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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Ungefähr vor einem Jahr, Anfang 2012, sagte ein gemeinsamer Bekannter von BAB und mir: »Da steige ich ins Flugzeug von Tel Aviv nach London und denke, ich bin verrückt: Da sitzt Beresowski! Ich schaute genauer hin: Er ist es wirklich …«

Für einen Menschen, der seit 1993 nur mit Privatjets unterwegs gewesen war, ist ein Statusverlust überaus schmerzlich. Seine schizophrene Welt verwandelte sich aus einer bunten in eine verdächtig schwarz-weiße. Als habe jemand den verhohlenen Neid in den Augen seiner Gegner ausgeknipst.

Und die ukrainische Revolution des Jahres 2004, für die BAB 38 Millionen Dollar ausgab? Ganz zu schweigen von seinen intellektuellen Investitionen in den Maidan, den wichtigsten Schlüsselort der »orangenen Revolution«, auf dem sich der Machtwechsel und Epochenwechsel vollzog. Die Nutznießer des Maidan versprachen ihm das Kontrollpaket der Aktien der ukrainischen staatlichen Telefongesellschaft Ukrtelecom. Aber danach wollte ihn niemand mehr nach Kiew einladen.

Und der Tod von Alexander Litwinenko? Ja, wir haben die Geschichte vom Polonium und den blutrünstigen Giftmischern der Russischen Föderation schon millionenfach gehört. Aber warum denkt niemand darüber nach, dass Herr Litwinenko eng mit den spanischen Behörden zusammenarbeitete und gegen einige para­kriminelle Partner von Patarkazischwili vor Gericht aussagen wollte? Warum? Immerhin hatte Patarkazischwili BAB mit Schaum vor dem Mund davon überzeugen wollen, dass der Ex-Major vom russischen Geheimdienst liquidiert worden sei. Und er schaffte es auch, ihn davon zu überzeugen. Beresowski begann erst im letzten Jahr seines Lebens daran zu zweifeln, als Patarkazischwilis wahre Rolle in seinem Leben unerwartet deutlich wurde, wie ein aufklarender Aprilhimmel.

Stunde des Lernens! Doch sehen und kennen

Wir anderes Licht – und im Morgenrot schon

Folgt ihm die andere, gesegnet zu nennen

Die Stunde der Einsamkeit – bitteres Los.

Marina Zwetajewa

Einer der Schöpfer und Symbol der vergehenden Epoche, BAB, machte in seinen letzten 13 Lebensjahren eine große Erfahrung. Danach folgte die unvermeidliche Einsamkeit. Aus der es nur einen Ausweg gab – den Schal.

Ein historisch-humanitäres Gesetz besagt, dass ein Mensch nicht wegen des Alters oder an seinen Krankheiten stirbt, sondern dann, wenn seine Lebensaufgabe erfüllt ist. Die ist in der Kartothek des Herrn festgehalten (die man nicht mit denen der Geheimdienste verwechseln sollte).

Es gibt schöpferische und parasitäre Epochen. Was immer man auch von BAB denken mag, er war ein Mensch der ersten Zeitkategorie, wie es sich für einen Schizophrenen gehört. In der Epoche des Parasitismus gab es keinen Platz für ihn. Ganz objektiv. Aber Menschen mit dieser Charakterprägung sind ja nicht in der Lage, objektiv zu denken. Beresowski richtete keine böse Verschwörung zugrunde, sondern die Paranoia der heutigen Zeit.

Ich beweine ihn, weil ich gern mit ihm zusammen war. Wir konnten zusammen nächtelang über die russische Literatur sprechen. Mit welchen Menschen seines Formats könnte man das sonst noch? Ich weiß es nicht.

Wohl kaum mit Wladimir Putin. Aber die Nähe von Putin und Beresowski blieb bis zu den letzten Tagen erhalten. Davon zeugen die unbeantworteten Briefe und WWPs Kommentare zum Ableben seines »Feindes«.

Trotz allem ist Putin eher ein Mensch als ein Politiker, das sollte man nicht vergessen.

c) Zu Putins Gegnern zählt man üblicherweise auch eine Gruppe russischer Geschäftsleute, die sich in ihrer Heimat durch ihr Vorgehen einigen Ärger eingehandelt haben.

Da wäre, zum Beispiel, Jewgeni Tschitschwarkin, der ehemalige Eigentümer von Ewroset, dem größten Netz von Mobilfunkgeschäftsstellen. 2010 wurde gegen Tschitschwarkin ein Strafprozess wegen des Verdachts auf Schmuggel von Mobilfunkgeräten angestrengt. Der Chef des Sicherheitsdienstes von Ewroset, Boris Lewin, kam deswegen sogar für einige Zeit ins Gefängnis. Tschitschwarkin selbst konnte mit seiner Familie unangetastet nach London, dem Mekka des russischen Großkapitals, ausreisen. Dort kehrte er lautstark den Gegner des »blutigen Regimes« von Waldimir Putin hervor. Die progressive Öffentlichkeit in Russland und außerhalb erkannte den Geschäftsmann praktisch als Opfer der Verfolgung durch den Kreml und Putins Feind an.

Tschitschwarkin trat oft bei oppositionellen Mahnwachen vor der russischen Botschaft in Großbritannien in Erscheinung (wobei er übrigens peinlich darauf achtete, dabei nicht zusammen mit Boris Beresowski gefilmt oder fotografiert zu werden.) Bald darauf stellte sich übrigens heraus, dass an der Firma Ewroset einfach nur deutlich einflussreichere Geschäftsleute Interesse gehabt hatten, insbesondere die Gruppe Alfa-Konsortium und Alexander Mamut. Als Tschitschwarkin seine Aktiva an die »richtigen« Käufer für den richtigen, das heißt, gesenkten Preis verkauft hatte, wurde die Strafanklage gegen den Top-Manager von Ewroset zwar nicht rasch, aber zielstrebig niedergelegt. Der Anführer des »blutigen Regimes«, Putin, blieb offensichtlich auch danach in Unkenntnis der ganzen Geschichte. Oder nehmen wir, zum Beispiel, Alexander Lebedew, den Inhaber der Nationalen Reservenbank, eben jener, der 1996 den Mitarbeitern von Boris Jelzins Wahlkampfstab den legendären »Kopier­papierkarton« zur Verfügung gestellt hatte. Herr Lebedew neigt zu allerlei Formen aufständischen Verhaltens. Er gilt als Eigentümer des Verlagshauses Nowaja Gaseta, das Putin und einigen Figuren aus seiner Umgebung durchaus kritisch gegenübersteht. Die dem Bankier gehörende Zeitung Moskowski Korrespondent versuchte 2007/08 das Geheimnis der angeblichen Affäre Putins mit der Sportlerin Alina Kabajewa zu lüften.

Lebedew erlaubte sich mehrfach ziemlich kritische Äußerungen über das in Russland herrschende politisch-ökonomische Regime. Schließlich brachte der Bankier als Minderheitsaktionär der Fluggesellschaft Aeroflot (die größte russische Fluggesellschaft hat überhaupt immer ziemliches Glück mit ihren oppositionellen Aktionären) 2012 einen der Organisatoren der Protestveranstaltungen auf dem Bolotnaja-Platz und dem Sacharowprospekt in den Direktorenrat – den bekannten Korruptionsgegner Alexei Nawalny. Kritiker des »blutigen Regimes« neigen dazu, Lebedews Schicksal vorzeitig zu beweinen und davon auszugehen, dass man den Geschäftsmann sicher bald verhaften und dann auch umbringen werde. Derartige Ereignisse lassen allerdings schon Jahre auf sich warten. Auf jeden Fall gibt es den Verdacht, Lebedews Aufmüpfigkeit werde sich in Luft auflösen (so wie Beresowskis Vermögen in der verzweigten Patarkazischwili-Familie), sobald die Aktiva der Nationalen Reservenbank an die staatliche Korporation Wneschekonombank – Entwicklungsbank verkauft sind.

Derartige virtuelle Als-ob-Feinde hat Putin viele. Nur hält Putin sie nicht für solche. Und auch die Quasifeinde würden einiges geben für ein geneigtes Lächeln des großmächtigen »Opponenten«.

Dennoch hat der Präsident einen ganz realen Gegner, der aus der Sphäre des großen Kapitals kommt, und dem man fast 13 Jahre russisches Gefängnis aufgebrummt hat. Er heißt Michail Chodorkowski. Anders als in vielen anderen Fällen mythischer »Feindseligkeit« liegt die Verantwortung für Chodorkowskis Schicksal voll und ganz bei Putin, unabhängig davon, ob der Präsident sie anerkennt oder nicht. Diese Verantwortung ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine historische.

Kapitel 12: Chodorkowski – mein liebster Feind

Wie wir bereits gesehen haben, war Putin nie sonderlich hart gegen seine realen und erst recht nicht gegen die imaginären Feinde. Nehmen wir Michail Kassjanow, russischer Ministerpräsident von 2000 bis 2004. Im Jahr 2006 trat er wieder mit einigen scharfen, putinkritischen Äußerungen in Erscheinung und wurde einer der Gründer der radikaloppositionellen, gesellschaftlichen Bewegung »Anderes Russland«. Deren Hauptlosung lautet »Russland ohne Putin«. Im Jahr 2012 unterstütze er offen den amerikanischen Magnitsky Act, der bei Putin einen Empörungssturm auslöste. Was war los mit Kassjanow? Er verlor seine Datscha von 11 Hektar in der Nähe von Moskau, die von Putin 2004 privatisiert wurde. Das war alles. Andere Annehmlichkeiten hingegen blieben unberührt, auch seine Freiheit und Unabhängigkeit. Oder nehmen wir Boris Nemzow, den ehemaligen Gouverneur der Provinz Nischny Nowgorod (1991 bis 1997) und ersten Vize-Ministerpräsident der föderalen Regierung Russlands (1997 bis 1998), Ex-Favorit und Beinahe-Nachfolger von Boris Jelzin. Schon viele Jahre betitelt er Putin als Diktator und Tyrann. 2008 bis 2009 folgten kritische Vorträge unter der Bezeichnung »Putin. Ergebnisse«. Folgen hatte dies keine für ihn. Vielmehr lebte er wie die Made im Speck und ist außerdem mit durchaus systemtreuen Oligarchen wie Michail Fridman oder Michail Prochorow befreundet. Chodorkowski ist die Ausnahme.

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