffizier den Mut aufbrachte, den rhetorischen Charakter der Frage zu ignorieren. »Ja, Sir«, lautete die zögerliche Antwort, »ich hätte da noch ein Anliegen.«

»Und das wäre?«

»Was ist mit den Angehörigen der Besatzung, Sir? Meinen Sie nicht, wir müssen ihnen reinen Wein einschenken?«

»Gar nichts müssen wir«, warf Clay kategorisch ein. »Schon vergessen, was ich Ihnen gerade eingeimpft habe?«

»Nein, Sir.«

Clay verdrehte die Augen. Irgendwie konnte einem dieser Jungspund aus Montana ja leidtun. So etwas von naiv hatte die Welt noch nicht gesehen. »Denken Sie sich halt was aus«, wies er den Lieutenant an. »Schließlich kann ich mich nicht um alles kümmern.«

»Und die Russen, Sir?«

»Nur die Ruhe, mein Sohn«, antwortete Clay gequält. »Was Stalin, Berija und Co. angeht, werden wir weiter so tun, als sei die ganze rote Brut nicht …«

Weiter kam Lucius D. Clay, Stadtkommandant und Militärgouverneur, nicht mehr. Denn auf einmal war die Leitung tot. In seiner Ratlosigkeit, die allerdings nicht von langer Dauer war, führte der Anrufer dies zunächst auf das ungestüme Temperament seines Vorgesetzten zurück. Es dauerte allerdings nicht lange, bis er erfuhr, was im amerikanischen Hauptquartier an der Saargemünder Straße, Sitz des ehemaligen Luftgaukommandos III, wirklich geschehen war.

Aber da war die Bombe, die unweit des Haupteingangs in einem PKW versteckt gewesen und zwei Wachposten nebst einem Zivilangestellten zum Verhängnis geworden war, längst explodiert.

22

Berlin-Mitte, Brandenburger Tor | 15.50 h

›Sie verlassen den britischen Sektor‹ – an diese oder ähnliche Schilder konnte er sich einfach nicht gewöhnen, und je öfter er mit ihnen konfrontiert wurde, umso mehr hingen sie ihm zum Hals heraus.

Verlorener Krieg hin oder her.

An der Realität, das heißt der Situation seiner geteilten Heimatstadt, änderte dies jedoch nichts. Das wusste Sydow genau. Und es war der Grund, weshalb er das Schild in Sichtweite des Brandenburger Tores geflissentlich ignorierte und einen Blick auf die andere Seite warf. Die sowjetischen Posten, fast noch Kinder, dafür aber mit umgehängter Kalaschnikow, waren nicht zu übersehen. Genauso wenig wie das Porträt von Stalin auf dem Pariser Platz. So viel zum Thema Realität, dachte Sydow, steckte die Hände in die Taschen und schlenderte auf die Sektorengrenze zu. Mehr als drei Jahre war der Krieg nun vorbei, und noch immer waren die Schäden nicht zu übersehen. Wäre der Tag nicht so schön gewesen, hätten die Schutthaufen, Einschusslöcher und das demolierte Adlon noch viel deprimierender auf ihn gewirkt. Nichts als Ruinen, Trümmerteile und Schutt, Schutt und nochmals Schutt. Kaum ein Gebäude, das nichts abbekommen hatte, angefangen beim Kronprinzenpalais, über die Staatsoper bis hierher zum Brandenburger Tor. Seit Kriegsende hatte sich zwischen Brandenburger Tor und Lustgarten so gut wie nichts getan, da konnten Ulbricht und Genossen rumtönen, wie sie wollten. Sobald Väterchen Stalin nicht mehr seine schützende Hand über sie halten würde, wäre es aus und vorbei mit ihnen. Für ihn, und nicht nur für ihn, stand das unverrückbar fest.

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