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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Das ist aber nicht richtig, was du da sagst. Ich habe niemals befohlen, daß sie alle fortfahren sollen …« sagte Prinzessin Marja. »Rufe Dronuschka!«

Dron kam und bestätigte Dunjaschas Worte: die Bauern seien auf Befehl der Prinzessin erschienen.

»Aber ich habe sie doch gar nicht rufen lassen«, sagte die Prinzessin. »Du hast es ihnen sicherlich nicht richtig bestellt. Ich habe doch nur gesagt, daß du ihnen das Getreide geben sollst.«

»Wenn Sie befehlen, gehen die Leute wieder fort«, erwiderte er endlich.

»Nein, nein, dann gehe ich lieber zu ihnen«, sagte Prinzessin Marja.

Obgleich Dunjascha und die Kinderfrau abredeten, ging Prinzessin Marja doch auf die Freitreppe hinaus. Dronuschka, Dunjascha, die Kinderfrau und Michail Iwanowitsch folgten ihr.

Sicherlich denken sie, daß ich ihnen das Getreide nur anbiete, damit sie hier, in ihrem Ort, bleiben sollen, während ich selber abfahre und sie der Willkür der Franzosen preisgebe, dachte Prinzessin Marja. Ich werde ihnen Quartier und Monatsraten auf unserem Gut bei Moskau versprechen. Andrej würde an meiner Stelle sicherlich noch viel mehr für sie tun, davon bin ich überzeugt, dachte sie, während sie in der Dämmerung auf die Menge zuging, die auf dem Anger vor der Scheune stand.

Die Menge kam in Bewegung und drängte sich zusammen, eilig wurden die Mützen gezogen. Prinzessin Marja schlug die Augen nieder und trat dicht an sie heran, wobei sie sich mit den Füßen in ihrem Kleid verfing. Es waren so viele alte und junge Augen auf sie gerichtet, es waren so viele verschiedenartige Gesichter da, daß Prinzessin Marja kein einziges dieser Gesichter einzeln unterscheiden konnte, und da sie es für unumgänglich hielt, mit allen auf einmal zu reden, wußte sie nun nicht, was sie anfangen sollte. Doch das Bewußtsein, daß sie die Vertreterin des Vaters und des Bruders sei, verlieh ihr abermals Kraft, und unerschrocken fing sie ihre Rede an.

»Ich freue mich sehr, daß ihr gekommen seid«, begann sie, ohne die Augen aufzuheben, und fühlte, wie schnell und heftig ihr Herz schlug. »Dronuschka hat mir gesagt, der Krieg habe euch zugrunde gerichtet. Das ist ein Unglück, das über uns alle hereinbricht, und es soll mir nichts zu viel sein, euch zu helfen! Ich selber gehe fort, weil es hier gefährlich ist … weil der Feind in der Nähe ist … und weil … Ich gebe euch alles, meine Freunde, und bitte euch, alles hinzunehmen, unser ganzes Getreide, damit ihr keine Not leidet. Wenn man aber zu euch gesagt haben sollte, ich gebe euch das Getreide nur deshalb, damit ihr hier bleiben sollt, so ist das nicht wahr. Im Gegenteil, ich bitte euch, mit all eurer Habe fortzufahren auf unser Gut bei Moskau, und nehme es auf mich und verspreche euch, daß ihr dort keine Not leiden sollt. Ihr sollt dort Wohnung und Getreide erhalten.«

Die Prinzessin hielt inne. In der Menge hörte man nur seufzen.

»Das tue ich nicht von mir aus«, fuhr die Prinzessin fort, »sondern im Andenken meines verstorbenen Vaters, der euch immer ein guter Herr gewesen ist, und im Namen meines Bruders und dessen Sohnes.«

Wieder hielt sie inne. Niemand brach das Schweigen.

»Das Unglück trifft uns alle gleich, darum wollen wir auch alles andre teilen … Alles, was mein ist, ist auch euer«, schloß sie und blickte in die Gesichter der Männer, die vor ihr standen.

Alle Augen schauten sie mit demselben Ausdruck an, über dessen Bedeutung sie sich nicht klar zu werden vermochte. War es Neugier, Ergebenheit, Dankbarkeit oder Angst und Mißtrauen – jedenfalls war der Ausdruck auf allen Gesichtern derselbe.

»Wir danken auch schön für Ihre Güte, aber das Getreide der Herrschaft zu nehmen, das kommt uns nicht zu«, sagte eine Stimme im Hintergund.

»Aber warum denn nicht?« fragte die Prinzessin.

Niemand gab eine Antwort, und Prinzessin Marja bemerkte, während sie sich in der Menge umsah, daß jetzt alle Augen, denen sie begegnete, sogleich zu Boden sahen. Alle Bauern schwiegen verstockt.

»Aber warum wollt ihr es denn nicht nehmen?« fragte sie noch einmal.

Wieder gab keiner eine Antwort.

Prinzessin Marja fühlte sich durch dieses Schweigen bedrückt; sie bemühte sich, irgendeinen Blick aufzufangen.

»Warum redet ihr denn nicht?« wandte sich die Prinzessin an einen alten Bauern, der, auf einen Stock gestützt, vor ihr stand. »Sag es doch, wenn du denkst, daß euch noch etwas fehlt. Ich tue alles«, sagte sie.

Sie hatte seinen Blick erhascht, doch der Bauer, als sei er ärgerlich darüber, ließ nun den Kopf ganz sinken und murmelte nur: »Warum sollen wir das annehmen? Wir brauchen kein Getreide.«

»Warum sollen wir alles im Stich lassen? Da machen wir nicht mit! Damit sind wir nicht einverstanden. Du tust mir leid, aber einverstanden sind wir nicht. Fahre du fort, allein …«, tönte es von verschiedenen Seiten aus der Menge.

Und wieder zeigte sich auf allen Gesichtern ein und derselbe Ausdruck, doch diesmal war es ganz sicherlich nicht der Ausdruck von Neugier und Dankbarkeit, sondern der einer grimmigen Entschlossenheit.

»Aber ihr habt das nicht richtig verstanden«, sagte Prinzessin Marja mit wehem Lächeln. »Warum wollt ihr denn nicht wegfahren? Ich habe euch doch Wohnung und Kost versprochen. Und hier wird euch der Feind nur zugrunde richten …«

Doch ihre Worte wurden wieder von den Stimmen aus der Menge übertönt.

»Wir sind nicht damit einverstanden. Mögen sie uns zugrunde richten! Dein Getreide nehmen wir nicht, wir sind nicht einverstanden!«

Wieder bemühte sich Prinzessin Marja, irgendeinen Blick aus der Menge aufzufangen, aber kein einziger war auf sie gerichtet, alle Augen schienen sie zu meiden. Es war ihr sonderbar und peinlich zumute.

»Sieh mal, die fängt’s geschickt an! … Folg ihr nur noch in die Leibeigenschaft … Steck dein Haus an und kusch dich wieder unter die Knute! … Als ob wir darauf reinfielen … ›Getreide will ich euch geben‹, sagt sie! …« hörte man Stimmen aus der Menge.

Prinzessin Marja ließ den Kopf sinken, trat aus dem Kreis zurück und ging ins Haus. Nachdem sie Dron noch einmal den Befehl erteilt hatte, daß morgen Pferde zur Abreise da sein sollten, begab sie sich auf ihr Zimmer und blieb hier allein mit ihren Gedanken.

12

Diese Nacht saß Prinzessin Marja lange am offenen Fenster in ihrem Zimmer und lauschte auf die Stimmen der Bauern, die vom Dorf her zu ihr herüberdrangen. Aber ihre Gedanken waren nicht bei ihnen. Sie fühlte, daß sie sie nicht verstehen konnte, soviel sie auch über sie nachdenken mochte. Sie dachte immer nur an das eine: an ihr Leid, das jetzt nach der Unterbrechung, die es durch die Sorgen um die Gegenwart erfahren hatte, für sie schon zu etwas Vergangenem geworden war. Sie konnte sich jetzt wieder erinnern, konnte weinen, konnte lachen.

Mit Sonnenuntergang hatte sich auch der Wind gelegt. Die Nacht war still und kühl. Gegen zwölf Uhr verklangen die Stimmen allmählich. Ein Hahn krähte. Hinter den Linden trat der Vollmond hervor. Ein frischer weißer Nebeltau stieg auf, und über dem Dorf und über dem Haus lag tiefe Stille.

Eines nach dem anderen traten die Bilder dieser letzten Vergangenheit ihr wieder vor Augen: die Krankheit und die letzten Augenblicke ihres Vaters. Mit wehmütiger Freude verweilte sie jetzt bei diesen Bildern und verscheuchte nur mit Entsetzen das eine letzte, das Bild seines Todes, das sie nicht imstande war, das fühlte sie, in dieser stillen und geheimnisvollen Stunde der Nacht auch nur in der Erinnerung noch einmal zu schauen. Und diese Bilder traten ihr so klar und mit solchen Einzelheiten vor die Augen, daß sie ihr bald wie etwas Wirkliches, bald wie Vergangenes, bald wie Zukünftiges erschienen.

Einmal kam ihr besonders lebhaft der Augenblick in die Erinnerung zurück, als er den ersten Schlaganfall erlitten und man ihn unter die Arme gefaßt und aus dem Garten in Lysyja-Gory herausgeschleppt hatte. Damals hatte er mit ohnmächtiger Zunge etwas vor sich hingemurmelt, mit den grauen Augenbrauen gezuckt und sie unruhig und schüchtern angesehen.

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